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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Vergessene Stars“ – Dean Reed
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Donnerstag, 24.08.2017

Mein kleiner Buchladen: „Vergessene Stars“ – Dean Reed

Es war im Palast der Republik. Er trug enge Jeans, das karierte Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Sang engelsgleich, winkte ins Rund, golden angestrahlt, bejubelt von tausenden Blauhemden – Dean Reed. Ich stand hinten im großen Saal und musste hopsen, um von unserem kommunistischen Cowboy etwas zu erhaschen. Ganz klar war meine Sicht sowieso nicht, ich hatte soeben von jeder Farbe ein Gläschen probiert. Alles war kostenlos an diesem 10. Juni 1984 und es gab riesige Tresen, vollgestellt mit Schnaps- und Likörgläsern auf weißen Tüchern, klar, gelb, dunkelrot, braun, grün und sogar blau.

Die Eintrittskarte hatte ich geschenkt bekommen, weil heute mein 18. Geburtstag war. Von den 200 Fachschulstudenten meiner Magdeburger Delegation zum Jugendfestival der DDR durfte nur ich zu der Party – und mein FDJ-Sekretär Peter, dem es peinlich war, dass ich trotz seines Protestes meine selbstgenähte Schlauchhose angezogen hatte, rot-weiß gestreift. Passte gut zum blauen Hemd.

Ich suchte mir ein Plätzchen in einem der Cafeteria-artigen Winkel des Palastes und baute Gläser vor mir auf. Andere waren schon weiter und schlummerten in den Schalensitzen ringsum. Manchmal schwappte etwas Dean Reed Gesinge um die Ecke. Ich kicherte vor mich hin, als plötzlich eine Gruppe älterer Blauhemden an den Tresen stürzte, in ihrer Mitte ein Mann mit einem sehr gelben Gesicht. Noch bevor er ein Glas leeren konnte, war ich auf mein Tischchen gestiegen und brüllte: „Egon, du musst aufpassen, du bist ja leberkrank!“ Als ich gerade weiter ausführen wollte, dass ich als angehende Krankenschwester mir wirklich Sorgen um Egon Krenz und seine Leber machte, fand ich mich schon auf dem Parkett wieder, in den bunten Lachen meiner Schnäpse. Dean Reed jubilierte dazu.

Daran musste ich heute denken, als ich in einer Kiste meines Lädchens die Broschüre „Die misslungene Exhumierung des Dean Reed“ fand, geschrieben von Klaus Huhn, 2004 im Berliner SPOTless Verlag erschienen. Auf 95 Seiten wird das ungewöhnliche Leben des berühmtesten DDR-Amerikaners beleuchtet, in den beiden Teilen „Über das Sterben des Dean Reed“ und „Über das Leben des Dean Reed“. Auch mir waren die Gerüchte bekannt, Dean Reed sei 1986, zunehmend enttäuscht von der Politik der DDR, von der Stasi ermordet worden – bevor er seinen Unmut laut äußern konnte. Fakt ist, Dean Reed wurde siebenundvierzigjährig in einem See am Rande Berlins tot aufgefunden.

Reed war bereits als Musiker durch Südamerika und die UdSSR getourt und hatte ein Dutzend Italowestern gedreht, als er 1971 auf der Leipziger Dok-Filmwoche von einer schönen Frau den Satz „You are the best looking man of the world“ hörte – ein Jahr später zog der bekennende Marxist und US-Patriot in die DDR, heiratete mehrmals, gab Konzerte, spielte und drehte schließlich den Film „Sing, Cowboy, sing!“ Sein Stern war zuletzt ziemlich gesunken.

Klaus Huhn versammelt in dem Bändchen Dokumente, um die Suizid-These zu belegen; das Obduktionsprotokoll von O. Prokop, die Aussage eines Kriminalisten und ein Statement – von Egon Krenz, einem engen Freund des Sängers, der sich 2003 mit Tom Hanks traf, um über dessen geplante Verfilmung von Reeds Leben zu sprechen. Dazu kam es nie. Dean Reed ist so gut wie vergessen, kein Roman, nicht einmal eine Erzählung hat sich des bis in den Tod überzeugten Kommunisten angenommen.

In seinem Abschiedsbrief, den Huhn ebenfalls in Auszügen zitiert, schrieb Dean Reed: „Ich glaube nach wie vor an die fortschrittliche Übermacht.“

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