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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: "Autobiographien" – Kind Nr. 95
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 08.12.2017

Mein kleiner Buchladen: "Autobiographien" – Kind Nr. 95

19. Dezember 1979, ein Schloss in der Nähe von Güstrow, DDR.

"Im hellen Licht eines neuen Tages begannen 80 kleine afrikanische Kinder den Ort zu erkunden, an den sie der Wind des Schicksals geweht hatte. Die meisten von ihnen waren aufgewachsen in Hütten aus Lehm, Gras oder Blättern…. In unserer Sprache, Oshivambo, gab es kein Wort für Schloss. Das Heim, in dem wir von nun an für viereinhalb Jahre leben sollten, war jedoch eines – Schloss Bellin. Sprachlos staunend stand ich vor großen, weit geschwungenen Treppen aus Stein, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Alles war so atemberaubend riesig!"

Anderthalb Jahre zuvor war ein Flüchtlingslager der SWAPO (South West Africa People´s Organisation) in Angola angegriffen worden. Die südafrikanische Armee hatte mit Bombern und Fallschirmjägern versucht, die Unabhängigkeitsbewegung Namibias zu zerschlagen. Von etwa 5000 Flüchtlingen, die sich im Lager Cassinga aufhielten, kamen 600 Frauen und Kinder ums Leben.

1500 Kilometer weiter östlich lebt die fünfjährige Lucia Engombe mit ihrer Familie im Flüchtlingslager Nyango, sie hungern und verstecken sich bei Sichtung von Flugzeugen im Busch. Bis ein weißer Mann sie fragt, "willst du mit nach Deutschland fliegen?"

Sam Nujoma, Führer der Unabhängigkeitsbewegung Namibias, bittet zu Beginn des Jahres 1979 Kuba, die Tschechoslowakei und die DDR um Hilfe. In der Folge erhalten Hunderte von namibischen Kindern und Jugendlichen in Kuba und der der Tschechoslowakei Schul- und Lehrausbildungen. Achtzig Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren landen einige Monate später in Bellin, die meisten Waisen von SWAPO-Kämpfern. Sie sind krank, unterernährt und traumatisiert. Bis 1989 werden 430 Kinder in der DDR aufgenommen und zur Führungselite für das neue Namibia ausgebildet.

Einige von ihnen haben ihre Lebensgeschichten aufgezeichnet. Eine der ersten war Lucia Engombe, ihr Buch „Kind Nr. 95 – meine deutsch-afrikanische Odyssee“ erschien 2004 als Taschenbuch bei Ullstein. Minutiös erinnert sich die Anfang Dreißigjährige darin an den ersten Schnee vor dem Schloss Bellin, an die riesigen Räume des neobarocken Landgutes, die Erzieherinnen, das Essen. Spiele im Park, Fernsehen, Ferienlager. Die kleinen Afrikaner werden geheilt (abgesehen von ihren Traumata) und aufgepäppelt, stehen für Appelle gerade und trainieren in Manöverübungen. Lernen Deutsch, singen "alle meine Entchen", schauen russische Märchenfilme und Winnetou, fahren per Bus zur Schule nach Zehna.

"Mein absoluter Liebling wurde Aschenputtel. Von Prinzessinnen und Prinzen konnte ich nie genug vorgelesen bekommen. Mich störte allerdings, dass die Geschichten so abrupt endeten. Das musste doch weitergehen! So bekam Aschenputtel in meiner Phantasie viele Kinder. Wie ich das eben aus Afrika kannte. Und zu denen erfand ich neue Geschichten."

Die Kinder der ersten Gruppe, nach ihrem Ankunftsjahr die 79er genannt, leben elf Jahre in der DDR. Zunächst abgeschieden im Schloss; als immer mehr Kinder aus Namibia dazukommen, ab Juli 1985 in der "Schule der Freundschaft" in Staßfurt bei Magdeburg. Gemeinsam mit 700 Jungen und 200 Mädchen aus Mosambik. Lucia berichtet vom Drill der Schule, der Sehnsucht nach ihrer Mutter (die in Moskau ausgebildet wird), der Angst vor dem schwanger werden (Mädchen, die schwanger werden, zwingt die Schulleitung zum Abbruch) und der ersten Liebe. Disko, Breakdance und Sport. Baden am See, Besuche bei der Mathematiklehrerin zu Hause. Und plötzlich ist Schluss. Nach dem Fall der Mauer erlangt Namibia als letztes afrikanisches Land seine Unabhängigkeit, alle "DDR-Kinder von Namibia" werden Ende August 1990 überstürzt zurück nach Namibia gebracht. Die meisten haben ihre Schulausbildung noch nicht abgeschlossen, sie wissen nicht, wer oder was sie erwartet.

"Wir befinden uns jetzt über Namibia", sagte der Flugkapitän. Ich sah nur braunes Land, das sich endlos erstreckte. Wo waren die Wälder, an die ich mich dunkel aus meiner Kindheit erinnerte? […] Pilot, wollte ich rufen, dies ist nicht mein Land! Du hast die falsche Route genommen. Aber die Maschine ging tiefer und tiefer…"

Lucia Engombe wartet verängstigt in Katatura (Township von Windhoek) auf ihre Mutter, die ebenfalls zurückgekehrt ist. Lucia ist eine der letzten, die abgeholt wird. Einhundert Seiten ihrer Aufzeichnungen widmet sie den folgenden 10 Jahren, dem Start in der fremden Heimat, dem Kennenlernen der eigenen Geschwister, der Suche nach dem totgeglaubten Vater. Für ihre Familien sind Lucia und die anderen "Ossi-Kids" Fremde, sie nehmen sie als Deutsche wahr und die Deutschstämmigen in Namibia betrachten sie als Schwarze, die erstaunlich gut Deutsch sprechen.

Diese gespaltene Identität müssen die „DDR-Kinder von Namibia“ bis heute verarbeiten, sie kommen auf ganz unterschiedliche Weise damit zurecht. Ich habe Mitte der 80er Jahre in Magdeburg gelebt, nicht weit entfernt von der "Schule der Freundschaft" in Staßfurt, vom Schicksal der "DDR-Kinder von Namibia" erfuhr ich erst in den 90er Jahren. Die Zerrissenheit ihrer Biografien geht mir nahe. "Strandgut der Politik", werden sie in einer Doku genannt, in welcher Mattheus Ndineti, auch ein 79er, seine Geschichte erzählt.

Lucia Engombes Buch ist eine Möglichkeit, sich dem Komplex anzunähern, zahlreiche Artikel berichten vom Schicksal der "Ossi-Kids", ein Theaterstück wurde kürzlich in Osnabrück und Windhoek aufgeführt. Einige von ihnen sind nach Deutschland zurückgekehrt, einige haben studiert bis promoviert und einige sind verschollen oder gestrauchelt. Ich nehme vor allem Lucias Strahlen mit, welches sie als kleine Pionierin und als Studentin der Journalistik auf ihrem Buchcover zeigt, und das bis heute nicht verschwunden ist. Lucia Engombe arbeitet beim Deutschen Hörfunk der NBC (Namibia Broadcasting Corporation) in Windhoek und setzt sich privat dafür ein, Kinder von der Straße zu holen. Ihr Lachen ist hier gleich in der 2. Minute zu hören.

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