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Literatenfunk

Lydia Davis
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Mittwoch, 27.09.2017

Lydia Davis

Lydia Davis hat die kleine Obsession zur Kunstform erhoben und die Sublimation des Alltäglichen zu ihrer Spezialität gemacht. Humor und Melancholie prägen ihre Geschichten, ob sie über die Angst vor dem Tod im Flugzeug schreibt oder auf „Die Sprache der Telefongesellschaft“ achtet: „Das Problem, das sie unlängst gemeldet haben, funktioniert jetzt tadellos.“

Das schreibt Sacha Verna in einem Portrait der Autorin, das anlässlich des Erscheinens der Kurzgeschichtensammlung „Kanns nicht, und wills nicht“ 2014 im Droschl Verlag auf Tagesspiegel.de veröffentlicht wurde.

Als ich das Buch von Lydia Davis las, war ich hingerissen, aufgewühlt, begeistert. Auf minimalem Raum erzeugt die Autorin eine geradezu überwältigende Spannung. Obwohl das Wort überwältigend nicht das trifft, was ich meine, denn Überwältigung findet ja im Grunde erst nach einer Explosion statt, und ich hatte während der Lektüre beständig das Gefühl, vor dieser Explosion zu stehen, und zwar derart kurz davor, dass ich meinte, ihre Schwingungen, die ja eigentlich noch gar nicht da waren, bereits spüren zu können, und darauf wartete, dass sie mich davon schleuderten.

Übersetzt hatte das Buch Klaus Hoffer, also ein ebenso geschickter Sprachillusionist wie Lydia Davis eine ist. Es ist dieses Staunen wie bei der Darbietung eines Zaubertricks, der man in dem Wissen beiwohnt, dass es Zauberei ja eigentlich gar nicht gibt, und dem dennoch dieses Rätsel anhaftet, warum eben das jetzt gerade möglich ist. Keine Darbietung dieser technisch aufgerüsteten Show-Illusionisten, die die Fernsehschirme und Varietébühnen mit übergroßen Apparaturen füllen, sondern jene, die Münzen und Tücher wie aus dem nichts, oder aus Nasen und Ohren herbeizaubern. Bodenständig könnte man sie nennen, allein der Boden schwankt.

Eines meiner Bücher des vergangenen Sommers war der in diesem Jahr ebenfalls bei Droschl erschienenen Band „Samuel Johnson ist ungehalten“. Auch hier finden sich Kurzgeschichten angelegt wie in dem ersten oben erwähnten Buch und in eben dieser Eindringlichkeit. Und auch diese Texte wurden von Hoffer übersetzt. Aber darüber hinaus sind da auch zwei Texte, die mein Staunen noch einmal in eine ganz andere Richtung lenkten.

Auf Seite 105 beginnt etwas, das „Marie Curie, so sehr achtbare Frau“ überschrieben ist und auf 26 Seiten nichts weniger als den Lebensroman der bedeutenden Physikerin ausbreitet. Ausbreitet? Auch das wäre an dieser Stelle wohl ein falsches Wort. Es ist gewissermaßen eine Pizzicatopassage, erinnernd an die großartigen Bagatellen für Streichquartett von Anton Webern. Jeder Satz beziehungsweise Absatz ist auf das Nötigste reduziert und erlaubt sich damit ein Leuchten, das man in der Literatur so kaum kennt. Und das Kunststück wiederum besteht darin, dass das Erzählte einfach und einfach erzählt ist.

Der zweite im profanen und nicht im wertenden Sinne herausragende Text ist die Kurzgeschichte mit dem Titel „Mond Land.“ Hoffer schreibt dazu: „Sowohl mein Lektor, als auch ich selbst hielten Lydia Davis Text A Mown Lawn für unübersetzbar und teilten dies der Autorin mit.“ Unübersetzbarkeit schien der Autorin aber kein Argument gegen eine Übersetzung zu sein. So enthält dieser Band nun eine freie Übertragung: „Meine Übertragung oder wenn man so will Transkription, ließ sich vom Rhythmus, den End- und Binnenreimen, den Assonanzen und Alliterationen des Originals leiten.“ Aber er enthält nicht nur diese freie Übertragung sondern im Anhang auch eine Rückübertragung ins Englische. Ein Abenteuer!

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