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Literatenfunk

March Madness 2 — Schecka
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Donnerstag, 23.03.2017

March Madness 2 — Schecka

Zurück aus Polen sprach ich mit dem schlauen Zuckersand Schmidt über unser weiteres (oder bisheriges) Piqen, muss man wohl sagen. Er verstand nicht, warum ich jetzt auch noch über Denis Scheck als „Krise der Literaturkritik im Fernsehen“ herziehen wollte, aber so umfassend vornehm drückten wir uns intern natürlich nicht aus. Und völlig abraten wollte Jochen mir auch nicht, als ich ihm in wenigen gemeinen Worten darlegte, was das Problem war.

c) Der literarisch komplett unbemittelte Naturwissenschaften-für-Kinder-im-Dritten-Programm-Honk Gert Scobel mit seinem Bunnyranch-Buchclub auf 3sat (… 60 Sekunden lang Barbara Vinken dabei zusehen, wie sie im Pariser Café einen Roman befiehlt).

b) Volker „Ich muss weinen, wenn ich spüre, wie die Autorin die Menschen liebt“ Weidermann.

a) Denis Scheck.

Speziell a). Old Scheck hatte zuletzt mächtig abgenommen, lebte aber immer noch von der überkompensatorischen Eitelkeit, mit der es jemand so offensichtlich Hässliches in ein visuelles Medium geschafft hatte, dass niemand mehr den Nerv aufbrachte, die Misere („Welcome to my show“) zu thematisieren. Weidermann und Scobel sahen ja wenigstens noch geil aus (oder verfügten zumindest frisurtechnisch über den amtlichen aspekte-Spacko-Style).

Aber Scheck agierte einfach nur aus, wie sich ein schlecht gelaunter Thomas Mann nach grauenvollem Mittagsschlaf die Karikatur eines Literaturkritikers vorgestellt haben mochte: teurer Anzug mit Einstecktuch, das abgepuderte, mit Lippenstift geschminkte Hundegesicht dauernd in Großaufnahme, der distanzlose Dialekt, mit dem er arglosen Passanten in Provinzbuchhandlungen Bücher aufschwätzte.

Das alles wäre nicht weiter der Rede wert: musste ja niemand gucken, erfüllte halt den öffentlich-rechtlich zwangsfinanzierten Kulturauftrag und ernährte seinen Mann (irgendwie musste die Kohle ja verbrannt werden).

Besonders schlimm wurde es nur, wenn ehemalige Lieblingsschriftsteller glaubten, sie könnten auf der Scheck‘schen Schleimspur schadlos vor die Kamera rutschen und würden damit ihrem Werk etwas Gutes tun – nach dem Marketing-für-Arme-Grundsatz Any Präsenz is good Präsenz.

So zuletzt geschehen mit Marcel Beyer: ließ sich in Baden-Baden mit dem Schecker à la Shining in ein verregnetes Luxushotel einsperren, um dort SWR-mässig auf lesenswert zu machen (und ertrug das alles nur mit einem leicht sadistischen Lächeln und vielen Zigaretten).

Oder ganz zuletzt vergangenen Sonntag mit Christoph Hein: äußerlich lässig (mit langen Haaren und in weißen Slippern!) saß der Fremde Freund in einer historischen Halle rum, um sich von Denis the Menace dann drei Minuten lang zu welterklärerischem Bullshit über Faschismus, Zynismus und Humanismus im 18., 19. und 20. Jahrhundert verleiten zu lassen (Hauptsache nichts mit Literatur!), und sich dafür auch noch abschließend vom Druckfrischen die übergriffige Benotung abzuholen. Mit seinem Roman „Trutz“ dürfe er „hochzufrieden“ sein…

Schmiddy starrte mich fassungslos an. War das alles wirklich passiert, im Westfernsehen? Er hatte ja recht, ein wenig ängstlich stellte ich fest, dass wir uns längst 80.000 Meilen unter unserem gewohnten Gesprächs-Niveau befanden.

Wir sprachen dann lieber noch ein bisschen über uns. Jochen meinte leicht neidisch, ich würde hier ja negative Bewertungen kriegen, das hätte es noch nie gegeben, ein Autor, der polarisiert. Wir überlegten gemeinsam, woran das liegen könnte. Jochen meinte, es wäre der bescheuerte Titel der Kolumnen, „Mein autobiographisches Jahr mit Frauen“, das käme bei vielen nicht gut an. Und das komische Profil-Bild mit Zigarette und Sonnenbrille täte sein Übriges. Ich versprach Besserung und rechtfertigte mich nur kurz (oder halbherzig) mit dem Konzept des gezielten Fehlpasses.

Denn so was gab’s natürlich nur im Fußball: wenn ein Spieler sich in einer aussichtslosen Situation wiederfindet und alle Optionen gewissermaßen zugestellt sind, ist es ab und zu sinnvoller, statt eines schlaffen Rückpasses, den Ball lieber ganz bewusst dem Gegner in die Beine zu spielen. Um dann in der neu geschaffenen Spielsituation wieder mit frischem Mut attackieren zu können.

Morgen mehr.

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