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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen – frische Bücher: Angstfresser
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 08.05.2020

Mein kleiner Buchladen – frische Bücher: Angstfresser

"S dnjom pobedy!", rufe ich und lächle den Uniformierten an. Er dreht uns seine Orden-bestückte Brust zu. Ein goldener Streifen reflektiert einen Sonnenstrahl, blendet mich. Der Mann streicht über seinen Schnauzbart, nickt schließlich, klopft auf das helle runde Brot unter seinem Arm und geht weiter. Wir stehen wie angenagelt in der prallen Sonne und blinzeln ihm nach. Richtig, er dreht sich noch einmal um und fragt, „Wohin wollt ihr eigentlich, Kinder?“ Matthias atmet zischend aus, wie immer, wenn er denkt, jetzt haben sie uns. Ich greife nach seiner Hand und schaukele sie, während ich mit der anderen in die steil aufragenden Berge weise. „Wandern, da oben“. Der Mann grinst, schüttelt den Kopf und verschwindet in einem der Häuser. Es ist der Morgen des 9. Mai 1989. Wir sind vor wenigen Minuten in Mindschiwan, Aserbeidschan, aus dem Zug gestiegen. Hinter uns liegen zehn Tage Urlaub in einer Ferienanlage am Kaspischen Meer, die wir mit zwei Dutzend Pärchen aus dem Bezirk Magdeburg verbracht haben.

Der Friedhof. Endlich. Eine kleine rote Backsteinmauer. Ein Tor aus verwittertem Holz. Windschiefe Grabsteine. Er trug die Leiter wie Jesus seine Bürde getragen hatte. Bloß mit mehr Hoffnung vielleicht. [...]

Einen Moment lauschte er, bevor er anfing, zu klettern. Es war so still. Zu still. Als hätte sie aufgehört zu atmen. Sie? Sie war erst fünfzehn. Verdammt. Sie würden ihr schon nichts tun. Er drehte sich nicht mehr um.

Dann, als er schon im Todestreifen war, fiel ein Schuss.

Wir sind auf der Flucht. Matthias und ich haben uns Ende April von Magdeburg verabschiedet. Freunden und Familie erzählt, dass wir an die Ostsee wollen, Klamotten nähen und verticken. Zogen los mit dem Ticket von Jugendtourist, Rucksäcken, Hundert Mark Westgeld, gefälschten Pässen, Wanderhosen und -Schuhen. Die DDR hatte sich für uns erledigt, wir mussten nur noch rauskommen. Durch einigen Unfug waren wir zu bekannt, um den üblichen Weg über die Tschechoslowakei und Ungarn einzuschlagen, deshalb die Sowjetunion.

Es tut gut zu rennen. [...] Beim Weglaufen bin ich wenigstens mit dem Weglaufen beschäftigt, obwohl ich das, wovor ich weglaufe, mit mir trage. Ich fühle Stiche in der Lunge. Bekomme keine Luft mehr. Ich taumle auf einen Zaun zu. Etwas in mir verstopft meinen Kehlkopf. Die Panik ist wie ein Stromschlag. Ziehe das Spray aus der Jackentasche. Einmal schütteln, sprühen, Luft anhalten, ausatmen. Fertig. Ich hänge in dem Zaun wie ein verletzter Vogel. Warte darauf, dass sich mein Atem wieder normalisiert. Angstasthma.

Anreise per Flugzeug von Berlin-Schönefeld nach Moskau und weiter nach Baku, von dort mit dem Bus an seltsamen Silhouetten vorbei. Staub, flache rote Erde, in sie tunkende Ölpumpen, dahinter hochkragende Denkmäler und eine blasse Großstadt. Wir haben frühchristliche Klöster besichtigt, Bakus Neubauviertel und Riesen-Lenin-Statuen von nahem bestaunt, Tennis gespielt, Kwas getrunken und sind jeden Tag geschwommen. Wir haben Durchfall, Sonnenbrand und Angst. Am 8. Mai klettern wir in einen Waggon des Nachtzuges von Baku nach Armenien, in der Ferienanlage ahnt keiner etwas. Bei uns in der DDR wird die Befreiung vom Faschismus am 8. Mai gefeiert, unsere sowjetischen Freunde zelebrieren den Tag des Sieges einen Tag später – die Uhren gingen 45‘ mal wieder anders zwischen Moskau und Berlin.

Ich habe mir angewöhnt, die Angst wie ein Tier zu sehen, das in mir sitzt. Wenn sie keine Schlange ist, die scheinbar aus dem Nichts kommt, dann ein Insekt. Keine Ameise, eher eine Spinne. Die Spinne kennt sich aus mit Angriff und Rückzug. Und erneutem Angriff. Sie beobachtet mich. Sie lauert auf eine falsche Bewegung, auf einen günstigen Augenblick.

Ich habe mehrfach Gelegenheit, auf den Tag des Sieges zu sprechen zu kommen in dieser Nacht. Jeder Waggon wird von einem Zugbegleiter betreut, zwei Soldaten patrouillieren pro Waggon, ein paar Offiziere den gesamten Zug. Alle fragen nach unseren Pässen und Ziel. Bis auf den aserbaidschanischen Großvater in unserem Abteil kann ich die Männer überzeugen, dass wir wandern gehen wollen – im kaukasisch-iranischen Grenzgebiet! Dass es ein schöner Feiertag wird morgen, wir Ferien haben und uns freuen auf die Berge. Zeige immer wieder unsere grünen buchförmigen Sozialversicherungs-Ausweise, in die wir Passbilder eingeklebt haben. Der Alte sitzt die ganze Nacht auf seiner Pritsche und starrt uns an, kaut auf den Schnurrbartenden. Wir schlafen nicht, mitunter klappern unsere Zähne im Gleichtakt der Schienen.

Die Angst, dass jeder meine Angst spürt.

Die Angst, dass die Angst anhält.

Die Angst vor dem Tod.

Die Angst vor der Erinnerung.

Die Angst vor meiner eigenen Vergangenheit.

Die Angst, dass die Vergangenheit nicht vergeht.

Mindschiwan ist ein Wellblechhüttendorf in den Bergen, das letzte in Aserbaidschan, geradeaus liegt Armenien und hinter dem Aras, der schmelzwasserprall durchs Tal donnert, der Iran. Da wollen wir hin. Es ist früh am Morgen und heiß. Wir stehen schwitzend am Fuß der kahlen Gipfel und murmeln dem Offizier hinterher: Einen schönen Tag des Sieges!

Der Mann, der mir entgegenkommt, trägt einen schwarzen, eleganten Anzug und einen Elefantenkopf. Der Rüssel schwenkt hin und her, während er geht. Zwei Frauen dicht hinter ihm schnattern sich mit ihren Gänseschnäbeln die neuesten Nachrichten zu... An der Haltestelle der Straßenbahn steht ein Mann mit dem Haupt eines Esels, neben ihm eine Frau mit einem Pferdeschädel. Der Pferdeschädel sieht mich an und nickt in meine Richtung.

Im Mitteldeutschen Verlag erschien vor wenigen Wochen der 350 Seiten starke Roman ANGSTFRESSER von Grit Poppe. Das Buch erzählt aus zwei Perspektiven die Geschichte einer Flucht und ihrer Folgen – zwischen 1986 und 2002. Mira lebt in der DDR-Enklave Klein-Glienicke, sie ist fünfzehn und in Hans, den Sportsfreund ihres Vaters, verliebt. Als der Vater seinen Geburtstag feiert, nutzt Hans die Lage im Grenzgebiet, um abzuhauen. Mira gibt ihm den Schlüssel für die Leiter der Familie (auf grenznahen Grundstücken sind Leitern eingeschlossen) und folgt Hans auf den Friedhof, an die Mauer. Ein Schuss fällt und wir lesen etwa 100 Seiten lang, wie sich Miras Angst in der Gegenwart anfühlt. Wie sie dagegen ankämpft und schließlich in ein Experiment einwilligt, sich einen angstfressenden Blutegel auf den Bauch setzen und beißen, ihn die Angst aussaugen lässt. Für Tage, Wochen mit sich herumträgt. Alpträume hat, Halluzinationen. Ich bin sehr bei Mira in meiner Lektüre, die sich inzwischen Kyra nennt und in surreale Abenteuer gerät. Ich will das Buch weglegen, als die Perspektive wechselt und wir mit Hans im Westen landen, sein Schweigen kaum ertragen können, seine Unfähigkeit zum Glück.

Es ging nicht gut aus für uns an diesem Tag im Kaukasus. Obwohl wir tatsächlich wanderten, auf einem Friedhof die Nacht abwarteten, alle Grenzzäune überkletterten und nicht erschossen wurden. Wir kamen bis kurz vor den Fluss, da kriegten sie uns. Wir wurden verhaftet, verhört und zurück gebracht nach Ost-Berlin, ein halbes Jahr später, am 17. November, kam ich aus dem Gefängnis.

Erst gegen Ende, und dafür halte ich durch, führt Grit Poppe die Zeitstränge und Hauptfiguren zueinander, erzählt von der Heilung und Selbst-Bewusst-Werdung der jungen Frau, die sich mit ihren traumatischen Erfahrungen im Jugendwerkhof der DDR auseinandersetzt, während der Egel an ihr saugt. Grit Poppe hat sich tief eingefühlt in die Opfersicht, die mir authentischer erscheint als die des Schuldigen, des Geflüchteten, des Versagers. Mit einem lauten Knall endet die Geschichte wieder auf dem Friedhof in Klein-Glienicke und malt mir ein fettes Grinsen in diesen 8. Mai.

P.S. Auf den Tag des Sieges!

9,3
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Kommentare 3
  1. Michaela Maria Müller
    Michaela Maria Müller · vor 3 Monaten

    Das macht wirklich neugierig, danke. Hab zuletzt von Grit Poppe "Weggesperrt" in der Neuauflage gelesen, wo im Anhang viele Zeitzeug:innen aus Opfersicht zu Wort kommen, was mich auf eine andere Art noch einmal mit dem Buch verbunden hat.

  2. Anita H
    Anita H · vor 3 Monaten

    Magnetisch. Ich mag diese Art der Buchvorstellung sehr. Danke!

    1. Anne Hahn
      Anne Hahn · vor 3 Monaten

      Danke, das freut mich sehr!

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