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Literatenfunk

Michel aus Prenzlauerberga
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 27.07.2017

Michel aus Prenzlauerberga

Kinderbücher werden besonders schnell altmodisch, es sei denn, sie sind wirklich für Kinder geschrieben und nicht in Wirklichkeit als Erziehungsgeheimwaffe für deren Eltern gedacht. Astrid Lindgrens drei Bände über Michel aus Lönneberga könnten eine harmlose Idylle sein, ähnlich der Unzahl von Bauernhofkinderbüchern, die es heute zu kaufen gibt, und deren Darstellung der ländlichen Idylle in krassem Gegensatz zur Realität in der industriellen Landwirtschaft steht. Astrid Lindgrens Bücher haben unser Skandinavienbild so geprägt, dass man bei uns Deutschen schon von einem Bullerbü-Syndrom spricht. Dabei kommt bei ihr zur Idylle einiges an Realismus dazu, wenn eine Sau zehn ihrer neugeborenen Ferkel sofort totbeißt, wenn Guttempler auf Katthult erscheinen, um Michel zur Nüchternheit zu bekehren, wenn Familien nach Amerika auswandern, wenn die Raufbolde sich nach der beliebten Jahrmarktsprügelei Moos in die blutenden Nasenlöcher stecken. Oder wenn die Magd in der Küche in einer Schlafbank schläft und die Alten im Armenhaus leben müssen, unter ihnen auch Stolle-Jocke, der Großvater des Knechts Alfred, womit angedeutet wird, welches Schicksal unverheiratete Knechte damals erwartete.

Beim Wiederlesen als Erwachsener beeindruckt mich aber vor allem die ungewöhnliche Bindungskonstellation, in der Michel lebt. Michels geiziger Vater ärgert sich eigentlich fortwährend über seinen Sohn, ihr intensivster Kontakt besteht darin, dass er ihm hinterherrennt, wenn Michel in den Tischlerschuppen flüchtet, um sich von innen einzuschließen, während der Vater von außen zuschließt. Michels Mutter hat zwar Verständnis für ihn und nimmt ihn immer wieder in Schutz, aber ihre zärtlichste Geste besteht darin, ihn vorsorglich in den Tischlerschuppen zu geleiten, bevor der Vater die neueste Untat entdeckt hat. (Ganz Lönneberga sammelt schon Geld, damit Michels bedauernswerten Eltern ihn nach Amerika schicken können.) Michels eigentliche Bezugsperson ist der Knecht Alfred, für den er ein Ersatzsohn ist und eine angenehmere Gesellschaft als die ihm mit Heiratswünschen nachstellende, einfältige Magd Lina. Michel und Alfred sind Vertraute und gehen nachts zusammen im See schwimmen:

'Du und ich, Alfred', sagte Michel.

'Ja, du und ich, Michel', sagte Alfred. 'Bestens, bestens!'

Als Michel die bei der Weinherstellung vergorenen Kirschen nicht, wie von der Mutter aufgetragen, vergräbt, sondern ahnungslos an das Schweinchen und den Hahn verfüttert und schließlich selbst davon isst, wird er betrunken aufgefunden. „Und dann saß Alfred, Michel im Arm, den ganzen Abend auf der Vortreppe des Knechtshauses. Er half ihm, wenn er sich übergeben mußte, und tröstete ihn, wenn er weinte. Ab und zu wachte Michel auf und dann weinte er über seine Schlechtigkeit.“ Bis der Mond über Katthult aufsteigt liegt Michel so in Alfreds Armen. „'Wie geht es dir, Michel?' fragte Alfred, als er sah, daß Michel die Augen ein wenig bewegte. 'Ja, noch lebe ich', sagte Michel mit matter Stimme, und dann flüsterte er: 'Aber wenn ich sterbe, dann sollst du, Alfred, den Lukas haben.' 'Du stirbst nicht', versicherte Alfred.

Wo sind an diesem Abend, an dem es ihrem Sohn so schlecht geht, Michels Eltern? Warum kümmert sich nicht seine Mutter um ihn, sondern der Knecht? Das braucht bei Astrid Lindgren keine Erklärung, vielleicht war das früher einfach so. Alfred und Michel haben eine Beziehung, wie sie eigentlich Vater und Sohn haben sollten. (Kein Wunder, dass Lina eifersüchtig ist und immer gegen Michel stichelt.)

Im Gegenzug rettet Michel am Ende des dritten Bandes Alfred das Leben, als der sich beim Schnitzen von neuen Zähnen für den Rechen in den Finger schneidet und eine Blutvergiftung zuzieht (eine Szene, die ich nie vergessen habe, und wegen der ich als Kind bei jeder Schnittwunde ängstlich beobachtete, ob etwa ein roter Streifen von der Wunde zum Herzen wanderte: „Die roten Streifen waren hinaufgekrochen bis zu den Achselhöhlen, es sah schauerlich aus. Krösa-Maja nickte bestätigend. 'Wenn die zum Herzen gehen, die Streifen da, dann isses Schluß, dann stirbt er.'“) Wenn Michel nicht so ein willensstarker, eigensinniger Junge wäre, würde er sich nicht zutrauen, den todkranken Alfred im Schneesturm um 4 Uhr morgens mit dem Schlitten nach Mariannelund zum Arzt zu fahren. Ein bisschen Glück braucht er auch, denn um ein Haar erfrieren sie unterwegs, aber Michel ist „stark wie ein kleiner Ochse“.

Es ist für ein Kinderbuch eine Szene von ungeheurer Intensität, die Rollen werden getauscht, das Kind übernimmt die Verantwortung und wächst über sich hinaus, als seine Eltern schon aufgegeben haben. Und das ist eine wichtige Aussage an diesem Buch, die Eigenschaften des Kindes, die es für die Eltern unbequem und anstrengend machen, sind gerade die, die es im Leben weiterbringen werden. Im Moment führen sie aber noch zu lauter kleinen Katastrophen, deren unvollständige Chronik das Buch ist. Die Autorin beruft sich ja auf Michels Mutter, die über seinen „Unfug“ gewissenhaft in blauen Heften Buch geführt hat. Wobei die Hefte schon aus der Schublade quellen. Die andere Materialisierung seiner Schuld sind natürlich die Holzmännchen, die Michel bei jedem Strafaufenthalt im Tischlerschuppen schnitzt, nur ein paar davon vergräbt die Mutter heimlich hinter den Johannisbeersträuchern, weil sie zu sehr dem Pfarrer ähneln. Die Streiche sind aber nie böse gemeint. Wenn Klein-Ida Mariannelund sehen will, dann zieht er sie eben am Fahnenmast hoch, sie findet das herrlich. Wenn die Eltern so gegen Alkohol sind, dann zerschlägt er eben im Keller die Kirschweinflaschen, die für Frau Petrell gedacht waren, mit einem Schürhaken. Wenn die Armen im Armenhaus zu Weihnachten nichts zu essen haben, dann spendiert er Kalle-Karo, Johann-Ein-Öre, Trödel-Niklas, Lumpen-Fia, Unken-Ulla, Salia Amalia und der Vibergschen eben das für die Familie vorgesehene Festessen. (In den Büchern wird sehr viel gegessen, immerzu gibt es Festschmäuse mit einer Unzahl an Speisen, so interessanten wie Blaubeersuppe, Ingwerbirnen, Wacholderbier, gesalzener Ochsenzunge, Blutklößen, Blutbrot, Rosinen-Grützwurst mit Preiselbeeren, frisch gekirnter Butter, Aal in Gelee und Katharinenpflaumen, hinter denen sich Spillinge verbergen.)

Manches von Michels Unfug entpuppt sich auch als gute Idee. Er hat auf dem Bauernhof schon als kleines Kind viel über Tiere gelernt und besitzt am Ende eine zwar halb lahme, aber dafür besonders gute Legehenne, ein Pferd, das nicht etwa verrückt, sondern nur kitzlig ist und ein Schweinchen, das sich von ihm dressieren lässt. Oft hat Michel Glück, wenn er seinen kindlichen Impulsen folgt. Bei einer Auktion kauft er für Klein-Ida etwas so Unnützes wie ein mit Schneckenhäusern besetztes Samtkästchen. („Sie hielt es so, als sei es das schönste, was sie je in ihrem Leben bekommen hätte. Und das war es auch.“) In dem Kästchen liegen alte Briefe, und für eine der Briefmarken gibt ihm der Pfarrer 40 Kronen.

Astrid Lindgren arbeitet oft mit Slapstickelementen (die Illustrationen von Björn Berg sind viel karikaturhafter als in meiner Erinnerung), manche Pointen sind lange vorbereitet, wie Frau Petrells Ohnmacht, als Michel auf Stelzen durchs Fenster in ihre Blaubeersuppe fällt, und sie denkt, der Komet, mit dem für diesen Tag alle rechnen, sei tatsächlich auf die Erde gefallen. Michels armer Vater bekommt an einem einzigen Tag den Zeh in einer Rattenfalle eingeklemmt, eine Schüssel Kartoffelpufferteig und dann auch noch eine Schüssel Blutkloßteig ins Gesicht geworfen. Es gibt aber auch Momente, in denen Astrid Lindgren poetisch wird und die Natur sprechen läßt: „Wenn du auch einmal an einem frühen Sonntagmorgen im Juni in einem Wald in Smaland gewesen bist, dann wirst du dich sofort erinnern, wie das ist: Du hörst den Kuckuck rufen und die Amsel flöten, und du fühlst, wie weich die Kiefernnadeln unter deinen nackten Füßen sind und wie schön die Sonne deinen Nacken wärmt. Du gehst dahin und magst den Duft des Harzes von den Kiefern und Tannen, und du sieht, wie weiß die Walderdbeeren in den Lichtungen blühen.

Nach heutigen Maßstäben ist Michel ein fantasievolles, selbständiges, willensstarkes, humorvolles, herzensgutes, intelligentes Kind mit einem starken Gerechtigkeitssinn. Dass Astrid Lindgren (zu einer Zeit, als sich deutsche Eltern noch bei der ARD über die Sesamstraße beschwerten, weil Oskar, der Griesgram in einer Mülltonne wohnte), schon dafür geworben hat, das Potenzial solcher Kinder zu erkennen, die den Erwachsenen naturgemäß mehr abverlangen als Kinder, die sich leichter unterordnen, ist ein großes Verdienst.

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Kommentare 1
  1. Marcus von Jordan
    Marcus von Jordan · vor 21 Tagen

    wirklich Jochen...so schön! Und habe ich genau gebraucht den Tritt gerade...