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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen - Sachbücher: „Darknet“
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Montag, 10.06.2019

Mein kleiner Buchladen - Sachbücher: „Darknet“

Der Hannoveraner Student Karl Koch aus dem Umkreis des „Chaos Computer Clubs“, auch unter dem Pseudonym „Hag-bard“ bekannt, drang 1985 in den VAX-Großrechner des staatlichen Forschungszentrums für Teilchenphysik in den USA, dem Fermilab in Chicago, ein. „Er ging dazu mit einem Laptop in eine Telefonzelle in seiner Heimatstadt, verband sich über einen Akustikkoppler mit einer deutschen Universität und nützte deren Netzwerkverbindung in die USA, um in ein amerikanisches System einzudringen. Gemeinsam mit drei Kollegen fuhr er im Sommer 1986 zur sowjetischen Botschaft nach Ostberlin, um dem russischen Geheimdienst KGB seine Dienste anzubieten.“

Als ich noch an meinem letzten Roman arbeitete, (der inzwischen unvollendet in einem Ordner meines Laptops schlummert), interessierte ich mich für das Darknet. Eine meiner Figuren, eigentlich ein ganzes Völkchen, welches unterirdisch im Magdeburg der nahen Zukunft lebt und sich über das Darknet mit Informationen und Nachschub versorgt, surft also in dieser geheimnisvollen dunklen Datenwelt. Ich bestellte eine Neuerscheinung zum Thema. „Darknet – Die Welt im Schatten der Computerkriminalität“ von Cornelius Granig, Anfang des Jahres im Wiener Kremayr & Scheriau Verlag erschienen. Es wurde geliefert, ausgepackt und verschwand im Haufen der zu lesenden Bücher neben dem Bett.

Ich bemühe mich, nach einer gewissen Anzahl von Romanen (5 bis 8) wieder ein Sachbuch zu lesen, was mir mehr oder weniger gut gelingt. Ist es inhaltlich fakten- und anekdotenreich sowie sprachlich prosaisch gestaltet, wie stets bei Annett Gröschner, lese ich mit Unterbrechungen lange daran, ist es kurzweilig und schmal, hat es die Chance, in einem Ruck von mir gelesen zu werden. Besonders bei Sachbüchern, die eigentlich gar keine sind, wie Uli Hannemanns Fußballfibel "Eintracht Braunschweig". Dieses Büchlein ist sogar die Steigerung von kurzweilig, weil man beim Lesen vergisst, Luft zu holen - kann man kurzweiligst sagen?

"Die Sportschau am Samstag brachte die Kurzberichte von drei ausgewählten Partien. Aus acht, versteht sich, denn auf die Idee, den Spieltag wie NSU-Akten in unkenntliche Fetzen zu schreddern, war man noch lange nicht gekommen. Lediglich eine Freitagsbegegnung verströmte den Hauch einer milden, modifizierten Exotik, wie sie die Sechziger- und frühen Siebzigerjahre typisch war und in Schlagern wie "Zwei Apfelsinen im Haar" von France Gall ihren vornehmsten Ausdruck fand. Ein vorsichtiger kultureller und gesellschaftlicher Aufbruch hauchte der Bonner Republik eine erste leise Idee von Unernst und Leichtigkeit ein. Einigen Alt-Nazis in hohen Ämtern wurden, kaum dreißig Jahre nach dem Krieg, die Stühle langsam doch so heiß, dass sie auf die geplante Karriere als Bundeskanzler verzichteten. Die Autos waren schön, die Häuser hässlich, die Fußballspieler trugen lange Haare und als Trikotshorts eine Art Hotpants. Warum niemand darüber lachte, ist mir beim Betrachten alter Bilder schleierhaft..."

Uff, nach so viel Fachwissens-Input zum Braunschweiger Fußball brauche ich unbedingt eine Pause, ich greife den Roman "Ein herrlicher Ort für das Unglück" des Kroaten Damir Karakaš und lese, wie sein Ich-Erzähler mit einem Plastikbeutel voll Kacke (in der von etlichen Osteuropäern besetzten Ein-Zimmer-Wohnung, die auch er behaust, ist die Toilettenspülung kaputt, alle Schlafgäste müssen ihre Exkremente selbst entsorgen) durch Paris läuft. Dreißig Seiten, einige Sex-Szenen und Ereignisse später, der Held ist dem Fäkalienhort entkommen, erinnere ich mich an das Darknet. Wie ging das mit dem Telefonzellen-Hacker eigentlich aus? Er spionierte, nachdem ihn der KGB endlich ernst genommen hatte, einige Jahre für sie und starb unter mysteriösen Umständen im Mai 1989. Sein verkohlter Leichnam wurde in einem (west-)deutschen Waldstück aufgefunden. Ein weiterer mysteriöser Tod folgt, wir sind noch immer bei den Anfängen der Hackerszene, die nächste Leiche wird in einem Berliner Park gefunden.

Ich lerne, dass Computerkriminalität eine Männerdomäne ist und der höchste Frauenanteil bei den Delikten die Geldwäsche ausmacht, immerhin 25%, beim Datendiebstahl lag der Frauenanteil bei 19,7% und am wenigsten interessierte die Frauen das Installieren von Schadsoftware 7%. Im Kapitel Hacking und Pishing überkommt mich schwere Müdigkeit und beim Einschlafen denke ich an die vertraute Web-Seite meiner Sparkasse, wie sie mir vor einigen Jahren erschien (mit gedecktem Kontostand), bis sie plötzlich zusammenbrach und mir eine erschreckende vierstellige Summe im Minus zeigte - ich war das Opfer eines Hackers geworden, der sich selbst Geld überwiesen hatte und mir Normalität vorgaukelte. Meine Sparkasse ersetzte den Schaden, weil der Täter die Summe innerhalb Deutschlands abgehoben hatte, Glück für mich.

Die nächste Lese-Zeit bricht an, meine Hand wandert wie beim Tarotkartenziehen über den Stapel am Bett. Ohne ihren Schutzumschlag weiß ich nicht, um welche Bücher es sich handelt und schwöre mir, im nächsten weiterzulesen, das ich greife. Das rote. Andrzej Stasiuks "Osten" habe ich schon vor Wochen begonnen - aber jetzt sitze ich nicht in Zagreb auf einem Balkon und höre in milder Luft Kroaten beim nachbarlichen Plausch zu. Diese Geräuschkulisse ist mit der Beschreibung langwährender Fahrten über polnische Landstraßen (bei aufgedrehtem christlichem Radiosender) verschmolzen ist und lässt sich in meinem Berliner Hinterhof nicht herstellen. Ich seufze. Also doch das blaue, ach, der Kroate. Inzwischen vögelt er seine Französischlehrerin und schleppt kaputte Fernseher in sein neues Heim mit Hadami, dem arabischen Mädchen, das sich aus unerklärlichen Gründen in ihn verliebt hat und aus der Kack-WG befreite. Eigentlich könnte jetzt alles gut für ihn laufen. Warum muss er bloß bei seiner Französisch-Prüfung betrügen, weshalb er von der Uni geworfen wird - und wieso zeichnet und schreibt er nicht mehr? Die Entwicklung nervt mich zunehmend. Als er seinen kleinen Kater mit einer Handbewegung vom Küchentisch fegt, fliegt das blaue Buch aus dem Bett. Zeit für Uli Hannemann und Braunschweig, aber so werde ich bestimmt nie hinter das Geheimnis des Darknet kommen ...

"In meiner Jugend bin ich nach einem Deutschland-Tor auch schon mal schreiend auf dem Stuhl gestanden. Kein Problem, das hat mich am Ende so wenig zum Patrioten gemacht wie meine kindliche Begeisterung für Kriegsspielzeug zum Massenmörder. Und doch gilt die Nationalelf dem Aufgeklärten als suspekt. Denn plötzlich wird mit Landesfahnen gewedelt und nicht mehr nur mit den bunten Fantasielappen gemeinnütziger Körperschaften. Lieber gibt er sich deshalb auf einer unverdächtigeren Ebene - meine Stadt, mein Stadtteil, mein Verein! - dem Urtrieb der dumpfen Männerherde hin."

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