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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen – „Phantasiepreise“: Frühling in Schwedt
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 30.09.2016

Mein kleiner Buchladen – „Phantasiepreise“: Frühling in Schwedt

Mit den Preisen für gebrauchte Bücher ist das so eine Sache. Kaum einem Buch sieht man an, was es für einen „Wert“ hat. Bei einem 24-teiligen Lexikon aus dem 80ern, einem Taschenbuch mit „Mängelstempel“ im Schnitt oder einem mehrere Kilo schweren Bildband über Deutsche Geschichte ahnt man es bereits. Einem Autoatlas von 1992 oder einem Windows-XP Handbuch. Auch bei bekannten Autoren kann eine Taschenbuchausgabe in Nachauflage kaum mehr als einen Cent bringen. Leider ist das bei vielen gebundenen Romanen mit Schutzumschlag ebenfalls der Fall. Zur Sicherheit einen Blick ins Internet geworfen und die Bücher wandern hinaus auf mein Fensterbrett. Letzte Woche freute sich eine Passantin über einen DDR-Reiseführer, auch einige veraltete Juristen-Handbücher und Kunstbände fanden neue Besitzer.

Der Teufel lauert im Detail. Bestimmte Krimis können vergriffen, Reiseführer und Romane nicht wieder aufgelegt worden sein. Wenn ein Autor erst spät berühmt – und sein Frühwerk in kleiner Auflage gedruckt worden ist – kann ein solches Exemplar drei- bis vierstellige Summen wert sein (Canettis „Blendung“ von 1936), oder noch mehr, wenn die Erstauflage floppte und das Buch Jahrzehnte später Erfolge feierte (Fitzgerald, „Der Grosse Gatsby“, deutsche Erstausgabe von 1928 – wird von einem Antiquar in Großbritannien für 7.141,48 Euro angeboten).

Außerdem gibt es Bücher, die weder äußerlich wertvoll erscheinen, noch einen bekannten Autor aufweisen. Und für merkwürdig hohe Preise gehandelt werden. Ein solches ist „Frühling in Schwedt“ von Harry Bär. Ein abgegriffenes Taschenbuch von 1961, blaues Cover mit Folienbeschichtung, darauf zwei Nelkenumrisse mit einem kleinstädtischen Marktplatz und einer Trassenbaustelle. 127 Seiten, im Ost-Berliner Kongress-Verlag erschienen. Auflagenhöhe 1.-10. Tausend. „Frühling in Schwedt“ wird einmal weltweit für den Phantasiepreis von 373,74 Euro zum Verkauf angeboten. Warum gibt es das Buch nicht mehr? Was ist mit 9998 Exemplaren passiert?

Hinter dem Pseudonym Harry Bär verbirgt sich der Schriftsteller und Fotograf Herbert Brumm. Seit 1959 fotografierte er Schwedt, dokumentierte die neu entstehende Industrie und die dafür nötigen Neubaugebiete, Schlafstädte für tausende von Arbeitern. Die Erdölleitung Druschba wurde aus dem Ural bis nach Schwedt ins Erdölwerk gelegt. Die Ruinen des Stadtschlosses gesprengt, Hallen für eine Papierfabrik errichtet. All das findet sich in Bild und Text. Aufbruchstimmung, zufriedene Menschen. Zahm rüpelnde Arbeiter hier, träumende Ingenieure da. „Ringsum stehen in weiten Kreis die hohen hellen Häuser der jungen Stadt. Kinderlachen, Vogelgezwitscher; blühende Sträucher, Stiefmütterchenbeete. Frühling in Schwedt.“

Herbert Brumm alias Harry Bär lebte zwei Jahre in Schwedt. Zog 1967 in die Uckermark, blieb Schwedt aber bis zu seinem Tod 1985 verbunden und wird dort für seine umfangreichen Foto-Dokumentationen verehrt. Seine Fotografien bilden heute den Grundstock für die historische Aufarbeitung der 60er und 70er Jahre in Schwedt, wie die Stadt verlauten lässt. Darüber hinaus scheint sich kaum jemand an Harry Bär zu erinnern und mir stellt sich die große Frage, was tun mit dem „Frühling in Schwedt?“

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Kommentare 4
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor etwa einem Jahr

    Also ich würd's dir für € 20 abkaufen.

    1. Anne Hahn
      Anne Hahn · vor etwa einem Jahr

      ok, bitte an anne@arturs-stall.de schreiben

  2. Jochen Schmidt
    Jochen Schmidt · vor etwa einem Jahr

    Ich würde es nehmen.

    1. Anne Hahn
      Anne Hahn · vor etwa einem Jahr

      gerne, da ist es gut aufgehoben!