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Literatenfunk

Mein kleiner Buchladen
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Dienstag, 02.08.2016

Mein kleiner Buchladen

Seit gut sechs Jahren habe ich ein schmales Ladengeschäft im Berliner Wedding nahe der Liesenbrücken angemietet. Die ersten 600 Bücher bekam ich nebst Schränken mit Glastüren geschenkt, es war ein gutes Omen. Binnen Kürze wuchsen in den zwei Räumen auf knapp vierzig Quadratmetern die Regale an den Wänden hoch, aus Dachlatten und Brettern selbst getischlert. Inzwischen stehen knapp zwanzigtausend Bücher hier, einige aus Nachlässen, andere von Umzügen, Trödeln und manche wenige gekauft. Ab und an kommen Leute aus der Gegend, bieten alte Bücher an, wobei es sich meist um Bibel, Kochbuch oder das Lexikon vom Opa handelt. Die nicht gekauft werden. Krimis, Fach- und Kinderbücher wechseln hingegen noch gerne den Besitzer.

Bücher, die ich nicht verkaufen kann, weil sie zu dick, schwer oder zu oft gedruckt worden sind, stelle ich auf die Kachel-Fensterbank. Oft sind sie innerhalb einer Stunde verschwunden, noch nie waren zwei Tage später welche übrig. Readers Digest Bildbände, Schlager CDs, Reiseführer, Ratgeber, Broschüren. Krimis, Romane, Kalender. Manchmal stehen Tüten mit gebrauchten Büchern vor der Tür, letztens gab eine Mutter der Privatschule, die in Wurfweite gegenüber der katholischen Kirche liegt, Obstkisten voller Romane ab. Viele Nachbarn kenne ich vom Sehen, die Postboten und Briefträger. Den Automechaniker, die Katzen, den Schornsteinfeger, die Reinemachfrauen und die Schrottsammler. Den Kapitän im Ruhestand und die Kiezläufer. Die Hundebesitzer, den Busfrickler, den Autowäscher. Mit manchen bin ich befreundet. Mit einem verwandt.

Eine Lesung gab es auch, doch jetzt ist kein Platz mehr. Ulrike Steglich bestritt mit dem Manuskript ihres wunderbaren Buches „Universum Ackerstraße" die erste und einzige Lesung. Eine schöner Einstieg in die Straße, an deren nördlichem Ende mein Universum liegt. Sommers wird vorm Haus gegrillt, seit der Garten hinten einem Kinderheim und die Baulücke nebenan einem Atelierhaus gewichen ist. Die S-Bahn donnert über die Liesenbrücken in den Humboldthain, in der Straßenachse geht die Sonne unter, die Backsteinfabrik leuchtet und den Kirchturm umkreisen Falken. Nach den Kutschen, die heimkehren, kreuzt der Fuchs die Pflastersteine.

Der Sommer eignet sich für eine Bestandsaufnahme, schnell verändern sich Nachfrage und Preisspiegel gebrauchter Bücher. Dem Prinzip einer Fernsehserie folgend, möchte ich eine Textreihe eröffnen, die als Serie „Mein kleiner Buchladen“ heißt, in Staffeln gegliedert ist und in losen Folgen hier erscheinen soll. Die Staffeln werden „Verbotene Bücher“, „Vergessene Bücher“, „Frische Bücher“, „Unverschämt teure Bücher“ etc. genannt werden, die jeweilige Folge hat den Buchtitel zum Namen.

Willkommen in meinem Lädchen!

9,4
16 Stimmen
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Kommentare 1
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor mehr als einem Jahr

    Eine hübsche Idee. Ich freue mich schon auf Vergessene Bücher.