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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen– fiktive Künstlerbiografien: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Quelle: Max, Mischa und die Tet-Offensive von Johan Harstadt, www.rowohlt.de...

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 07.02.2020

Mein kleiner Buchladen– fiktive Künstlerbiografien: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Hier ist der Ort, an dem es beginnt: Ich liege im Gras, im Wald zwischen den Fabriken von Forus in Stavanger, es ist der letzte Ferientag im Spätsommer 1988. Ich bin tot, zum achtzehnten Mal an diesem Nachmittag habe ich mein Leben geopfert, und das muss jetzt aufhören, allmählich wird es langweilig, so im Gras zu liegen und laut bis fünfzig zu zählen, ehe ich wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren darf. […] Vielleicht sollte ich hinzufügen: In diesem Sommer bin ich elf Jahre alt und habe vor zwei Tagen zum ersten Mal Apocalypse Now gesehen.

Als ich dieses Zitat raussuche und abzutippen beginne, eine dicke Holzklammer auf Deckel und die linke Seite 70 schieben will, stört der Schutzumschlag des backsteindicken Buches. Ich nehme ihn ab und staune - der tief schwarze Pappeinband des Romans "Max, Mischa & die Tet-Offensive" ist noch einmal wie ein Außencover gestaltet. Vorn drauf ein Brief der Ich-Figur, des Erzählers Max Hansen, der in der Rahmen-Handlung sein jüngstes Theaterstück auf einer Tournee begleitet und aus dem Hotel einen Brief an seine Assistentin schreibt; um Plakate bittet, für ein "denkbares neues Projekt". Ich strahle, weil damit der Roman weitergeht, entgegen der Aussage seines Protagonisten, es sei definitiv die letzte Theaterarbeit gewesen. Auf dem Back-Cover findet sich das künstlerische CV, das Ausstellungsverzeichnis der anderen Hauptfigur des Romans - Mischa Grey - und: das ist jetzt wirklich ein Grund zum Jubeln - als ich den abgenommenen Schutzumschlag auffalte, entdecke ich in seinem Inneren eine farbige Collage aus den Filmplakaten (Mordecais), Bühnen- und Ausstellungsplakaten (Max & Mischas), welche Johan Harstadt selbst gestaltet hat.

Sobald ich ein neues Buch beginne, fange ich an, Skizzen für mein Cover zu machen, um das Projekt auch visuell zu verstehen. Denn das Schreiben ist sehr hart, und manchmal macht es vieles leichter, ein Bild von dem zu haben, was man beschreibt. Für Max, Mischa & die Tet-Offensive gab es über die Jahre zum Beispiel 100 bis 150 sehr unterschiedliche Skizzen. Und diese zu sichten, ist fast wie Tagebuch lesen. Das Cover funktioniert für mich als visuelle Repräsentanz des Romans. Deshalb ist es so wichtig für mich.

Damit geschieht etwas für mich Unerwartetes - ich verliebe mich neu in das Buch. Wir hatten es digital und analog als Rezensionsexemplar erhalten, irgendwann vor einem Jahr, ich las das PDF auf meinem Telefon, das Buch war unmöglich zu transportieren - wir stellten es ins Regal. Mein Freund ergab sich angesichts des Umfanges in mein Nacherzählen, welches beinah täglich erfolgte, da war eine U-Bahnfahrt von Berlin Mitte nach Kreuzberg zu bewältigen, dort ein Flug nach Belgrad. Hoch über den bosnischen Bergen las ich atemlos Sätze wie:

Weißt du, was ein Krieg mit der Geschichte einer Nation macht, ist, sie zu zersplittern; er löst sie vollständig auf. Es hat nichts zu sagen, ob ein Land seinen Namen oder seine Grenzen ändert, das ganze politische Gewäsch. Das ist nur Papierkram. Aber die Gemeinschaft implodiert, die kollektive Erzählung über diese Nation und wer die Menschen sind.

Jetzt finde ich im oben verlinktem Interview des Rowohlt-Verlages den Hinweis Harstadts, er wolle Aleksandar Hemons Debüt "Die Sache mit Bruno" noch einmal lesen - einen Erzählungsband über das Auswandern von Bosnien nach Amerika. Hab ich mir soeben bestellt...

Wie berichten über ein Buch, prall wie ein Sylvesterfeuerwerk? Der Roman spaltet die Kritiker, von kolossalem Scheitern spricht Christoph Schröder im Deutschlandfunk, Iris Radisch höhnt über den teils nervig kulleräugigen, teils anrührenden Blues des Romans - während Eva-Christina Meier in der taz das lustvolle literarische Spiel Harstadts lobt und Wolfgang Hottner in der SZ vor allem die unglaublich präzise Erzählung von der Überwältigung früher Liebe betont. Mich begeisterte in ihrer Kürze die auf der Amazon-Seite wiedergegebene Lektüreempfehlung Matthias Brandts: "Johan Harstads Roman ist ganz toll, aber - wenn ich etwas bemängeln darf - mit seinen 1200 Seiten viel zu kurz. Das muss man erstmal schaffen!"

Drei der vier wichtigsten Figuren des exakt eintausendzweihundertzweiundvierzig Seiten-Romans sind Künstler: Max Regisseur, Mischa Malerin, Mordecai Schauspieler. Der vierte, Ove oder Owen, wie er sich in den USA nennt, ist der Bruder von Max' Vater, als junger Mann ebenfalls aus Norwegen ausgewandert und das letzte Jahr als US-Soldat im Vietnam-Krieg eingesetzt gewesen. Eigentlich ist er Musiker, seine schleichende Karriere als Pianist setzt Harstadt hinter das Kriegstrauma, womit sich der Kreis zum Jungen in Stavanger schließt, der gerade Apocalypse now gesehen hat - und sein Leben lang um dieses Filmerlebnis trudeln wird. Es analysieren, neu justieren, vervollkommnen soll.

Der Roman wechselt zwischen den Zeiten und Personen, wir springen zurück zum Jungen und den alleinerziehenden Müttern (solange die Väter offshore sind auf den norwegischen Bohrinseln) - die Krieg spielen und dauerlaufen, bis Max umziehen muss - nach Long Island, Amerika. Ein Schock, den er nie ganz verwindet. Wir hocken mit ihm in Garden City und sind einsam, bis Mordecai auftaucht, Mitschüler, Mit-Schauspieler im Theaterkurs der Schule, sein erster Freund. Lange Sommerferien, trauriges Jungsein, seltsame Bekanntschaften und ein Vater, dem ein Ei aus der abgeschnittenen Jeanshose hängt. Man möchte keine Zeile missen. Bis Mischa auftaucht, der Abschnitt ihrer Erscheinung beginnt mit dem Satz: "Und da war sie." Es folgt die Erläuterung dieses Satzes, ihr Da-Sein, welches Max noch nach zwanzig Jahren als allerwichtigstes Ereignis in seinem Leben beschreibt, "seit meine Eltern die endgültige Entscheidung getroffen hatten [...] uns nach Amerika zu transplantieren..."

Mein Freund fragte mich wochenlang, wie es weiterginge, ich erzählte, las vor, blieb begeistert. Wir zogen mit Max nach New York, zu Mischa, ließen uns ihre Bilder beschreiben, ihr Vorankommen als Malerin. Krochen im Apthorp unter, diesem geheimnisvollen alten Mietshaus, dessen Rohre knarksten und deren riesige Wohnung Dank Owen bald all unsere Helden beherbergte. Es ging uns ein wenig so wie der Übersetzerin Ursel Allenstein, die hier erzählt:

Ich konnte nicht ohne Unterbrechungen an dem Roman arbeiten, insgesamt habe ich wohl anderthalb Jahre gebraucht. Es war ein bisschen so, als wäre ich selbst mit ins Apthorp Building gezogen; dieses Projekt hat eine Zeitlang fast mein ganzes Leben bestimmt. Und mir fiel die Trennung von Max, Mischa, Owen und Mordecai genau wie Ihnen schon beim ersten Lesen schwer.

Nicht alle Rückblicke und Ausflüge dieses Roman-Universums haben mich gleich getragen, aber neben der Liebesgeschichte zwischen Max und Mischa war es für mich vor allem die künstlerische Ebene, die mich überzeugte und immer wieder auf- und anregte. Was macht einen kreativen Geist aus, woher kommen seine Ideen, Ängste - sein Versagen/Durchhalten? Max steht für ein neues Stück stundenlang auf dem New Yorker Flughafen und wartet - ohne, dass jemand kommt, er wartet, um sich (in einen Godot'schen Charakter) einzufühlen. Mischa wird mit ihren hyperrealistischen Gemälden berühmt (einleuchtend die Erklärung Hansens, man hätte sie aufgrund ihres Vornamens für einen Mann gehalten), malt und malt und malt, zieht nach Kalifornien, erlebt das Burning Man, siedelt um in ihr Heimatland Kanada - und Mordecai spielt am Brodway, macht drei Independent Filme und dann?

Dann kommt wieder ein Abschnitt Owen, denn zeitgleich zu den biografischen Entwicklungen Max', Mischas und Mordecais lesen wir Owens Gegenwart entgegen - und müssen noch einmal nach Vietnam, wo Ratten den Stützpunkt belagern ... Und, fragt mein Freund gerade, liest du das jetzt nochmal? Ich nicke, schüttle den Kopf, nachdenklich. Wiege das Buch in den Händen, schlage es zufällig auf - das mit Ausstellungskatalog hatte ich schon wieder ganz vergessen, Max erörtert dutzende Seiten lang die Bilder Mischas - und hier, rufe ich ihm hinterher, warte, hab ich dir eigentlich vorgelesen gehabt, wie er sie beschreibt, als er Mischa zurückgewinnen will?

...ich liebte sie, wenn sie so lachte, dass sie Schluckauf bekam, und wenn sie beim Kochen improvisierte und die Zutaten nach Gefühl mischte und das ein oder andere im Ofen anbrennen ließ, sodass wir stattdessen essen gehen mussten; ich liebte sie für ihren unverfälschten Enthusiasmus und die Neugier, die sie ihrer Arbeit entgegenbrachte, und weil sie überrascht und stolz war, wenn ihr etwas gelang, was sie sich gedacht hatte oder sogar noch etwas Besseres, und wie sie stundenlang vor ihren Bildern sitzen und sie bewundern konnte, nicht, weil sie die Urheberin war, sondern weil es ihr gelang, sie isoliert und von sich selbst losgelöst zu betrachten...

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