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Literatenfunk

Mathieu Sapin: "Journal d'un journal"
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 14.02.2018

Mathieu Sapin: "Journal d'un journal"

Als ich vom begnadeten Comicautor Riad Sattouf las, daß er sich in Paris ein Atelier mit Christophe Blain, Joann Sfar und Mathieu Sapin teilt, fragte ich mich, da ich die Comics von Blain und Sfar schätze, wer der andere ist, Sapin? Wie ich später feststellte, hatte ich längst ein Buch von ihm bestellt, denn im März erscheint bei Reprodukt die deutsche Ausgabe von Mathieu Sapins Comic-Reportage über Gérard Depardieu (bekannt als Obelix). 2014 ist Putin-Freund, Steuerflüchtling und Schauspiel-Genie ("Die Ausgebufften") Depardieu für ARTE im Kaukasus auf den Spuren von Alexandre Dumas unterwegs gewesen, der 1858 eine Reise dorthin unternommen und eine Reportage darüber geschrieben hat ("Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus"). Weil Dumas damals von einem Maler begleitet worden ist, hat ARTE Mathieu Sapin an die Seite von Depardieu gestellt. Den unscheinbaren Comic-Nerd Sapin auf den bukolischen Sanguiniker Depardieu loszulassen, klingt nach einer dieser originellen Redakteur-Ideen ("Mal sehen, was passiert, wenn …"), hat aber so gut funktioniert, daß Sapin Depardieu in den folgenden Jahren immer wieder besucht und begleitet und ihn nun in einem ganzen Buch porträtiert hat. Irgendwie kam mir sein "Strich" bekannt vor, und tatsächlich hat die Recherche in meinem Archiv ergeben, daß ich bereits seit ein paar Jahren im Besitz einer anderen Comic-Reportage von Sapin bin, "Journal d'un journal", die ich nun, kaum sieben Jahre nach dem Kauf, begeistert gelesen habe. Ich würde schätzen, daß ich ungefähr 20% meiner Bücher gelesen habe, der Rest hat es bei mir schön warm und wartet darauf, auf ähnliche Art im richtigen Moment zur Stelle zu sein und entdeckt zu werden. Mathieu Sapin durfte für dieses Buch 2011 ein halbes Jahr lang "hinter die Kulissen" von "Libération" schauen, meiner Lieblingszeitung aus Erasmus-Tagen. (Das Buch gibt es nur auf Französisch, wenn man sich die Mühe macht, es zu lesen, lernt man dafür z.B., daß Tortendiagramm "diagramme camembert" heißt.) Es ist ein gelungenes Beispiel für die überlegenen Möglichkeiten des Comics, wenn es darum geht, alles, was man als Journalist eigentlich nicht darf, zur Freude des Lesers eben doch zu tun. Zunächst mal ist der Autor natürlich selbst als kleines Männchen ständig präsent und thematisiert gerne seine Ahnungslosigkeit und Überforderung und seinen Respekt vor den alten Hasen des Milieus (deren Namen er nicht kennt.) Manchmal verpaßt er akustisch eine Pointe, oder er schafft es nicht schnell genug mitzuschreiben (hätte er doch Steno gelernt ...) Es kommt häufig zu Pannen, wenn er z.B. mit seinem Behelfsausweis nicht zum Fototermin in den Élysée-Palast darf. Vor allem hat Sapin Selbstironie und Humor und den Blick des Nerds für die Details des Milieus, die den Beteiligten oftmals nicht bedeutend erscheinen, Außenstehende wie mich aber brennend interessieren. (Inzwischen hat Sapin übrigens auch noch Reportage-Comics über Hollandes Wahlkampagne, über ein Jahr im Élysée-Palast und über die Dreharbeiten zu Joann Sfars Gainsbourg-Film geschrieben.)

In der Zeit, die Sapin bei "Libération" zusehen durfte, hatte die 1973 als Ausfluß der Studentenrevolte gegründete Zeitung (sie hat die übliche Entwicklung von linksradikal-maoistisch zu links-liberal-sozialdemokratisch mitgemacht) ihren Sitz noch in einem ehemaligen Parkhaus (inzwischen sind sie umgezogen), weswegen manche Räume leicht geneigt sind (sie waren ursprünglich offen und das Regenwasser mußte ablaufen können.) Sapin ist über die Rampen von Etage zu Etage gewandert und hat die Ressorts erkundet, mit dem Pförtner über anonyme Anrufe gesprochen, Urgesteine im Archiv besucht, Gespräche mitgehört ("Das schreibst du aber nicht auf!"), ständig skizziert, nachrecherchiert, er war bei den legendären Redaktionskonferenzen im "Bullaugen-Raum" (bei denen Besucher anwesend sein dürfen), er hat die Leidenschaft bemerkt, mit der hier alle täglich ihre Zeitung produzieren, mit der um die Bewertung des politischen Geschehens gerungen und hitzig über das richtige Titelseitenfoto diskutiert wird (und am nächsten Tag am Kiosk hat er vom Verkäufer erfahren: "Ach, wissen Sie, die Leute, die Libé kaufen, kaufen Libé, egal was auf der Titelseite zu sehen ist.") Sapin lüftet gut gehütete Geheimnisse, wenn er die Korrespondenten in Cannes fragt, ob es stimme, daß eine schlechte Kritik in Libé gut für die Zuschauerzahlen sei? (Nein, die Wahrheit sei eher, daß weder eine gute, noch eine schlechte Kritik etwas bewirkt: "Wir arbeiten für die Nachwelt, haha!") Er erfährt, was einen guten Journalisten ausmacht. (Wenn tagsüber sein Arbeitsplatz möglichst lange verwaist ist, ein guter Journalismus klebt nicht an seinem Schreibtisch.) Er stellt fest, daß es chic ist, seinen Rucksack nur über einer Schulter zu tragen ("Ça fait très reporter de guerre".) In Sapins halbes Jahr bei Libé fielen der arabische Frühling, Fukushima, Bin Ladens Tod, die Strauss-Kahn-Sexaffaire, das Filmfestival in Cannes, die jährliche "Libé des Écrivains". ("Wir kommen immer in Gang, wenn was passiert. Wenn nichts passiert, das ist nicht unsere Stärke …" sagt einer der Journalisten. Ganz umgekehrt verhält es ja beim Schriftsteller: seine Stärke zeigt sich immer, wenn in seinem Leben eigentlich nichts passiert.) Wenn man liest, daß die Auflage der Libération stetig zurückgeht und sich schon der der taz annähert (ähnlich wie die taz war Libé immer eine Art inoffizielle Ausbildungsinstitution für die französischen Medien, sozusagen der FC Freiburg der Zeitungslandschaft), und man im Juni 2015 offiziell verkündet hat: "Libération était un quotidien qui publiait une version numérique. Libération sera un site qui publie un quotidien" ("Libération war eine Zeitung, die auch in einer digitalen Version erschien. Libération wird eine Website, die auch als Zeitung erscheint"), dann erscheint das Buch unfreiwillig wie ein Abgesang auf eine Epoche, als Zeitungmachen noch mit Romantik und Leidenschaft verbunden war.

Während meines Frankreichjahrs ging ich montags immer in den Supermarkt, um mir gemeinsam mit anderen, sparsamen Kunden am Zeitungsstand in der Libé die Bundesliga-Ergebnisse durchzulesen. An besonderen Tagen gönnte ich mir aber eine eigene Libé vom Kiosk, statt sie wie ein Clochard in der Presseecke des Uni-Foyers zu lesen (im Lauf des Vormittags vermischten sich dort alle Zeitungen und Magazine zu einem riesigen Haufen zerwühlten Papiers). Das war, wie ich jetzt nachlese, genau das Jahr, als Libé relauncht wurde und für ein (extrem defizitäres) Jahr mit 80 täglichen Seiten erschien (Le Monde war noch schlimmer, kaum Fotos und für den Wortschatz reichte nicht mehr der Micro Robert, es mußte der Petit Robert sein, der gar nicht so "petit" war), die ich natürlich aufmerksam studierte, um Frankreich zu verstehen und mir Wörter rauszuschreiben (und um mir einzureden, ich würde etwas Sinnvolles tun, wenn ich schon meine Hausarbeiten nicht schrieb). Ich sprach die neuen Vokabeln auf Kassette, immer mehrmals hintereinander, um sie mir beim Spazieren mit dem Walkman anzuhören und unterbewußt einzuprägen, denn ich hatte da von so einer Methode gehört. Anderen Sprachen und Ländern habe ich mich auch über Zeitungen genähert, wieder in der Heimat vermißte ich sie immer sehr, Libération, El País, La Repubblica, Gazeta Wyborcza, Dilema Veche. Wie lange wird es sie noch geben? Anders als wir Autoren brauchen Journalisten zum Schreiben ja Leser.

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