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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „frische Bücher“ - Ins Land der Sagas und Geysire
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 22.09.2017

Mein kleiner Buchladen: „frische Bücher“ - Ins Land der Sagas und Geysire

„Die Isländer sind wunderbar gebildete Menschen. Unser neuer Freund sagte uns, er glaube nicht, dass es auf der Insel auch nur einen Mann oder eine Frau gebe, die nicht lesen oder schreiben könne, und tatsächlich sahen wir in jedem Bauernhaus, in das wir kamen, eine Lutherbibel und viele alte >Sagas< der einheimischen Dichter, daneben Übersetzungen der Werke von Shakespeare, Goethe, John Stuarts Mills´ Politische Ökonomie sowie andere bekannte Bücher.“

Im Juli 1886 bereist die vierundzwanzigjährige Engländerin Ethel Brilliana Tweedie mit ihrem Bruder, einer Freundin und zwei jungen Herren Island, welches so weit entfernt scheint wie der Mond. Ihre zwei Jahre später veröffentlichten Tagebuchnotizen werden ein großer Publikumserfolg und erleben mehrere Auflagen. In der Reihe Die kühne Reisende legt die Edition Erdmann nun die übersetzte Auflage von 1894 vor, versehen mit einem Vorwort zum Leben Ethel Tweedies, ihren zehnseitigen Ausführungen zur Debatte „Darf eine Frau im Herrensitz reiten?“ (Vorwort zur zweiten Auflage) und einigen Zeichnungen der Autorin.

Das 180 Seiten umfassende Büchlein zeigt, dass eine Reise nach Island noch vor 130 Jahren ein Abenteuer war. Tweddie notiert von Beginn an genauestens. Welche Stiefel, Röcke, Regenmäntel, Decken, Kissen, Konserven und Zelte besorgt, wo die Tickets erworben werden und was eine Passage per Dampfschiff nach Island und zurück kostet: 8 Pfund pro Person. Die detaillierte Beschreibung lässt den Leser intensiv mit der Reisenden fühlen, die Enge der Kajüten, den überfüllten und verräucherten Herrensalon und schließlich den Schrecken einer stürmischen See. Kaum vom schottischen Hafen Dunbar abgelegt, gerät der Dampfer in einen Orkan und muss umkehren. „Das Schlimmste an einer stürmischen See ist, dass man die Bullaugen ausgerechnet dann schließen muss, wenn man wegen der Übelkeit frische Luft am dringendsten bräuchte.“ Unangenehme Gerüche werden die Reisende noch öfter quälen.

Als nach einigen Tagen die Nordost-Küste Islands mit gigantischen Vulkanen unter einem sommernachthellen Himmel erreicht ist, fallen Tweedie vor allem die „traurigen, deprimierten Blicke der Männer und Frauen auf“, die sie bei ihrem ersten Landgang umringen. Diese „stumpfe Gleichgültigkeit“ sei sicher Folge des entbehrungsreichen Lebens und der großen Kälte, die sie ertragen müssten. Außerhalb der Stadt befindet sich eine Haifischöl-Siederei, deren Gestank grauenerregend sei; „ich kenne nichts, womit ich ihn auch nur im Entferntesten vergleichen könnte, bei entsprechendem Wind stinkt es meilenweit.“

Tweedie gleicht mit eigenen Sichtweisen ab, macht sich über englische Sitten lustig, fällt vom Pferd, kriecht auf allen vieren ins Zelt und lacht über die langen Röcke, aus denen sie sich nicht befreien kann. Sie zeichnet, recherchiert. Vokabeln, Preislisten, Sagas, Gesetze, Abrisse zur Geschichte des Landes, dem Bankenwesen und den Vulkanen ergänzen den Ablauf der Reise. Sie begeistert sich für das Silbergeschirr in den Bauernhäusern, die farbigen Trachten der Frauen, den isländischen Handschuh mit seinen zwei Daumen, das Island-Pony und vor allem das Reiten im Herrensitz. Ins Schwärmen gerät die Autorin angesichts der baumlosen Landschaft, der Gletscher, Vulkane und Flüsse. Geysire faszinieren sie. Will einer nicht spucken, wird nachgeholfen, die isländischen Führer legen Erdschollen auf seine Öffnung, bis zum Entzücken der Besucher eine meterhohe Fontäne ausbricht.

Mir haben die lebendigen Beschreibungen der aufmerksamen Engländerin für das Verständnis so mancher Textpassage bei Halldór Laxness die Augen geöffnet, zum Beispiel erklärt sie das Schnupfen von Tabak; wobei oft ein Walrosszahn mit Messingtülle in ein Nasenloch eingeführt wird - bei Laxness läuft ein Bauernsohn mit aus der Nase hängenden Tabakstreifen herum. Auch die Sitte, dass Gäste von der Hausfrau persönlich ins Bett gebracht und entkleidet werden, bestätigt Tweedie, wie die Nutzung der Torfdächer armer Bauern, Vieh darauf weiden zu lassen. Ihr Besuch eines stickigen Bauernhaus-Schlafgemaches schien mir die Bestätigung mancher Szene aus „Sein eigener Herr“.

Nur die Natur Islands hat sich seit Tweedies Reise nicht geändert, die Luft ist noch immer „von kristallener Klarheit, am Himmel fließen zahllose Schattierungen von Blau, Purpur, Karmesin und Gelb ineinander, was zauberhaft anzusehen ist.“

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