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Literatenfunk

Meine blinden Flecken

Quelle: wikipedia

Annika Reich
Autorin
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piqer: Annika Reich

Meine blinden Flecken

Ich denke viel über Rassismus nach, vor allem über implizite Denkmuster und automatisierte Handlungsweisen, die ich an mir selbst beobachten kann. So beschäftigt mich auch mehr, wie wir über arabische Männer nachdenken, als die Frage, wie sie wohl sein mögen, diese Männer bzw. wie gut sie sich in „unsere“ Gesellschaft integrieren können. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr blinde Flecken entdecke ich dabei an mir selbst.

Jetzt habe ich Claudia Rankines großes Poem „CITIZEN. An American Lyric.“ gelesen und das, was ich in diesem Buch über meine Denkmuster als Weiße verstanden habe, haut mich um. Dass sich Rankines Text so in mich einschreiben konnte, liegt an ihrer präzisen, poetischen, schonungslosen und ungeschützten Sprache und an Szenen wie diesen: 

Du sitzt schon am Fenster der United Airlines Maschine, als Mutter und Tochter vor deiner Reihe zum Stehen kommen. Die Tochter schaut die Mutter an und gibt ihr zu verstehen, dass die zwei Sitze neben dir ihre Sitze seien. Verstehe, antwortet die Mutter, ich setze mich in die Mitte.

Die Therapeutin, bei der du gleich deine erste Sitzung haben wirst, sieht dich vor ihrer Haustür stehen und brüllt dich an, sofort ihren Hof zu verlassen. Als du ihr erklärst, du seist ihr nächster Termin, sagt sie: „Oh, oh, yes, that’s right. I am sorry. I am so sorry, so, so sorry.“ 

Die enge Freundin, die dich in einem zerstreuten Moment wie ihre schwarze Haushälterin nennt. 

Der Mann im Supermarkt, der die Kreditkarte deiner Freundin kommentarlos durchzieht und dich dann fragt, ob deine Karte auch funktioniere.

Der Typ, der sich in der Drogerie vordrängelt und sich dann mit den Worten entschuldigt: „Oh my God, I didn’t see you.“ Du bietest ihm noch ein: „You must be in a hurry“ an, aber er hatte es nicht eilig, du warst für ihn nur unsichtbar:„No, no, no, I really didn’t see you.“

In dem Kapitel über Serena Williams bin ich meinen eigenen impliziten Rassismen so nah gekommen, dass ich kaum darüber schreiben kann. Es ist schwierig, CITIZEN zu lesen, aber ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen.

In einem Rutsch.  

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