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Literatenfunk

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal
Felix Lorenz

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piqer: Felix Lorenz
Dienstag, 28.02.2017

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal

Max Frisch hat zu Lebzeiten zwei umfangreiche Tagebücher veröffentlicht, das Tagebuch 1946–1949 und das Tagebuch 1966–1971. Beide sind sehr vielfältig, neben präzisen Alltagsbeobachtungen und Reflexionen erprobt Frisch in ihnen erzählerische Ansätze, neue Stoffe und ungewöhnliche Formen wie die bekannt gewordenen Fragebögen. Das Berliner Journal ist im Anschluss an das zweite Tagebuch entstanden, Max Frisch hat es aber, aus privaten Überlegungen, mit einer Sperrfrist versehen und erst zwanzig Jahre nach seinem Tod freigegeben. 2014 ist diese Edition erschienen, für die der Text aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen um einzelne Teile gekürzt wurde. Das Journal ist in der Herangehensweise den anderen Tagebüchern ähnlich, wegen seines Manuskriptcharakters nimmt es sich aber auf eine nicht unangenehme Art etwas unfertiger und roher an.

Ich habe Max Frisch lange Zeit ignoriert. Bis vor Kurzem kannte ich fast gar nichts von ihm. Als ich als Jugendlicher mit dem Lesen von Literatur anfing, war Frisch für mich immer einer wie Grass oder Böll oder Walser, jemand, der schon etwas angegilbt wirkte, und jemand, den Deutschlehrer gut fanden. Wenn man sich wirklich für Literatur interessierte, war einem alles recht, es durfte nur keine Deutschlehrerliteratur sein. Die Literatur trug in sich ein Versprechen, das gegen die ganze Ödnis des Deutschunterrichts unbedingt verteidigt werden musste.

Im Nachhinein war das natürlich Unfug. Hätte ich Frisch und seine Tagebücher damals gekannt, es hätte mir wahrscheinlich gut getan – gar nicht so sehr, was meinen literarischen Horizont angeht, und viel mehr bei der Suche nach einer angemessen sich selbst reflektierenden Haltung zur Welt. Denn was man von ihm lernen kann, ist das Abklopfen der eigenen Wahrnehmung auf zu schnell und zu einfach gefasste Urteile.

Man erfährt im Berliner Journal viel über das Leben im West-Berlin der frühen Siebziger und auch über den Literaturbetrieb der DDR. Aber zu den besten Stellen im Journal zählen die, an denen Frisch kurze Portraits seiner Zeitgenossen entwirft, in denen er auch ihre Schwachstellen hervorhebt und sich gleichzeitig fragt, was seine Schwächen im Verhältnis zu ihnen sind. Aus einer Passage über seinen engen Freund Uwe Johnson:

Er ist schwierig zu verstehen, oft überhaupt nicht; sein Assoziations-System (vorallem nach der zweiten Flasche Weisswein) bleibt mir verschlossen, dazu noch seine Verschlüsselungen, er spricht Kreuzworträtsel, kopfüber in Kommentare zu Sachverhalten, die er kaum mit einem Stichwort einführt und die man aus dem Kommentar erst rekonstruieren muss. Oft ist es schade, ich verstehe erst hinterher, wovon die Rede gewesen ist. Seine Ironie; dann halte ich wieder für Ironie, was keine ist, und er erschrickt, und umgekehrt. Ein Logiker und dann völlig irrational. Er weiss Fakten, Fakten, Fakten und fingiert unversehens. […] Fantasie, die sich spontan formuliert. Ein Kopf, in dem unentwegt etwas vor sich geht und sehr rasch. Dabei kann er zuhören; er hört sofort etwas heraus, Anspielungen, die ich nicht gemacht habe, und geht darauf ein. Er unterstellt Gedankenfülle, die im Augenblick nicht da ist. Seine Erschreckbarkeit; er wähnt immer etwas, sieht eine Geste und deutet sie, fürchtet, er habe mich gekränkt und bedauert, fühlt sich in seiner Zuneigung missverstanden. […] Er inszeniert sich nicht auf diese oder jene Aura; er hat Format, das ihn nicht verlässt.

Sogar in den Urteilen, die dazu taugen würden, einen anderen Menschen zu erledigen, schwingt bei Frisch ein prüfender Selbstzweifel mit und die Absicht, nicht ungerecht zu sein. Er kann treffen, ohne zu zerstören, weil er zeigt, wo zwei Charaktere miteinander kollidieren, ohne dass es böse Absicht oder Unfähigkeit sein muss. Wenn Max Frisch etwas beobachtet, tritt er anschließend aus sich heraus und versucht, sich dabei zuzusehen. Da spricht jemand, für den nichts leichtfertig sein darf. Jemand, der sich für Zögerlichkeit sensibilisiert. Ich würde mir in meinem Verhältnis zur Welt manchmal mehr von dieser Frisch’schen Vorsicht wünschen.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Suhrkamp 2014.

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