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Mein kleiner Buchladen: "autobiografische Romane" – Der Ungarische Satz

Mein kleiner Buchladen: "autobiografische Romane" – Der Ungarische Satz

Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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Anne HahnDienstag, 29.05.2018

…“ich frage mich, ob sich die Sieger, wenn sie sich Sorgen machen, ob Terroristen unter den Flüchtlingen sind, sicher sind, dass unter den Besiegten, denen, die vergeblich versuchen, die Reise über die Grenzen Europas zu überleben, in irgendeiner Kleinstadt, die nicht Portbou heißt und nicht in Katalonien liegt, sondern zum Beispiel in der Türkei, in irgendeinem kleinen Hotelzimmer, mit einem kostbaren Manuskript in der Reisetasche, groß, wie nur Schwache es sein können, nicht irgendein anderer Walter Benjamin ist…“

Ulcinj Anfang September. Das Ende unserer Reise von einer griechischen Insel über Albanien nach Montenegro, letzteres nur, weil die Literatur lockte. Ich hatte meinem Gefährten von Andrej Nikolaidis vorgeschwärmt, von seinen beiden Ulcinj-Romanen „Die Ankunft“ und „Der Sohn“, die uns hätten Warnung genug sein müssen. Verrückte streunen durch die engbebaute, zubetonierte Stadt am Meer, es schneit, lärmt und stinkt. Außer Schnee haben wir alles so vorgefunden, einen lausigen Stadtstrand, der vor Menschen nicht mehr zu sehen war, zugeparkte Straßenschluchten, Müll, horrende Preise und Abzocker allerorten. Ein Straßenkreuz, wieder verrottete Neubauten, Roma-Lager. Schmutzstarrende Straßenränder und Flussläufe, die totsanierte Burg über der Stadt. Und dann aufatmen - ein Friedhof am Fuße der Burg, verwitterte Steine, Olivenbäume.

… „der schönste Friedhof, den er je gesehen habe, sei der von Ulcinj; der über dem Meer zu schweben scheint, auf der Klippe unterhalb der orthodoxen Kirche, unterhalb der Festungsmauer, so positioniert, dass zwischen den Toten und dem Meer kein Hindernis ist, nicht einmal die gezogenen Bajonette der Zypressen, sodass es scheint, als würden die Toten jeden Moment aufstehen und sich, über das Wasser gehend, zur Straße von Otranto aufmachen, und weiter, über das Mittelmeer, bis zu den Ruinen des Tel Megiddo,“

Schreibt Nikolaidis in seinem jüngst bei Voland & Quist auf Deutsch erschienenen Roman „Der Ungarische Satz“. Ich stürzte mich sofort in das dritte schmale Bändchen des Autors, von dessen Sarkasmus und Schöpferfreude ich nicht genug bekommen kann. Der einer montenegrinisch-griechischen Familie entstammende Nikolaidis wuchs in Sarajevo auf, floh während des Bosnienkrieges nach Ulcinj und wurde bald für seine schonungslosen Anti-Kriegs-Reportagen und sein Eintreten gegen Nationalismus und für Menschenrechte bekannt, inzwischen hat er mehrere Romane veröffentlicht, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden und dem Autor wichtige Preise einbrachten. Nicht jeder goutierte die spielerischen Andeutungen Nikolaidis´ und auch der neue Roman stößt auf seine Missversteher, vor allem durch seine Form, welche der Autor auf der letzten Seite erklärt:

… „denn in der ungarischen Literatur werde der Kult des ungarischen Satzes gepflegt, worüber ich nachdachte, während der Zug durch die Wiener Vorstadt ratterte, über den ungarischen Satz, eine passende Metapher für das Leben, selbst lang und unüberschaubar, ohne Maß, ein Leben, das anders hätte erzählt werden können,“

„Der Ungarische Satz“ ist tatsächlich in einem einzigen 119 Seiten langen Satz geschrieben, welcher Umstand mir zunächst gar nicht auffiel, später las ich Punkte in Gedanken mit, fühlte Absätze und Unterbrechungen, so wie ich nichts vermisste, dem Satz hätte weiter folgen mögen als von Budapest nach Wien, weiter nach Berlin oder Paris und wieder östlich hinein in unser wundes europäisches Herz, an der Seite des Ich-Erzählers, der dem Vermächtnis seines toten Freunds Joe nachspürt, ein Manuskript übergeben soll und gedanklich über den aktuellen und verschwundenen Balkan zugleich mit den unerwünschten Flüchtlingen der Gegenwart reist und wie nebenbei mit dem sich dem Literaturmarkt verweigernden Schriftsteller Joe sein Ander-Ich kreiert, ebenso sein und unser Gewissen, Punkt.

Mich begeistert der Gedankenstrom, der wie eine nicht abreißende Autokolonne durch das hochsommerliche Ulcinj an unseren Nerven kratzt.

„… dass nicht nur seine Welt und der Vater verschwunden waren, sondern mit ihnen auch er, als derjenige, der existieren würde, wenn der Krieg in Bosnien nicht begonnen hätte und er nicht nach Montenegro geflüchtet wäre, wo fortan ein Mensch lebte, der sich an sich selbst nur erinnerte, ein Mensch, der verstand, dass flüchten nicht bedeutet, eine Stadt und ein Land zu verlassen, dass flüchten bedeutet, aus dem eigenen Leben zu flüchten, das der Geflüchtete nirgends etwas wert ist, nicht dort, woher er geflohen ist, und noch weniger dort, wohin er geflohen ist,…“

Dieses Buch ist ein melancholisches und weises Buch, Manifest und Komposition zugleich. Wenn es Joe je gegeben haben sollte, ist nicht sicher, dass er nicht mehr ist, nicht herumgeistert auf den Stehempfängen Europas und sich ins Fäustchen lacht, aber ich bin sicher, dass sein Schöpfer, der in diesem ungewöhnlichen Roman mehr über sich verraten hat als in seinen anderen Büchern zusammen, noch viel zu erzählen hat.

„…dass Joe jetzt in irgendeinem Waggon schläft, auf Reisen durch das endlose europäische Schienennetz, und dass er den Zug erst dann, nur dann, wieder verlässt, wenn er Stevan findet, dachte ich…“

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