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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Posthum-Veröffentlichungen“ - Eine Frau zu sehen
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Sonntag, 09.10.2016

Mein kleiner Buchladen: „Posthum-Veröffentlichungen“ - Eine Frau zu sehen

"Sie rannte wie ein Junge, der endlich, endlich aus der Schule darf. Ihr Haar, das ihr jetzt in die Stirn wehte, war geschnitten wie das Haar eines Jungen. Man hätte sie, aus einiger Entfernung, für einen Gymnasiasten halten können." Immer wieder beschrieb Klaus Mann in seinen Romanen und Erzählungen die Freundin Miro, Annemarie Schwarzenbach. Wie hier in seinem ersten Exilroman "Flucht in den Norden" wird Annemarie als androgynes, geheimnisvolles Wesen geschildert. Die junge Schweizerin, Fabrikantentochter und Anwärterin auf ein Millionenerbe, war Anfang der dreißiger Jahre in Berlin auf Erika Mann und ihren Bruder gestoßen. Die große, ihr Leben lang währende Liebe zu Erika verband die junge Schriftstellerin und Reporterin auch untrennbar mit dem Bruder – zeitweise dachte man sogar an eine Hochzeit zwischen den beiden.

1908 geboren, wird das "Schweizerkind" nach mehreren langjährigen Reisen und Auslandsaufenthalten, einer Ehe mit einem französischen Diplomaten, missglückten Selbstmordversuchen und Odysseen durch Entzugskliniken und Nervenheilanstalten 1942 an den Folgen eines Fahrradsturzes in ihrer Heimat sterben. Die ungewöhnliche Biografie der Annemarie Schwarzenbach, ihre homoerotische Prägung und ihre hinterlassenen Romane, Erzählungen und Reportagen erschaffen bei ihrer Wiederentdeckung in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts die Kultfigur Annemarie Schwarzenbach.

Sie begegnete mir in den Büchern Klaus Manns und lange bevor ich die erste Zeile Annemarie Schwarzenbachs las, liebte ich das Abbild dieses traurigen Engels. Als Engel wird sie gern beschrieben – Thomas Mann notiert über die Freundin seiner ältesten Kinder: "Zu Tische Annemarie Schwarzenbach, verödeter Engel". Als untröstlicher oder störrischer Engel erschien sie den Freunden. Der Familie eher als desaströs und skandalös; ihre Homosexualität, ihr antifaschistisches Engagement und die finanzielle Unterstützung sowohl der Exilzeitschrift „Sammlung“ Klaus Manns als auch des politischen Kabaretts „Pfeffermühle“ Erika Manns.

Der Versuch ihrer Familie, sie aus der Literaturgeschichte zu tilgen, ist zum Glück gescheitert. Heute liegen die meisten Werke der Autorin in Neuauflagen oder Erstausgaben vor.

Annemarie Schwarzenbachs Erzählung „Eine Frau zu sehen“ entstand 1929 und wurde anlässlich ihres hundertsten Geburtstages 2008 erstmals von ihrem Großneffen Alexis Schwarzenbach herausgegeben. Die erweiterte Neuausgabe bei Kein & Aber von 2012 enthält ein zusätzliches Nachwort des Herausgebers (der sich als erster in der Familie der verstoßenen Dichterin annahm) und die Serie „Eine Frau zu fotografieren“ mit 10 Frauenporträts von Annemarie Schwarzenbach. Doch zur Erzählung selbst. Auf 58 kleinformatigen Seiten beschreibt die Autorin eine Begegnung in einem Schweizer Kurhotel. Die jugendliche Ich-Erzählerin sieht eine Frau:

„...nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf – aber eine Frau zu sehen, und im selben Augenblick zu fühlen, dass auch sie mich gesehen hat, dass ihre Augen fragend an mir hängen, als müssten wir uns begegnen auf der Schwelle des Fremden, dieser dunklen und schwermütigen Grenze des Bewusstseins...“

Die ganze Erzählung ist ein Taumel hin zur geliebten Frau. Blicke, Berührungen, Küsse. Das Auskosten der Sehnsucht, des Wartens und der Imagination, die Annemarie Schwarzenbach wie einen Scheinwerfer auf die Begehrte wirft. Der Text ist ein klares Bekenntnis zur homoerotischen Liebe und fordert Respekt für die Haltung der zwanzigjährigen Autorin, auch wenn die Blätter ein halbes Jahrhundert in Archiven schlummerten. Zwei Jahre nach der Niederschrift dieser Liebeserklärung an die Frauen erschien Annemarie Schwarzenbachs Debüt „Freunde um Bernhard“, und eine Legende besagt, dass bei einem Einbruch aus dem Schaufenster einer Buchhandlung nicht etwa das ausgestellte Buch, sondern der Schutzumschlag mit dem Foto der attraktiven Autorin gestohlen wurde.

Reisen über mehrere Kontinente hinweg und die Jahre des selbst gewählten Exils lagen vor ihr, als sie selbstbewusst formulierte, was sie begehrte. Noch mit der gesellschaftlichen Verachtung ihrer Klasse konfrontiert, beginnt sie, sich freizumachen.

„Was soll ich sagen von einer Sehnsucht, die so heimlich und gewaltig war, weil ich nie von ihr sprechen durfte und mich doch nicht eine Stunde von ihrer süßen Gegenwart trennen konnte.“

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