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Literatenfunk

Misogyne Literatur – Krimiklischee oder Abbild der Gesellschaft?

Karla Paul
Kulturjournalistin
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Karla PaulFreitag, 30.04.2021

Susanne Kaiser thematisiert im Deutschlandfunk ein seit jeher existierendes Problem der Kriminalliteratur: die offensichtliche Misogynie. Selbst wer lieber Cozy Crime liest, statt blutigem Psychothriller, dem wird Folgendes schon aufgefallen sein: viele oft junge, wunderschöne Frauen werden in der Masse getötet, oft aus patriarchalen Gründen – der Ermittler als Held klärt auf und kann so weitere Frauen vor dem Täter retten. 

Sie werden entführt, vergewaltigt, getötet, verstümmelt, zum Schweigen gebracht – und sind dabei begehrenswert. Weder Leichenstarre noch Verwesungsprozess können ihrer Anmut etwas anhaben. Aber was wird uns da eigentlich gezeigt, so ganz nebenbei im Abendprogramm, wenn überdurchschnittlich oft junge Frauen und Mädchen auf diese Weise Opfer von Gewaltverbrechen in Fernsehkrimis werden?

Nun ist die Frage – ist das einfach nur das erschreckend realistische Abbild unserer Gesellschaft oder bedienen sich die Schreibenden unbewusst oder sogar bewusst misogynen Klischees, die dann vom Publikum aufgrund der Gewohnheit nur allzu gern aufgenommen werden? Wie drehen wir das wieder um und wieviel Einfluss hat dieses Muster durch beharrliche Wiederholung auf die Zuschauer*innen oder Leser*innen? 

An fast jedem dritten Tag wird laut Familienministerin Giffey in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Und alle 45 Minuten wird – statistisch gesehen – eine Frau Opfer von vollendeter und versuchter gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt. Das ist nur ein Teil der belegten Gewalt gegen Frauen an jedem einzelnen Tag, von Belästigung, Stalking, Hate Speech und mehr reden wir da noch gar nicht. 

Legitimieren, verherrlichen wir diese Taten durch die Medien, die dies reproduzieren und nicht in einen kritischen Kontext stellen? Neben den Büchern und den Filmen gibt es ja auch in der Musik wie z. B. im Deutschrap weiterhin ein massives Problem mit Gewalt in allen Formen. 

Aber da ist noch mehr, nämlich die Funktion, die Gewalt gegen Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft erfüllt. Dadurch, dass diese Gewalt allgegenwärtig ist, ständig wiederholt und gezeigt wird und unsere Popkultur durchdringt, wird ein Bedrohungsszenario geschaffen. „Kenne deinen Platz“ suggeriert es dem weiblichen Teil der Gesellschaft. „Nimm dir nicht zu viel, gehe nicht mit Fremden mit und schon gar nicht ins Bett, wehre dich nicht gegen männliche Macht, sonst ist es ja kein Wunder, wenn ...“ Frauen sollen nicht autonom sein, sie sollen beschützt werden müssen. Wenn sie nachts im Dunkeln alleine auf der Straße Angst haben und Männer nicht, dann haben solche Krimiszenarien daran einen Anteil.

Nun greift Susanne Kaiser ("Politische Männlichkeit – Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen") das Problem gezielt auf – eine Lösung hat sie allerdings nicht. Wir können nur achtsamer werden und diese Themen größer diskutieren, auch die Unterschiede in den jeweiligen Medien benennen. Wird verherrlicht oder kritisiert? Dient die Gewalt als nachvollziehbares Beispiel für ein gesellschaftliches Problem (natürlich auch gegenüber diskriminierten Gruppen) oder zur reinen Lusterzeugung bei den Leser*innen? Wo ziehen wir die Grenze? Wie können wir es besser machen? 

Misogyne Literatur – Krimiklischee oder Abbild der Gesellschaft?

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Kommentare 7
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor 5 Tagen

    Ein entscheidender Punkt ist der, den Michael Haneke benennt, wenn er immer wieder kritisiert, viele Filme (man kann wohl auch sagen Krimis in Buchform) entrealisieren Gewalt und machen sie dadurch konsumierbar.

    "Das ist wie in der Geisterbahn. Ich lasse mich bewusst erschrecken, aber ich weiß, es kann mir nichts passieren. Ich erinnere mich, als »Pulp Fiction« von Quentin Tarantino herauskam, saß ich in einer Nachmittagsvorstellung mit lauter Jugendlichen. Als in der berühmten Szene einem Jungen das Gehirn weggeblasen wird, war da ein Riesenhallo im Kino. Die fanden das super, die haben sich totgelacht.

    SPIEGEL: Und Sie?

    Haneke: Ich war verärgert. Weil ich das unverantwortlich finde. Ich kann Gewalt nicht aushalten. Ich bin allergisch gegen jede Form von körperlicher Gewalt. Sie macht mich krank. Es geht nicht, dass man das als Spaß konsumierbar macht.

    SPIEGEL: Interessant, dass Sie das sagen. Denn Ihre Filme strotzen ja vor Gewalt.

    Haneke: Aber sie zeigen sie nicht, sie nehmen ihr den Attraktionswert. Weil der obszön ist. Ich halte es für intelligenter, mit der Phantasie des Zuschauers zu arbeiten. Die Phantasie des Zuschauers ist immer stärker als jedes Bild. Das Knarren auf der Diele ist schlimmer als das Monster, das in der Tür steht.

    https://www.spiegel.de...

  2. Dominique Lenné
    Dominique Lenné · vor 5 Tagen

    Eigentlich sollten Männer mehr Angst haben, denn sie werden in allen Ländern häufiger Opfer von Gewaltverbrechen als Frauen.
    Offensichtlich spiegelt die Literatur das nicht wieder. Wie kommt's?
    Ich kann es nicht erklären. Man könnte in extrema sogar so weit gehen, zu sagen, dass ein toter Mann nicht so viel Aufmerksamkeitswert hat wie eine tote Frau - schließlich ist Kampf und das damit verbundene Risiko "Berufsrisiko" des Mannseins.

    https://de.statista.co...

    1. Karla Paul
      Karla Paul · vor 5 Tagen

      Das patriarchale Verhalten von Männern tötet sowohl ihr eigenes Geschlecht als auch Frauen - diese aber sogar in der eigenen Partnerschaft. In dem Zuhause, in dem sie sicher sein sollten, ebenso wie die Kinder. Das nun umzudrehen und zu behaupten, ein toter Mann hätte nicht den gleichen Aufmerksamkeitswert, das ist schon ein starkes Stück - man könnte in extrema sogar so weit gehen, dass man es als Misogynie bezeichnet. Ich empfehle diesbezüglich noch einmal alle Texte von Margarete Stokowski als Grundlage.

      Ich zitiere Atwood: "Männer haben Angst von Frauen ausgelacht zu werden - Frauen haben Angst, von Männern getötet zu werden."

    2. Dominique Lenné
      Dominique Lenné · vor 5 Tagen

      @Karla Paul Keine Misogynie - das mit dem Aufmerksamkeitswert bezieht sich darauf, dass im Krimi die Opfer auffallend oft Frauen sind. Dahinter steckt eine ad hoc Hypothese von mir, wonach die Autor:innen ihre Opfer nach ihrem eigenen und beim Publikum angenommenen Aufmerksamkeitswertsystem auswählen und inszenieren.

    3. Thomas Wahl
      Thomas Wahl · vor 5 Tagen

      "Im Jahr 2019 wurden 280 Personen in Deutschland Opfer eines Mordes. Noch im Vorjahr lag die Zahl der Mordopfer in Deutschland bei 245, dies war der niedrigste Wert in den hier abgebildeten 20 Jahren. Insbesondere in den Jahren zwischen 2000 und 2012 ist die Zahl der ermordeten Personen deutlich zurückgegangen. "

      https://de.statista.co...

      Im Fernsehen sehen wir wahrscheinlich mehr Morde als im ganzen Jahr in Deutschland wirklich vorkommen.

  3. Cornelia Gliem
    Cornelia Gliem · vor 7 Tagen · bearbeitet vor 7 Tagen

    Das kann natürlich ein Klischee. Allerdings eines unter vielen. In fiktitionalen Narrationen nennt man das auch Plots. ich bin mir aus dem stehgreif nicht sicher auf wie viele Krimis das zu trifft. Mir fallen eine ganze Reihe ein wo die Opfer nicht "weiblich jung schön" sind.
    Aber ok: oft genug wird mit dem 'schönen Tod' und dem 'Tod der Schönen' erotisiert. und ja auch Angst gemacht. Zumindest deutsche Krimiserien oder damals Akte X haben mir als Kind und Jugendliche durchaus als "Frau" angst gemacht im dunklen raus zu gehen, allein durch den Park oder vor Männergruppen an der Straße. Aber sicherlich nicht nur dadurch :-) ...

    1. Karla Paul
      Karla Paul · vor 7 Tagen

      Ist für mich eben auch eine schwer zu ziehende Grenze - schließlich bedingt die Realität die Fiktion und umgekehrt. Trotzdem sollten wir es grundsätzlich achtsamer hinterfragen und lesen bzw. auch als Schreibende bedenken, wie viel Gewalt und Ausschlachtung von Klischees notwendig ist für die tatsächliche Handlung. Ist für mich aber ein grundsätzliches Thema, da ich merklich weniger Blut und Splatter vertrage und auch in der Literatur nicht mehr lesen möchte.

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