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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Debüts“ - Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Sonntag, 08.10.2017

Mein kleiner Buchladen: „Debüts“ - Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt

„Der Geruch war deutlich wahrzunehmen, eine Mischung aus altbackenem Brot, vermoderten Zeitungen und einem Hauch Schwefel. Die acht behaarten Beine ragten wie Zeltstangen aus dem dicken, tonnenförmigen Körper. Jedes hatte drei Gelenke von der Größe eines Medizinballs, an denen sich die Beine ihrem Schicksal der Schwerelosigkeit ergaben. Dünner grauer Pelz bedeckte Rumpf und Beine, kreuz und quer sprießend wie Schneckenklee. Das Wesen hatte unzählbar viele rot geäderte Augen, die Iris schwarz wie der Weltraum selbst. Unterhalb der Augen saßen wulstige menschliche Lippen, die erstaunlich rot waren, lippenstiftrot, und als sie sich öffneten, gaben sie gelbe Zähne frei, ähnlich denen eines menschlichen Durchschnittsrauchers.“

Das Wesen erscheint im Debüt-Roman Jaroslav Kalfařs nach knapp fünfzig Seiten. An dieser Stelle war ich längst verliebt in das Buch und den melancholischen Astronauten Jakub Procházka. Im April 2018 fliegt Jakub mit der „JanHus 1“ ins All, den Staub in einem Nebel nahe der Venus zu untersuchen. Eine ganze Nation schaut auf ihren neuen Helden, nur seine Frau Lenka hat längst genug von der selbstmörderischen Mission Jakubs, ist aus Prag verschwunden und steht nicht mehr für die wöchentlichen Videochats zur Verfügung. Jakubs Sinne sind angeschlagen. Ein haariger Alien bedient sich aus dem Nutella-Glas der Bordküche, unterhält sich mit ihm über das Menschentum, Jan Hus, den Tod, die Oper Rusalka und nennt ihn zärtlich „dünner Mensch“. Die Mission gerät allmählich in den Hintergrund und droht zu scheitern.

Die linear erzählte Mission des Astronauten ist verknüpft mit seinen Kindheitserinnerungen, einer Schuld-Geschichte. Jakubs Vater war überzeugter Kommunist und Geheimdienstmitarbeiter. Als sich das Blatt der Geschichte wendet, werden Sohn und Eltern die Verantwortung für seine Taten übernehmen müssen. Der kleine Jakub erlebt den „Tag des Tötens“ in einem böhmischen Dorf, bei den Großeltern. Der Großvater schärft das Schlachtmesser, die Großmutter gießt ihre Pflanzen und Jakub malt ein Bild des Schweines Louda in sein Skizzenbuch.

„Es ist die beschauliche, stille Welt eines kleinen Dorfes Stunden vor der samtenen Revolution. Eine Welt, in der meine Eltern noch leben. In der unmittelbaren Zukunft erwarten mich frisch gekochtes Gemüse, Schweinsfüße mit Meerrettich aus dem eigenen Garten und der Kapitalismus.“

Kalfař selbst wurde 1989 in Prag geboren und beschloss im Alter von fünfzehn Jahren, zu seiner getrennt lebenden Mutter nach New York umzusiedeln. Studierte dort Literatur, Politik, europäische Geschichte und Kreatives Schreiben. Mentor des Debütanten war kein anderer als Safran Foer, dessen überbordende Phantasie und osteuropäisch geprägter Humor direkt in die „böhmische Raumfahrt“ eingeflossen scheinen. Mit erstaunlicher Leichtigkeit fügt Kalfař schwierige Passagen der Diktaturgeschichte in seinen Raumfahrerroman, umgossen von einer anrührenden, niemals kitschigen Liebesgeschichte und den großen Fragen nach dem Menschsein an sich. Die spannende Geschichte Jakub Procházkas erschien 2017 als „Spaceman of Bohemia“ in New York und vor wenigen Wochen in der sprachgewaltigen Übersetzung von Barbara Heller auf Deutsch im Tropen-Verlag.

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