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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Systemgeprägte Publikationen“ – Die Rebellion der Betrogenen
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Dienstag, 20.02.2018

Mein kleiner Buchladen: „Systemgeprägte Publikationen“ – Die Rebellion der Betrogenen

„Die Jungen und Mädchen sind selten älter als 20, sie sitzen oder stehen in Grüppchen herum, rauchen, lassen ein paar Pullen kreisen und zelebrieren ansonsten Langeweile. Was diese Jugendlichen von den hin-und hereilenden Passanten so drastisch unterscheidet, sind die kahlgeschorenen Schädel oder exotisch gefärbten Strubbelhaare. Tiefschwarz oder knallrot ummalte Augen starren die Vorübergehenden an, Wangen und Stirn sind mit dekorativen Streifen oder Ornamenten verziert. Rasierklingen und Sicherheitsnadeln klappern leicht im Wind, die zerfetzten Hosen und zerrissenen Jeans- oder Lederjacken sind nietenbesetzt und mit Lederriemen und Schnüren versehen. Hundehalsbänder und Toilettenketten funkeln im Neonlicht der Leuchtreklamen.“

Mein Seufzen ob dieser Schilderung lässt den Lehrer für Marxismus-Leninismus nach hinten spähen. Frühling 1985, ich sitze in der letzten Reihe des Klassenraums, auf den Knien das frisch erschienene nl-konkret Heft 67, „Die Rebellion der Betrogenen. Rocker, Popper, Punks und Hippies – Modewellen und Protest in der westlichen Welt?“ Auf dem Cover völliger Unfug: eine Jeansjacke mit gerupftem Mercedesstern, Rose, eisernem Kreuz, Ohr, Rasierklinge und Buttons. „Fräulein Hahn, bitte?“ Ich klemme das Heft zwischen die Knie, beantworte dem Lehrer die Frage nach den Produktionsverhältnissen herunterleiernd. Das Zeug kenne ich seit der 7. Klasse auswendig, jetzt in der Fachschulausbildung zur Krankenschwester kommt nichts neues hinzu. Um mich brandet das Schwatzen der drei Dutzend Schwesternschülerinnen, der Lehrer schreibt etwas an die Tafel. Das Heft wieder aufgeschlagen, mit heißen Herzen weiter. Nach obiger Schilderung im ersten Kapitel „Paradiesvögel der Gesellschaft“ holt der Autor Thomas Heubner weit aus, gleitet von Diogenes in der Tonne einige Jahrhunderte weiter zu Franziskus von Assisi und landet bei den ersten Bohemiens. Zeit für ein einordnendes Zitat:

„Karl Marx und Friedrich Engels schrieben über sie: 'Ihre schwankende, im einzelnen mehr von Zufall als von ihrer Tätigkeit abhängige Existenz, ihr regelloses Leben, dessen einzige fixe Stationen die Kneipen… sind – die Rendevouzhäuser der Verschworenen – ihre unvermeidlichen Bekanntschaften mit allerlei zweideutigen Leuten rangieren sie in jenen Lebenskreis, den man in Paris la bohéme nennt'…“

Ich bin 18 Jahre alt und brauche Orientierung. Meine Stammbuchhandlung gibt Hilfestellungen, z.B. informiert die "konkret" - Reihe des Verlages Neues Leben (seit 1971) junge Menschen detailliert über Anarchismus und Rebellion in den westlichen Ländern, Ketzer im Mittelalter, den menschlichen Körper und gebräuchliche Sexualtechniken, über Parapsychologie und schwarze Löcher. Zurück zu den Bohemiens auf meinen Knien, begeistert entdecke ich, dass unser Johannes R. Becher (u.a. erster DDR-Kulturminister) als Bohemien charakterisiert wird! So hat Oskar Maria Graf über eine Begegnung mit Johannes R. Becher von 1911 später geschrieben:

„Ich war damals siebzehn und eben von zu Hause fortgelaufen. Er war nicht viel älter, aber schon eine Hoffnung expressionistischer Dichtkunst. Er schrieb wilde Verse […] führte ein genialisches Leben, war lange Zeit Morphinist und Kokainschnupfer, zeitweise Liebhaber exzentrischer Huren, schoß schließlich eine Geliebte nieder und jagte sich die letzten Kugeln in den Leib, kam vor Gericht und ins Irrenhaus, heiratete öfter und trat in den damaligen Münchener Künstlerkabaretts auf…“

Mein lautes "oha" lässt den Lehrer erfreut vermuten, ich wolle etwas zu seiner aufgemalten Pyramide der Diktatur des Proletariats äußern, nein, auch gut, es klingelt und wir müssen den Raum wechseln, rüber zur Anatomie. Auf dem Flur remple ich lesend einige Physiotherapiestudentinnen an, eine zeigt mir nen Vogel, ich verrrutsche mit dem Finger auf die gegenüberliegende Seite und erfahre:

„Um so bedeutungsvoller ist, daß sich Johannes R. Becher zu einem der anerkanntesten sozialistischen Dichter entwickelte. Er blieb nicht bei der kurzatmigen und individuellen antibürgerlichen Rebellion stehen, sondern fand Anschluß an den Spartakusbund, an die junge KPD…“

Die Wirbelsäule kenne ich noch nicht und muss die Beatniks überfliegen, columna vertebralis, Jack Kerouac, pediculus arcus vertebrae, exzentrische Kleidung und Lebenshaltung, foramen vertebralae, bevorzugen Kellerwohnungen, processus spinosus, Freude am Schmutz. Bei Atlas und Axis lasse ich das Heft in meine Tasche gleiten und hole es erst nach dem Sportunterricht wieder raus, an die sonnengewärmte Wand des Schulgebäudes gelehnt. Ich träume, lasse die Augen geschlossen und höre Rasierklingen und Sicherheitsnadeln leicht im Wind klappern.

Rock’n’roll, Halbstarke, Pilzköpfe, Hippies, Hells Angels, sexuelle Revolution - was kommt denn noch alles vor meinen Punks? Die elektrisieren mich. Ich überfliege in der Straßenbahn Heubners scharfe Kritik an Undergroundaktivisten wie William Burroughs, denen ginge es nicht um Veränderung der kapitalistischen Gesellschaft, denn ihr Protest wüchse kaum über das „Aussprechen des Angeekeltseins“ hinaus. Ihre Kunst seien sinnlose Formspielereien, Pseudorealismus, zeugten von geistiger Armut, Dilettantismus und Scharlatanerie - und Heubner findet wieder ein Klassiker-Zitat:

"Lenin sagte schon 1920: 'Der durch die Schrecken des Kapitalismus 'wild gewordene‘ Kleinbürger ist eine soziale Erscheinung, die ebenso wie der Anarchismus allen kapitalistischen Ländern eigen ist.'“

Fast habe ich das Café Liliput - (unser Rendevouzhaus der Verschworenen) und nach ausführlichen Kapiteln über Arbeitslose, Hausbesetzer, Fußballfans, Skins und Popper auch endlich den Abschnitt "Kinder vom Müll oder Schock ist schick" erreicht. Er beschreibt die Bewegung, analysiert und zitiert Texte, "wir sind die Blumen im Abfalleimer" - es liest sich wie eine Anleitung! Ich muss es gleich mit meinen Freunden besprechen, werde immer aufgeregter. Wenn man nur einige Worte austauscht in Heubners Text, ist es wie für uns geschrieben, ist es ganz aktuell, real!

"Die Punks fühlen sich verraten und verkauft, eingeengt und gefangen in ihrer kapitalistischen Umwelt. Manche von ihnen tragen deshalb die dünnen Lederschlipse wie eine Schlinge um den Hals, Ledergurte und Ketten sollen Knechtschaft signalisieren..."

Das nl-konkret-Heft Nummer 67 ging mir damals verloren, nun habe ich es wieder gefunden. Ende 1985 begann ich, in Magdeburg Punkkonzerte zu organisieren.

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