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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: "illustrierte Bücher" - Der Krieg mit den Molchen
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Mittwoch, 27.09.2017

Mein kleiner Buchladen: "illustrierte Bücher" - Der Krieg mit den Molchen

„Es wurde finster wie bei Nacht, und der emporgeschleuderte Sand senkte sich in einem Umkreis von beinahe einhundert Kilometern herab, ja ging noch nach mehreren Tagen über Warschau als Sandregen nieder. In der Erdatmosphäre verblieben nach dieser grandiosen Explosion so viel frei schwebende, feinste Sand- und Staubteilchen, daß bis zum Ende des Jahres die Sonnenuntergänge in ganz Europa ungewöhnlich schön, blutrot und feurig waren wie nie zuvor. Das Meer, das sich über das zerstobene Stück Küste ergoß, erhielt den Namen Scheuchzer-See und wurde zum Ziel unzähliger Schulausflüge und Exkursionen deutscher Kinder, die die berühmte Molchhymne sangen:“

Ich jauchzte laut heraus, als ich vor ein paar Wochen dieses schwarze dicke Pappdeckelbuch in einer Bücherkiste fand! Ein Scherenschnittmolch auf dem Cover und die Buchstaben K und Č ließen mich Autor und Illustrator gleichzeitig erkennen, obwohl mir diese Ausgabe des Aufbau-Verlages von Karel Čapeks „Der Krieg mit den Molchen“ bisher unbekannt war. Ich sank auf den nächsten Hocker und blätterte in den 328 Seiten mit den wundervollen Illustrationen von Hans Ticha. Der Bilder-Schöpfer meines Lieblingskinderbuches („Geschichten aus der Murkelei“ von Hans Fallada) ist mir vertraut wie einst. Da waren sie wieder, die kubistischen Menschen und Tiere mit kreisrunden Bäuchen und Stelzenbeinen, die leuchtenden Blautöne und gepunkteten Schattierungen. Ach, wie gerne würde ich Ihnen sofort alle seitenfüllenden Bilder vorführen, die es gestatten, den Buchinhalt losgelöst vom Text zu erfassen! Zum Beispiel wie ein lilafarbener Molch mit aufgerissenen, nein, herausquellenden gelben Augen nach links durchs Bild fliegt, nachdem ihn ein Schuh am Rücken erwischt hat, aber volle Pulle. Diese Pulle ist noch mit im Bild, ein Mann hält sie in der linken Hand, während er kräftig nach dem Molch tritt.

"Der Krieg mit den Molchen" las ich vor wenigen Jahren und war begeistert von Čapeks apokalyptischer Vision eines nationalistischen Europas von 1936, welches sich selbst zu Grunde richtet. Die Molche, zufällig entdeckt und zunächst als Arbeitskräfte von den Menschen ausgenutzt, erlangen ein Bewusstsein ihrer selbst und werden für den Menschen und sich selbst zur Gefahr.

Erst im Mai hatte ich in Brünn von einem Professor für deutsche Literatur erzählt bekommen, dass Karel Čapek, der während seines Abiturs mit seiner Schwester Helena in der Stadt lebte, sich stets mit ihr ins Deutsche Haus geschlichen habe, um sich Werke der Weltliteratur auszuleihen, die nicht in tschechischer Übersetzung erhältlich waren. "Der Krieg mit den Molchen“ wurde wiederum ins Deutsche übertragen (1937 von Julius Mader, 1964 von Eliška Glaserová) und sehr aufwendig gestaltet, in meiner Ausgabe der zweiten Auflage von 1989 kommen mehrere Schriftarten und Farbhintergründe vor, einige farbig abgesetzte Artikel und ein paar Dutzend farbige Illustrationen. Tichas vereinfachte, symbolhafte Darstellung erinnert mich sowohl an Pop-Art als auch an Werke des Expressionismus, seine Kombination von einfachen Linien und gewölbten Körperteilen erzeugt eine eigene – fast möchte ich sagen – Melancholie. So kam es mir bei den „Geschichten aus der Murkelei“ vor, so finde ich sie hier, herrlich ironisch und kongruent zum scheinbar absurden Text, der in seiner Zuspitzung eindringlich vor Diktatur und Kriegshetze warnt. Oben zitierte Szene endet mit dem Plakat und der abgebildeten Molchhymne, an anderer Stelle lautet eine Losung der kriegerischen Molche: „Lemurien den Lemuren! Fort mit den lästigen Ausländern!“ - und die Kluft zwischen den Atlantis- und lemurischen Molchen vertieft sich, eine Kluft des Misstrauens und der uralten Feindschaft. Čapek folgert im letzten Kapitel Der Autor spricht mit sich selbst: „Das heißt, sie werden zu Nationen.“ …

aktuelle Ausstellung mit Werken von Hans Ticha

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