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Literatenfunk

Felix Lorenz
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piqer: Felix Lorenz
Mittwoch, 26.07.2017

Mehr oder weniger schlechte Rezensionen von mehr oder weniger guten Büchern

Manchmal gehe ich auf Amazon, nur um mir Buchrezensionen durchzulesen, aber nicht von Büchern, die ich vielleicht erst noch lesen will, sondern von solchen, die ich schon lange gelesen und sehr gut gefunden habe. Am liebsten lese ich die ganz schlechten Bewertungen mit ein oder zwei Sternen und am allerliebsten diejenigen, die nur aus ein oder zwei hingerotzten Sätzen bestehen. Obwohl sie wahrscheinlich in wenigen Sekunden geschrieben wurden, sind manche schon fünf oder fünfzehn Jahre alt. Aufgeräumt wird in der Welt der Kundenrezension nämlich selten oder nie.

Mich reizt daran, dass ich das absolute Gegenteil meiner eigenen Einschätzung zu sehen bekomme. Je härter und grober der Verriss ausfällt, desto besser gefällt er mir. Daran kann man sich reiben und das Gehirn wird wach. Die Ablehnung ist am besten, wenn sie deutlich artikuliert wird, denn so bekommt man zu sehen, welchen Aspekt genau jemand anderes an einem Buch verabscheut, das man selbst großartig findet. Auch die pampigsten, rüdesten Rezensionen zeigen noch eine Leseerfahrung, und kein Werk lässt sich ganz davon freisprechen, für sie auch ein bisschen verantwortlich zu sein.

Am schönsten finde ich es, wenn es sogenannte Große Klassiker trifft und sie sehr unsachlich und gegen jeden Respekt vor ihrem Status mit wenigen Worten abserviert werden. Da ist die Fallhöhe am größten und mit der Fallhöhe kommt die Komik in die Polemik.

Es gibt einen Tumblr, auf dem solche Rezensionen gesammelt werden. Er heißt One-Star Book Reviews und ich freue mich immer, wenn es einmal wieder einen neuen Eintrag gibt. Die Sammlung reicht von einfachem inkompetenten Quatsch (“I will never read another shakespere novel again”) und unkonventionellen Vergleichen (“If this book was a horse, I would shoot it!”) über ganz treffende Spitzen (“Judging by the way he writes his female characters, Henry James either was never actually exposed to women, or the ones he met were given lobotomies at age 7.”) bis zur sachlichen Feststellung der möglichen sozialen Nebenwirkungen ausgiebiger Lektüre (“This book destroyed the book club I was in.”). Und manchmal bekommt man beim Durchscrollen gleich Lust, eines der Bücher wieder aufzuschlagen, und sich des Gegenteils zu versichern – außer vielleicht bei so etwas wie Boccaccios Decamerone, denn das ist, wie uns nachhaltig versichert wird, ganz einfach “ew lol no”.

Mehr oder weniger schlechte Rezensionen von mehr oder weniger guten Büchern
9,1
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