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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Debüts“ - Eine Geschichte der Wölfe
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Montag, 25.06.2018

Mein kleiner Buchladen: „Debüts“ - Eine Geschichte der Wölfe

„Obwohl der See hier sehr schmal war, musste man mehr als drei Kilometer zu Fuß um ihn herumgehen – ein einstündiger Marsch durch den Wald -, um zur Hütte meiner Eltern zu kommen. Da stand sie: halb geschindelt, mit Holzstapeln zu beiden Seiten, dunkel hinter den Kiefern. Ein matschiger schwarzer Pfad schlängelte sich vom Klohäuschen zum Werkzeugschuppen zur Tür der Hütte. Der Innenbereich war knapp fünf mal sechs Meter groß, einschließlich des Zimmers meiner Eltern und des Dachbodens, einschließlich des Wohnzimmers mit dem eisernen Ofen und dem aus Holzresten zusammengezimmerten Tisch. Ich hatte es nachgemessen.“

Linda ist vierzehn und lebt im Wald. Ihre Eltern bilden den Rest einer gescheiterten Hippie-Kommune in den Wäldern Minnesotas, lange kalte Winter und eine endlose Seenkette vor der Nase prägen ihr Leben. Der nächste Ort gilt als Welthauptstadt des Barsches, dort sind Schule, Eisenwarenladen, Anglerbedarf und Bank. Wenn Linda den Bus verpasst, läuft sie fünf Kilometer am schneegesäumten Rand der Route 10 entlang, biegt in die Still Lake Road und gelangt nach anderthalb Kilometern auf einen Hügel, wo sie die Hosenbeine der Jeans in die Söckchen stopft. "Im Winter sahen die Bäume vor dem orangen Himmel wie Adern aus." Zwanzig Minuten durch Schnee und Sumach (Färberbaum) folgen, bis die Hunde sie hören und an ihren Ketten zu zerren beginnen.

"Eine Geschichte der Wölfe" ist der erste Roman von Emily Fridlund, letztes Jahr im Berlin Verlag erschienen, adäquat von Stephan Johann Kleiner aus dem Englischen übertragen. Die 39-jährige Autorin veröffentlichte bisher preisgekrönte Erzählungen, mit ihrem Debütroman gehörte sie zu den Finalisten des Booker Prize 2017 und erhielt Anerkennung von Kollegen wie T.C. Boyle. Gerechtfertigt? Ich habe selten ein Debüt von solcher Ideenfülle und Sprachgewalt gelesen. Die Naturbeschreibungen nehmen eine großen Raum innerhalb des 368 Seiten starken Romans ein und überzeugen durch pfadfinderisches Detailwissen und kraftvolle Bilder. Auch die Teenagerin und ihre Selbstsuche haben mich überzeugt, schwieriger empfand ich die vielen Zeit- und Figurenstränge, die um einige Monate im Leben des Mädchens herumgestrickt wurden (ein scheinbar pädophiler Lehrer, ein verschwundenes Indianer-Mädchen, Ausflüge in die Zukunft Lindas, Vorgriffe auf einen Prozess).

"History of Wolves", wie der Roman im Original heißt, ist mitnichten e i n e Geschichte der Wölfe. Linda läuft zu Beginn des Romans mit Schneeschuhen zum Forest Nature Center, wo eine ausgestopfte Wölfin in der Eingangshalle steht, die nicht berührt werden darf. Linda soll bei einer Geschichtsodyssee im 40 Kilometer entfernten Whitewood einen Vortrag für ihre Schule halten, sie wählt die Wölfe als Thema. Eines der Jurymitglieder fragt im Anschluss, was Wölfe denn nun mit der menschlichen Geschichte zu tun hätten und Linda faucht zurück: "Wölfe haben überhaupt nichts mit Menschen zu tun. Sie gehen ihnen aus dem Weg, wo sie nur können."

Nichtsdestotrotz begibt sich das junge Mädchen zu nah in menschliche Gemeinschaft, lernt die just zugezogene Patra am anderen Ufer des Sees kennen, betreut ihren vierjährigen Sohn Paul, dem sie zunehmend vertraut wird. Eine fast erotische Nähe zu der einsamen Mutter entsteht, ein symbiotisches körperliches Einverständnis mit dem Kind.

"Es ist ein Spätnachmittag wie jeder andere, wir sitzen im Nature-Center, und sein Körper bewegt sich automatisch auf meinen zu - nicht aus Liebe oder Respekt, sondern einfach nur weil er noch nicht gelernt hat, höflicherweise darauf zu achten, wo sein Körper aufhört und ein anderer anfängt. Er ist vier, er muss ein Eulenpuzzle machen, sprich ihn nicht an. Ich tue es nicht. Eine Lawine aus Pappelflaum schwebt am Fenster vorbei, still und schwerelos wie Luft."

Linda streift stundenlang durch den Wald, weiht Paul in dessen Geheimnisse ein, lehrt ihn sehen, riechen und schmecken. Das ist wunderbar beschrieben, und da wir bereits auf den ersten Seiten erfahren haben, dass Paul sterben wird, fiebern wir diesem Geschehen angstvoll entgegen. Warum, was geschieht in dieser kleinen Idylle und was treibt Pauls Vater wirklich an der fernen Universität? Gehören Patra und ihr astronomisch versierter Mann einer Sekte an?

Emily Fridlund entwickelte ihren Romanstoff während eines mehrmonatigen Workshops in Kalifornien, wo sie den Wechsel der Jahreszeiten und die Wälder des heimatlichen Minnesota vermisste. Im Gegensatz zu ihrer Figur Linda wuchs Fridlund mit Geschwistern in einer Vorstadt der Metropolregion der Twin Cities in Minnesota auf, jedoch nahe bei den Großeltern, zu denen zahllose Campingausflüge ihrer Kindheit führten. Sie ist eine genaue Beobachterin und zeichnet die Bewohner der präsenten Natur des nördlichen Amerikas so nüchtern wie poetisch. Diese Szenen beglückten mich am meisten. 

"Zwei Aufgaben bekam ich von meinem Vater: Holz hacken und Fische ausnehmen. Mit zehn Jahren konnte ich ganze Baumstämme alleine klein hacken, und mein Vater übertrug mir die Aufgabe ganz. Aber die Fische machten wir zusammen, bis ich auf der High-Scool war, beugten uns im Schuppen schweigend über zwei Eimer. Wir benutzten gebleichte Filetmesser, die wir vor der Arbeit am Wetzstein rieben - und das war immer der beste Teil, das raue Klirren von über Stein gezogenem Stahl."

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