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Literatenfunk

Moderne Architektur und ihre Formen
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 02.06.2016

Moderne Architektur und ihre Formen

Architekturbildbände sind schwer und sperrig, und man muß sich gut überlegen, mit wie vielen davon man seinen Wohnraum teilen kann. Eine Lösung wäre, amerikanischer Präsident zu werden, denn für Dokumente und Gegenstände aus deren Amtszeit wird anschließend immer eine eigene Bibliothek gebaut, wie die in diesem Buch abgebildete Lyndon-B.-Johnson-Bibliothek in Austin und die Jimmy-Carter-Bibliothek in Atlanta. Ich stelle mir manchmal vor, wie meine armen Nachkommen später widerwillig meine Schätze aussortieren, zu müde und gestresst, um noch genau hinzusehen. Der Wiederverkaufspreis der meisten Bücher liegt ja schon nach dem Erwerb praktisch bei Null. Was soll man also mit kiloschweren Bildbänden? Bilder gibt es doch im Internet genug? Manchmal siegt aber die Gier, und deshalb habe ich wieder einen davon in meiner Wohnung aufgenommen: Nicolas Grospierre "Modern Forms – A subective Atlas of 20th-Century Architecture". Schon beim Cover rieselt es mir angenehm den Rücken runter, denn darauf sieht man einen spektakulären, auf Betonpfeilern stehenden Plattenbau-Wohnblock in Petersburg, 1987 gebaut, im Volksmund "Haus auf Hühnerbeinen" genannt, sozusagen Babajagas Plattenbauwohnung. Ich habe ihn selbst einmal fotografiert, ganz in der Nähe hatte ich ein Airbnb-Zimmer gebucht, die Vermieterin hatte behauptet, es sei mit der Metro nur 15 Minuten vom Zentrum entfernt, was das in Petersburg bedeutete, habe ich dann bald herausgefunden. Ich bin natürlich froh, dass dieses Gebäude solche Ehren erfährt, aber auch ein bisschen neidisch, weil ich es doch selbst entdeckt hatte. So geht es mir mit einigen der im Buch versammelten Gebäude, ich wünsche ihnen größeren Ruhm, bin aber auch eifersüchtig, weil ich sie so liebe, z.B. die Bojana-Residenz in Sofia von 1973 (seit 2000 das Bulgarische Nationalmuseum für Geschichte), oder das elegant geschwungene Betondach der Srodmescie-Station in Warschau von 1963. Ein Bau, der sich wohltuend von den seit den 90ern dort errichteten gesichtslosen Glastürmen unterscheidet. Was man als Architekturtourist leider nicht kann, ist, Gebäude nebeneinander betrachten, die zusammengehören, bzw. interessante Kontraste bilden, aber auf verschiedenen Kontinenten stehen. Man müsste schon sehr, sehr reich sein, um nicht nur Kunst, sondern auch Architektur sammeln zu können, also Gebäude zu kaufen und aufs eigene Anwesen zu verfrachten. Schon die Kontinuität im Werk eines einzelnen Architekten, sagen wir Erich Mendelsohn, nachzuverfolgen, kostet viele Urlaube und Reisekilometer. Aber ist es nicht wundervoll, wenn man dann endlich vor einem Original steht, von dem man bisher nur Abbildungen kannte? Ich habe dann bisher immer mehr gesehen als auf allen Bildern, weil ja auch die verbeulten Mülleimer davor interessant sind, oder die Werbung, mit der die Fassade neuerdings verhängt ist. (Wie konnte mir das Institut für Robotik in Petersburg entgehen? Und die parabolische Vogelvoliere im Zoo von Sofia? Letzteres natürlich, weil ich in Osteuropa keine Zoos besuche, aus Angst vor dem Anblick der gequälten Tiere. Herrlich zu erfahren, dass die Sofioter meinen, das Gebäude sei vom Züricher Zoo abgekupfert, wo es zu der Zeit aber gar keine Voliere gab. Anderes habe ich gesehen, ohne mich damals dafür interessiert zu haben, z.B. die Wabenfassade vom Autobusbahnhof in Kaliningrad. Man müsste also noch einmal hin.) Osteuropa war für Architekturfotografen nach der Wende offenbar eine Schatzkammer, was auch daran lag, dass dort niemand die Schätze würdigte. Immer wieder erschienen in den letzten Jahren großartige Bildbände: absurd monolithische und kühn-konstruktivistische sowjetische Bauten wurden gewürdigt, die Vielfalt der abstrakten Fassaden ungarischer Einfamilienhäuser, spektakuläre Mosaike und Betonstrukturen an Plattenbauten in Zentralasien, die sowjetische Bushäuschenvielfalt. Manches davon findet man bei Grospierre wieder: das runde Saljut-Hotel in Kiew, die aufeinandergestapelten Quader des Verwaltungsgebäudes des Ministeriums für Straßenbau in Tiflis, Bushäuschen aus Litauen und von der Krim. Das Besondere an Grospierres Buch ist, dass er sich für Formen interessiert und eine Bildsequenz komponiert, bei der verwandte Formen ineinander morphen und man von Wartehäuschen-Betonpilzen über Sporthallenkuppeln, Hyparschalendächer und quaderförmige Solitäre immer weitergeleitet wird, bis man wieder am Betonpilz vom Anfang ist. Er stellt Gebäude unabhängig von Entstehungszeit und Ort nebeneinander und plötzlich ist der fensterlose Betonwürfel des Archivgebäudes in Atlanta von 1965 ein naher Verwandter des Kulturhauses in Alupka (Krim) von 1977. Das Hyparschalendach einer Reinigung in Illinois von 1959 sieht wie die Schwester des Dachs der Ochota-Station in Warschau von 1963 aus. (Das ostdeutsche Hyparschalenerbe, das hier gut gepasst hätte, fehlt leider im Buch.) Ein Betonpilz-Bushäuschen auf der Krim lächelt zum Betonpilz (und Hubschrauberlandeplatz) des unvollendeten Spaces Museum auf Oscar Niemeyers "International Fair" in Tripoli (Libanon) hinüber. (Hier vermisst man den Betonpilz am Kornhaus in Dessau. Was für eine wundervolle Bauform! Ein riesiges Exemplar am Busbahnhof in Halle ist in den 90ern abgerissen worden.) Die Formen werden zu Rätseln. Man möchte mehr darüber erfahren, wo sich die, oft unbekannten, Architekten inspiriert haben. Mir ist das als vollkommenem Laien anfangs mit runden, vorkragenden Balkons so gegangen, die ich in Sarajewo, Bukarest, Belgrad gesehen habe, ohne zu ahnen, dass es eine emblematische Bauform der Bauhaus-Tradition ist, die sich natürlich auch in Berlin findet. Dadurch dass Grospierre es schafft, die Menschen weitgehend von seinen Bildern zu verbannen (wie eigentlich?), wirken viele Gebäude wie der Set eines Zombiefilms. Seltsam sich vorzustellen, dass diese Architektur tatsächlich in der Gegenwart immer wieder den Bildhintergrund von kriegerischen Konflikten darstellt. Die "International Fair" in Tripoli, 1975 von Oscar Niemeyer gebaut und wegen des Bürgerkriegs nicht beendet. Große halb verfallene Hotels in Batumi, die abchasischen Flüchtlingen jahrelang als Unterkunft dienten. Die Krim, ein Paradies der Bushäuschenkultur, was haben sie inzwischen sehen müssen? Und wieviel schon abgerissen ist! Dass im ehemaligen Palast für Hochzeiten in Tiflis jetzt einer der reichsten Georgier wohnt, ist für das Gebäude wahrscheinlich noch ein Glück. Die Qualität der Bilder bekommt man so nur in einem Buch, man kann dem Autor aber auch bei tumblr folgen. Es gibt ja inzwischen Facebook-Architekturgruppen, wie die Brutalism-Appreciation-Society (einer der wenigen Gründe noch bei Facebook zu sein), wo tausende Mitglieder Entdeckungen posten und sie der Schwarmintelligenz zur Diskussion vorlegen. Eine Demokratisierung des Architekturdiskurses. Es gibt auch eine sehr schöne Gruppe "Polisz Arkitekczer" für besonders absurd-hässliche polnische Neubauten der Gegenwart. (Vielleicht darf ich hier auch meine eigene Facebook-Seite mit Fundstücken erwähnen: "gebrauchsanweisungfuerostdeutschland"). Aber wer weiß, wie lange es das Internet noch gibt? Vielleicht ist es besser, sich Bildbände wie diesen zuzulegen, der den Blick für das Spektakuläre an der inzwischen gefährdeten Architekturmoderne schärft und damit auch Ideologiezertrümmerung betreibt. Außerdem weckt er große Reiselust. Man möchte das auch alles sehen. Offenbar müsste man einmal nach Katowice fahren, eine Stadt, von deren Besuch einem Einheimische wohl eher abraten würden. Überhaupt scheint das eine Faustregel auf Reisen zu sein, immer nach den vermeintlich hässlichsten Orten zu fragen, um dann genau dort architektonische Entdeckungen zu machen, von denen kein Reiseführer berichtet.

8,6
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Kommentare 1
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor mehr als einem Jahr

    "Gebrauchsanweisung für Ostdeutschland" ist tatsächlich ein guter Grund bei Facebook zu sein.