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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen - „Vergriffene Bücher“ - Der Weiße Strich
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Donnerstag, 15.09.2016

Mein kleiner Buchladen - „Vergriffene Bücher“ - Der Weiße Strich

Der weiße Strich – Vorgeschichte und Folgen einer Kunstaktion an der Berliner Mauer erschien 2011 im Christoph Links Verlag. Ich habe fast zwei Jahre mit dem weißen Strich verbracht. Im Freiburger Militärarchiv studierte ich die Berichte der Grenzkommandos zu Vorkommnissen an der Berliner Mauer, tippte Interviews ab, schrieb Sachtexte und las einen halben Kubikmeter Schriftgut der Staatssicherheit. Und fand eine Akte. Sie sollte alles verändern.

Von den fünf jungen Männern, die sich im Herbst 1986 in Westberlin entschlossen, einen weißen Strich über die Mauer zu ziehen, hatte einer der Stasi Informationen über seinen Freundeskreis geliefert. Jahre zuvor, in Weimar, wo alle fünf ihre Jugend verlebten und zur Ausreise getrieben wurden. Getrieben, weil durch aufmüpfiges Verhalten jedweder Art letztlich der Ausschluss aus der sozialistischen Gemeinschaft folgte. Zukunftsaussicht mit achtzehn = 0. Das ist ausführlich in den Interviews geschildert, die biografische Details liefern. Die Kunstaktion „Der weiße Strich“ endete 1986 mit der Verhaftung und Verschleppung eines der Maler in die DDR, ins Gefängnis.

http://www.spiegel.de/einestages/aktion-weisser-strich-an-der-berliner-mauer-a-947266.html

Mit einem der Protagonisten, meinem Lebensgefährten, schrieb ich das Buch und erlebte die emotionalen Auswirkungen der aufgefunden Stasi-Akte hautnah mit. Umbrüche im Freundeskreis: Trauer, Ratlosigkeit, Anfeindungen. Eine Ausstellung folgte, Presserummel zum Jubiläum des Mauerbaus 2011 – die Dreharbeiten begannen. Der Dokumentarfilmer Gerd Kroske hatte sich für den Stoff interessiert, insbesondere für die Geschichte der Brüder Onißeit, einer Stasi-Informant, der andere davon betroffen. Beide Maler des weißen Striches. Zur Premiere von „Striche ziehn“ in Leipzig 2014 kam nur einer der Brüder, und eine Urheberrechtsklage. Für Buch, Ausstellung und Film hatten wir Fotos verwendet, der Streit über die Rechte daran dauert bis heute. Der Film darf momentan nicht gezeigt werden, die Ausstellung ist eingemottet und das Buch vergriffen - als hätte es nie existiert.

Bitter der Gedanke, dass die inhaltlichen Auseinandersetzungen: Wie gehen wir mit Verrat um? Wer sind die eigentlichen Schuldigen an den Biografie-Brüchen der Generation Subkultur der DDR? zurücktreten hinter einen banalen Rechtsstreit, der Jagd nach dem Mammon.

Ich schreibe jetzt lieber Romane.

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