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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Frische Bücher“ — Madgermanes
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Mittwoch, 08.02.2017

Mein kleiner Buchladen: „Frische Bücher“ — Madgermanes

Die Tränen kamen mir auf der Doppelseite 192/193, schwarz umrandet — ein handgeschriebener Brief auf zwei Seiten, dessen Zeilen immer mehr nach rechts unten abrutschen, in dem Maße, wie auch der Inhalt der Nachricht immer grauenvoller wird.

„… Die Soldaten sind über die Frauen hergefallen wie die Tiere. Ich war ihnen zu alt und hässlich, aber ein 14-jähriges Mädchen wie deine Schwester haben sie wieder und wieder genommen. Seit diesem Tag kann Teresa nur unter Schmerzen Wasser lassen und hat immer wieder Krämpfe im Bauch. Sie isst kaum noch und hat kein einziges Wort mehr gesprochen. Liebe Nichte, mein Schmerz ist unermesslich.

Ich gebe diesen Brief Priester Marcos. Er war auf der Durchreise. Er wird ihn dir schicken, sobald er kann. Sende uns kein Geld und keine Pakete mehr. Es kommt nichts bei uns an..“

Die Empfängerin diese Briefes kennen wir an diesem Punkt der Lektüre gut, Anabella Mbanze Rai ist eine der drei Hauptfiguren des Comics „Madgermanes“ von Birgit Weyhe, erschienen 2016 im avant-verlag. Das Buch behandelt ein Randkapitel der deutsch-afrikanischen Geschichte, das längst nicht abgeschlossen ist. Etwa 20.000 Vertragsarbeiter aus Mosambik waren zwischen 1979 und 1991 in der DDR beschäftigt, sie sollten nach ihrer Rückkehr beim Aufbau des unabängigen sozialistischen Mosambiks helfen. Gerne verließen junge Männer und Frauen ihr vom Bürgerkrieg zerrüttetes Land, um in Europa einen Beruf zu lernen, Geld erarbeiten und sparen zu können.

Was sie dort in der DDR der achtziger Jahre vorfanden, war alles andere als paradiesisch. Ein kaltes Land in erstarrten Strukturen, mit festen Regeln für jeden Fußtritt und – einem Abkommen für die billigen Arbeitskräfte, das bis heute nicht eingelöst ist. Die Hälfte ihres Lohns wurde von der DDR-Regierung einbehalten und nach Mosambik überwiesen. Nach ihrer Rückkehr sollten die Arbeiter es dort ausgezahlt bekommen – was nie passiert ist, sämtliche Zahlungen versandeten in Bürgerkriegs-und Korruptionswirren. Dass sie auf ihr Geld bestanden und darum kämpfen wie protestieren, ließ die Rückkehrer in den Augen ihrer Landsleute verrückt erscheinen. „Madgermanes“, ein Schimpfwort als Wortspiel aus „Made in Germany“ und „Verrückte Deutsche“ fand Gefallen bei den „verrückten“ Heimkehrern und sie bezeichnen sich selbst so.

2016 sah ich den Dokumentarfilm „Honeckers Gastarbeiter - Fremde Freunde in der DDR“. Er erzählt an Beispielschicksalen von vietnamesischen und mosambikanischen Vertragsarbeitern. Von Wohnheimregeln, Ausgangszeiten, dem Höchstgewicht der Pakete, die 1 x jährlich nach Hause geschickt werden durften, Kontakt- und Schwangerschaftsverboten – es waren viele und bedrückende Informationen über ein Kapitel der DDR-Geschichte, welches ich kaum kannte. Um so mehr freute es mich, als ich wenig später die vorliegende, 236 Seiten starke Graphic Novel fand und mich vertiefen konnte.

Brigit Weyhe gelingen mit ihren dreifarbigen Zeichnungen afrikanischer Ornamente und Allegorien – sowie präziser Arbeits- und Alltagsszenen ihrer drei Figuren Anabella, Basilio und Toni vielschichtige Porträts. Sie stellt den Kontrast und die Konflikte zwischen deutschen und mosambikanischen Sichtweisen auch optisch dar. „Ich hatte meinen Spaß daran, mit der europäischen Vorstellung von Afrika zu spielen, das immer als eine Einheit wahrgenommen wird“, sagt die Autorin. Der Comic beginnt mit ihrer eigenen Geschichte, Kindheit in Uganda und Kenia, der Reise nach Mosambik vor zehn Jahren. Führt über die Ankunft ihrer drei Protagonisten in der DDR bis in ihre Gegenwart auf verschiedenen Kontinenten. Der Faden zwischen ihnen ist längst gerissen, aber die Vergangenheit der Achtziger lebt in Bildern auf. Auch die traumatischen Ereignisse. Zerwürfnisse, Anfeindungen, Nachrichten aus der Heimat, die sich als aquarellierte Alpträume manifestieren. Als würde jeder der Autorin seine Lebensgeschichte erzählen. „Was ist Erinnerung“, fragt sie und betont, die drei seien erfunden, gemischt aus den vielen, mit denen sie in Mosambik und Deutschland über ihre Zeit in der DDR gesprochen hat. Das Ergebnis ist viel mehr als eine gut recherchierte Reportage, es ist ein bezaubernd bebildertes Buch über drei miteinander verknüpfte Versuche, in der Fremde zu leben. "Wir sind alle ohne Bindung, ohne Anker, schwebend zwischen den Kulturen. Egal, ob wir zurückkehren oder bleiben."

9,2
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Kommentare 3
  1. Elisabeth Friedrich
    Elisabeth Friedrich · vor 4 Monaten

    passender Kurzfilm zu den Madgermanes: www.interfilm.de/festival2...

    1. Anne Hahn
      Anne Hahn · vor 4 Monaten

      toller tipp, kann man den aktuell noch sehen?

    2. Elisabeth Friedrich
      Elisabeth Friedrich · vor 4 Monaten

      @Anne Hahn hab schon gesucht, aber finde leider überhaupt nichts. vermutlich geht's dann nur über die Regisseurin Tina Krüger. Spannende Interviews gab's in dem Film.

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