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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen: „Autobiografische Romane“ - Das letzte Jahr
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Dienstag, 15.08.2017

Mein kleiner Buchladen: „Autobiografische Romane“ - Das letzte Jahr

„Wir leben in einer sehr kleinen Stadt und die liegt in Mähren. Früher hat Mähren zu Österreich gehört, nach dem ersten Weltkrieg ist die Tschechoslowakei entstanden und Mähren gehört seitdem dazu. (...) In unserer Stadt sprechen mehr Leute Deutsch und weniger Tschechisch, in anderen Städten ist es umgekehrt. Rundherum gibt es Dörfer, in denen nur Deutsch gesprochen wird, dazwischen liegen ein paar andere, in denen nur Tschechen leben.“

Elfi ist das neunjährige Alter Ego der Autorin Ilse Tielsch – 1929 in Mähren geboren, stolze Besitzerin eines Fahrrades und Erzählerin dieser Zeilen. Auf 160 Seiten erleben wir den Verlauf einiger Monate aus kindlicher Perspektive mit, dieses letzte Jahr des friedlichen Zusammenlebens der deutschsprachigen, jüdischen und tschechischen Bevölkerung Mährens. Elfi kurvt mit dem Rad umher, wundert sich mit den Erwachsenen über das Erscheinen eines Nordlichts im Frühjahr 1938, und dass Österreich jetzt auch deutsch ist. Erzählt vom Stadttrommler, dem Wasser holen, dem Warten auf das Eröffnen des Schwimmbades. Schleichenden Veränderungen. Den Ängsten der Eltern, der Nachbarn, der jüdischen Freundin. Die ist eines Tages weg, ohne sich verabschiedet zu haben. Engländer reisen durch Mähren, inspizieren Betriebe und Höfe. Gerüchte wabern. Der Neffe ihrer liebevollen tschechischen Haushälterin streitet mit Elfi, bis sie weinend davon rennt – die Deutschen würden ja immer Recht haben wollen.

Das Münchner Abkommen teilt im Herbst 1938 das Land neu auf und wird die Volksgruppen auseinanderdividieren, für mehr als drei Millionen Deutsche, Ungarn und viele Millionen Tschechen, Slowaken, Juden sowie anderen Nationalitäten und Religionsgemeinschaften der Tschechoslowakischen Republik ist „das letzte Jahr“ der Gemeinsamkeit vorbei. Elfis Eltern reisen überstürzt mit ihr nach Wien, kehren aber bald zurück. In ein anderes Land, eine andere Welt. Der jüdische Laden der kleinen Frau Hirsch ist geplündert, die neue Schule, an welcher noch im letzten Schuljahr die tschechischen Kinder lernten, gehört den Deutschen und die Josefka meint, jetzt sei alles vorbei. „Ich bin eine Tschechin und du bist ein deutsches Kind... das ist jetzt ein großer Unterschied“. Das Buch endet im Herbst 1938, lässt Elfie in der großen Verwirrung zurück, die um sie herum eingesetzt hat. „Mit dem Anschluß an das Deutsche Reich, sagen sie, haben wir doch ein großes Glück gehabt. Es gibt aber auch Leute, die meinen, daß das nicht stimmt und daß uns vielleicht doch noch ein großes Unglück bevorsteht, vor dem wir uns fürchten müssen.“

Mich hat die rein kindliche Perspektive des Romans von 2006 anfangs gestört, es kostete ein wenig Überwindung, sich darauf einzulassen. Umso mehr überraschte mich ein der diesjährigen Neuauflage des Buches als Nachwort beigefügter Essay von Adolf Opel. Opel erwägt, „das letzte Jahr“ als Postskriptum zu Ilse Tielschs Hauptwerk zu lesen - der Trilogie Die Ahnenpyramide, Heimatsuchen und Die Früchte der Tränen (1980, 1982, 1988) und bescheinigt der Autorin, mit ihren Werken hätte sie eine geradezu lakonische Chronik der Ereignisse aufgezeichnet. Sie fälle keine Werturteile, sie ließe die Fakten, die sie unermüdlich aus auswertbaren Dokumenten aller Art zusammengesucht habe, neben den eigenen Erfahrungen für sich selbst sprechen. In keiner Zeile sei von Haß, Rachsucht oder Vergeltung die Rede, sie vermeide es, gegen bestehende Tabus zu verstoßen und anderweitig monopolisierte Begriffe wie Völkermord oder Ähnliches einzusetzen.

So rasch die Lektüre an sich bewältigt war, so lange gehen mir die Zeilen dieses Nachwortes nicht aus dem Sinn. Ich habe nachgelesen, wie die seit 1948 in Wien lebende promovierte Germanistin, Journalistin, Lehrerin, Autorin und Dichterin ihr Leben gestaltete. Was sie schrieb. Und endlich begriff ich - es ist ein Kunstgriff! Ilse Tielsch hat ausgiebig die Fakten studiert, so gab sie u.a. in Heimatsuchen an, dass von den rund 3 295 000 Deutschen Böhmens, Mährens und Schlesiens im Jahr 1945 etwa 241 000 Todesopfer zu beklagen waren. Sie veröffentlichte Reiseberichte wie 1991 Die Zerstörung der Bilder. Unsentimentale Reise durch Mähren und Böhmen über einen Besuch in ihrer alten Heimat und bemerkte: „Die Bilder fallen über mich her, sie bedrängen mich. Man kehrt nicht ungestraft dorthin zurück, wo man Kind gewesen ist.“ Etwas von ihrem ursprünglichen und eigentlichen Ich hat sie zurückgelassen, eingebüßt, in dieser Heimat, die nach dem letzten Jahr unwiederbringlich verloren war. Das ist der Kunstgriff, den ich erst erkennen musste – sie beschreibt in diesem kleinen Roman beinahe 80 Jahre nach den Geschehnissen noch einmal den Moment des Kind-Seins, des Geborgen-Seins in einer multikulturellen Gemeinschaft, wie sie es erlebt hat. Ohne Moral und Mahnung, aber vielleicht als Verweis auf die Möglichkeit des Verlustes, der allem innewohnt.

„Sehr viele Jahre später werde ich daran zurückdenken, wie gut die Leute in unserer kleinen Stadt miteinander ausgekommen sind, obwohl sie verschiedene Religionen gehabt und in verschiedenen Sprachen geredet haben, und es wird mir vorkommen, als wäre das alles, was ich hier beschrieben habe, nur ein schöner, weit zurückliegender Traum.“

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