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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen – posthume Veröffentlichungen: Mary Ventura und das neunte Königreich
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Montag, 22.06.2020

Mein kleiner Buchladen – posthume Veröffentlichungen: Mary Ventura und das neunte Königreich

Das rote Licht vom Bahnhof fiel schräg durch die Fenster herein und tönte die Gesichter der Fahrgäste vorübergehend scharlachfarben. Dann fuhr der Zug wieder an. "Was hinnehmen?", drängte Mary. Sie erschauderte, als hätte sie jäh ein kalter Luftzug erfasst... "Das Reiseziel", erwiderte die Frau, nahm ihr Strickzeug vom Schoß und machte sich daran, das Geflecht aus laubgrüner Wolle zu vergrößern. Gekonnt stieß sie die Nadel in das wachsende Gewebe, nahm eine Fadenschlinge auf und ließ sie von der Nadel rutschen. Mary starrte auf die kompetenten, flinken Hände. "Die Fahrgäste kaufen ihre Fahrkarte", fuhr die Frau fort, wobei sie lautlos die Maschen auf der Nadel zählte. "Sie kaufen die Fahrkarte und sind verantwortlich dafür, am richtigen Bahnhof auszusteigen ... Sie wählen den Zug und das Gleis und reisen zu ihrem Ziel."

Auf Seite 27 der insgesamt nur zehn Seiten mehr umfassenden Erzählung Sylvia Plaths ist die Offenbarung eingeleitet. Eine junge Frau namens Mary wird von ihren Eltern, die ihre Bedenken zerstreuen, zum Zug gebracht und beginnt wohlgemut eine Reise in den Norden. Ihre Abteilnachbarin, eine namenlos bleibende ältere Dame wird der jungen Mary Zipfelchen für Zipfelchen enthüllen, was ihr Ziel bedeutet.

... "Es wird ihnen zu spät bewusst und dann bereuen sie es, die Fahrkarte gekauft zu haben. Aber Bereuen hilft nicht. Sie hätten sich vorher überlegen sollen, ob sie die Reise machen... Die Fahrgäste sind so abgestumpft, so apathisch, dass es ihnen ganz gleich ist, wohin sie fahren. Es wird ihnen erst bewusst, wenn es soweit ist, im neunten Königreich."

Mary droht, in Tränen auszubrechen. Sie will wissen, was es mit diesem Königreich auf sich hat und bemerkt auf Hinweis ihrer Mitreisenden – die alle Bediensteten im Zug zu kennen scheint und seltsame Bemerkungen mit ihnen tauscht – die Eisadern an den Wänden des ewigen Tunnels draußen hinter dem Zugfenster.

"Auf dieser Strecke gibt es keine Rückfahrt", sagte die Frau sanft, "Ist man erst im neunten Königreich, gibt es kein Zurück mehr. Es ist das Königreich der Negation, des gefrorenen Willens. Es hat viele Namen."

Es gibt noch nicht viele Besprechungen des in diesem Frühjahr erschienenen Inselbüchleins, einer Übersetzung aus dem Englischen von Eike Schönfeld, erstmals 2019 unter dem Titel Mary Ventura and the Ninth Kingdom bei Faber & Faber Limited in London verlegt. "Brauchen wir noch weitere Informationen über Sylvia Plath?", fragte provokant meine piqd-Kollegin Sabine Scholl in ihrer Rezension zu den (bisher nur auf Englisch editierten) Briefbänden Plaths vor einem Jahr im Standard, "immerhin mischen seit einem halben Jahrhundert verschiedene Stimmen an der Erzählung über die Dichterin mit." Sylvia Plaths kurzes Leben (Oktober 1932 – Februar 1963) und ihre Werke wurden und werden gemeinsam betrachtet, bis die Interpreten den Zusammenhang von "Depression und Lyrik besonders bei Autorinnen auszumachen glaubten und ihr Forschungsergebnis 'Sylvia-Plath-Effekt' tauften".

Die Frauenbewegung der 70er-Jahre stilisierte die mit dem Lyriker Ted Hughes Verheiratete zur Leidtragenden einer rücksichtslosen Männergesellschaft; Anhängerinnen kratzten wiederholt den Namen des Mannes von Plaths Grabstein. Ihr Roman Die Glasglocke liefert ein Bild für bedrückende Seelenzustände. Nun gibt es mit der umfangreichen Publikation von Plaths Briefen ein zusätzliches Kapitel der Erzählung über die zur Ikone erklärten Autorin.

Schreibt Sabine Scholl. Ich füge den Hinweis auf diese frühe, in der vorliegenden Form erstmals veröffentlichten Erzählung hinzu, die mich in ihrer Kompaktheit und märchenhaft symbolischen Sprache begeistert. Der Insel-Verlag stellt die editorische Notiz voran, Mary Ventura and the Ninth Kingdom sei 1952 entstanden, als Sylvia Plath am Smith College studierte. Mary Ventura war eine ihrer Highschool-Freundinnen, über die sie bereits eine andere Erzählung geschrieben hatte. Der vorliegende Text wurde von der Zeitschrift Mademoiselle (deren Literaturpreis sie unlängst erhalten hatte) abgelehnt, zwei Jahre später von seiner Autorin so stark überarbeitet und gekürzt, dass er nur "halb fertig wirkte". Seit März 2020 können wir diese, nach Ansicht des englischen Originalverlages stärkere und bessere, erste Fassung lesen – genau zum richtigen Zeitpunkt. Muss Mary Ventura ihren Weg ins Reich des gefrorenen Willens fortsetzen, weil sie eine Fahrkarte und ein Ziel vereinbart hatte?

"Es gibt Ausnahmen", sagte die Frau lächelnd. "Ich muss nicht alle Gesetze befolgen. Nur die natürlichen. Aber Sie müssen sich sputen. Bald sind wir da, dann wird es Zeit." ...

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