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Literatenfunk

Mein autobiographisches Jahr mit Frauen — Folge Moshfegh
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Donnerstag, 26.01.2017

Mein autobiographisches Jahr mit Frauen — Folge Moshfegh

Wie geht es eigentlich dem American Denken? Das American Denken ist seit circa zwei Wochen back in Germany, voll auf Ibuprofen und vertritt Gratismeinungen: Man darf Amerika jetzt nicht zu intelligent kommen. Das ganze Ego-Bullshitting, Greatness-Getue, Real/Fake-Sperrfeuer kommt natürlich aus dem HipHop – und wird ebenso natürlich sofort unerträglich, wenn es von protofaschistischen Weißbroten mit dem Finger am Knopf kommt. Als Roman der Stunde muss wohl „Beautiful Country“ von JR Thornton gelten. Es geht um einen jungen amerikanischen Tennisprofi, der sein Glück in China und der dortigen „Chimerican“-Szene versucht. Als einzige Publikation, die nicht von Trump handelte, entdeckte Kai Diekmann das Buch auf dessen Schreibtisch und jetzt ist es in ganz Berlin nicht vorrätig. Lieferzeit zwei Wochen, mehr dazu demnächst.

Bis dahin macht das American Denken weiter mit autobiographischen Einzelsportarten und Frauen: Ottessa Moshfegh gegen Nadal vs. Raonic. Das Viertelfinale hatte ich mir gestern morgen als Abendspiel der Australian Open angeguckt, tonloses Weltraumtennis mit Lesebrille auf, parallel rote Neo-Angins lutschend und dem Fernseher „Slumming“ vorlesend. Das ist eine Short Story aus Ottessa Moshfeghs neuem Erzählband „Homesick for Another World" (gerade auf englisch bei Penguin und Jonathan Cape erschienen). So viel zur Chronik der laufenden Ereignisse.

Von Ottessa Moshfegh hatte ich noch nie was gehört, als mir im Herbst 2015 in einem Motel in Palm Springs auf den hinteren Kulturseiten der LA Times das Foto einer jungen Frau entgegenleuchtete, die null nach Autorin aussah, was ja immer der Trick ist. Es handelte sich um ein Mail-Interview, in dem Ottessa Moshfegh über ihren Alkoholismus und das Schreiben Auskunft gab: Ihre kroatisch-iranischen Eltern wollten, dass sie klassische Konzertpianistin wird, aber das verlange ungefähr noch zehnmal mehr Disziplin — dann lieber Trinken und Schreiben. Am besten fand ich, dass sie in den Arbeitspausen angeblich Seil springt. Ihre ersten beiden Romane, „McGlue“ und „Eileen“, waren beide historisch und interessierten mich komplett nicht – auch wenn „McGlue“ wenigstens ein historischer Alkoholiker-Roman war, über einen Seefahrer, der im Suff den Verstand verlor (im letzten Jahr auch auf deutsch bei Liebeskind). Schon damals wurde allerdings der nun erschienene Storyband angekündigt, gemeinsam mit dem üblichen Paris Review- und Award-Zirkus. Ottessa Moshfegh, das nächste große Ding!?

Während Nadal den ersten Satz gewann und ich entschlossene SMS verschickte (Go fuckin Rafa – gedopt bis in die schütteren Haarspitzen, aber in dem Alter alles, was hilft!!), handelte „Slumming“ von einer Ich-Erzählerin Anfang 30, die in der Großstadt als Lehrerin am Bildungssystem und den Normal American Kids verzweifelt. Nur in den langen Sommern der Schulferien blüht sie auf, denn sie hat sich in Alna, einem Autostunden entfernten, runtergekommenen Örtchen, ein Haus gekauft, das selbst sie sich leisten konnte. Wie ein Elendstourist im eigenen Land genießt sie hier Urlaub vom American Ego, ihrem Ex-Mann, den Telefonaten mit ihrer Schwester-Mom. Alna ist noch abgefuckter als sie, Heroin und Crack haben längst Kleinstadt-Amerika erreicht. Am Busbahnhof bei den „Zombies“ deckt sich auch die Lehrerin ein. Zehn Dollar für ein Tütchen, den Rest des Tages driftet sie weg oder vögelt mit Clark, der ihr Haus für den Rest des Jahres untervermietet. Clark ist College-Programmierer, versucht sie mit Literatur zu beeindrucken (... kann keine nach 1993 geschriebene Fiction lesen, weil da William Golding gestorben ist) und wird von Moshfegh in wenigen Sätzen erledigt: denn er checkt nicht, dass die Zombies am Busbahnhof als Dealer über magisches Wissen verfügen. Die Zombies verkaufen ihr immer den genau richtigen Stoff, der sie nie zu hart wegschießt, immer noch so gerade durch den Sommer kommen lässt. Aber Clark? “Too concerned with his own intelligence to see the bigger picture.“

So auch Raonic. Im zweiten Satz gelingt dem kroatisch-kanadischen Riesenbaby tatsächlich mal ein Stopp. Rafa tigert auf nachtblauem Court wie ein Panther nach vorne und kommt noch ran – Gegenstopp cross. Aber Raonic steht schon am Netz und hat jetzt den ganzen Platz offen – verschlägt das Ding aber mit seiner kack-beidhändigen Rückhand. Netzkante, Rafas Faust. Mit der Story von Moshfegh bin ich auch fast fertig. Der Ton ist etwas zu gekonnt cool und hätte mich mit 19 schwer beeindruckt. Aber das Scheitern ist real, die Abgefucktheit amerika-angemessen, ohne als Harmony-Korine-Posertum zu verrecken. Am Ende wird echte Läuterung haarscharf vermieden: Als der Lehrerin von den Zombies dann tatsächlich doch noch mal echtes Crystal Meth verkauft wird, überlegt sie kurz, ob sie es nehmen soll. Eine hochschwangere Teenagerin putzt gerade ihr Haus, bis die Fruchtblase platzt. Die Lehrerin hilft dem Mädchen dann lieber beim Putzen, gibt ihr zwanzig Dollar und überlässt sie den empathischeren älteren Ladies aus der Nachbarschaft, bevor sie mit dem Tütchen Crystal zum Fluss geht und …

... Rafa im dritten Satz noch ein paar „Time violations“ von der griechischen Stuhlschiedsrichterin kassierte, das Match aber trotz oder dank seiner Psychoticks konzentriert nach Hause brachte. Bis zum Schluss gab es super Ballwechsel, von denen – total normal – keiner den Augenblick des Guckens in Zeitlupe überlebte. Von Moshfegh las ich noch die ähnlich angelegten Stories „Bettering Myself“ und „An Honest Woman“, klappte dann das Buch zu und störte mich nur noch kurz an dem blöden Titel. „Homesick for Another World“, so könnte auch eine B-Seiten-Sammlung von Arcade Fire heißen.

Indie-Sadness also. Rafa nach dem Match noch im Interview bei Jim Courier (der ja tatsächlich mal während der Seitenwechsel Armistead Maupin gelesen hat, als es mit ihm bergab ging, „Maybe the moon“), aber Rafa also: Er hätte immer Zweifel, „always!“, daraus würde gewissermaßen sein ganzes Selbstbewusstsein bestehen. „But I love this sport“, und das war ja auch letztens schon so ein American Denken-Gedanke, eher tennisfern, aber vielleicht nicht ganz literaturunverwandt, am Beispiel von Frank Oceans „Blond“, Bon Ivers „22 God“ oder jetzt auch Kenneth Lonergans „Manchester By The Sea“.

Dass die Traurigkeit (unter Obama) vielleicht zu groß geworden ist.

Dann erreicht man am Ende die wirklich traurigen Typen nicht mehr (... und die wählen dann - klare Analyse - lieber Trump). Wenn man auf Google Earth nachguckt, liegt Alna in Maine und sieht eigentlich ganz grün und pittoresk aus. Beautiful Country, aber definitiv keine City, in der man leben möchte.

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