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Literatenfunk

Lukács lesen

Lukács lesen

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtMontag, 14.06.2021

Rüdiger Dannemann und Axel Honneth haben im Suhrkamp Verlag einen Band mit Texten von Georg Lukács herausgegeben. Der Band heißt: Ästhetik, Marxismus, Ontologie: Ausgewählte Texte. Es sind nicht die zentralen Texte, sondern weniger bekannte Arbeiten, die einen geradezu kaleidoskopischen Blick auf die Bewegungen des Theoretikers innerhalb seines Gesamtwerks ermöglichen.

Lukácz ist vor 50 Jahren verstorben und ist fast vergessen. Dabei spielt z. B seine 1916 veröffentlichte „Theorie des Romans“ theoriegeschichtlich eine herausragende Rolle. Seine 1923 erschienene Essaysammlung „Geschichte und Klassenbewusstsein“ übte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Genese der kritischen Theorie aus. Im Weiteren wurden dann Differenzen zwischen der Frankfurter Schule und Lukács allerdings deutlich. Was auch in diesem Sammelband gut nachzuvollziehen ist, zumal er den programmatischen Text: "Grand Hotel Abgrund" enthält, der später den Titel zu Stuart Jeffries' Buch über die Frankfurter Schule bildete.

Der junge Lukács aber schreibt zum Beispiel 1905, also in seiner vormarxistischen Phase, einen Text, in dem er versucht, den Essay als literarische Form zu begründen. Das Spannende daran ist unter anderem, dass die Form dieses Textes selbst essayistisch ist. In diesem heißt es:

„Die Idee ist der Maßstab alles Seienden: darum wird der Kritiker, der 'bei Gelegenheit' von etwas Geschaffenem dessen Idee offenbart, auch die einzig wahre und tiefe Kritik schreiben: nur das Große, das Wahrhaftige kann in der Nähe der Idee leben. Wenn dieses Zauberwort ausgesprochen ist, so zerfällt alles Morsche, Kleine und Unfertige, es verliert seine usurpierte Wesenheit. Es muss gar nicht 'kritisiert' werden, die Atmosphäre der Idee genügt, um es zu richten.“

Ein paar Jahrzehnte später wird Adorno diesen Gedanken aufnehmen und seinerseits einen Essay veröffentlichen, der sich mit dem „Essay als Form“ befasst. Man könnte das als eine Klammer sehen, eine Klammer zwischen zwei Denkern, die sich offensiv auf Hegel und auf Marx beriefen, in sich aber so verschieden waren, dass sie zwischen sich ein Feld eröffneten, auf dem Hegelianismus und Marxismus die verschiedensten Formen ausbilden konnten.

Ein dritter im Bunde, oder vielmehr im Nichtbunde der Zusammenhänge, war sicher Ernst Bloch, von dem sich beide auf je ihre Weise distanzierten. Im vorliegenden Band ist das sehr schön nachzulesen in den Texten, die sich auf den Realismusstreit beziehen, in welchem Lukács gegen den Expressionismus polemisiert, und vor allem gegen Blochs Expressionismusrezeption. Diese Debatte übrigens passt ganz ausgezeichnet in die Gegenwart, in der allerorten wieder über Literatur, Engagement und Politik diskutiert wird. Gern würde ich darüber mit den derzeit sehr politisierten Studentinnen und Studenten am Deutschen Literaturinstitut sprechen.

Im Verlust der Geschichte präsentiert sich das Gegebene als Schicksal. Kein Wunder ist es also, wenn sich bei aller Rationalisierung "Irrationalist" Heidegger (um mit Lukács zu sprechen) als einflussreichster deutscher Philosoph am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts herauskristallisiert. Im Bewusstsein der neuesten Geschichte sind Lukács' Bedenken hinsichtlich Heideggers, aber auch der Nietzscherezeption nach der Niederlage des Nationalsozialismus sehr ernst zu nehmen. Auch wenn man bestimmte Einschätzungen hinsichtlich Nietzsches ausdrücklich nicht teilt.

Lukács verweist aber zum Beispiel auf die Nähe Heideggers zum Nationalsozialismus und darauf, dass sein Werk, wenn auch nicht unmittelbar faschistisch, so doch für diesen vorbereitend durch seinen Beitrag an der Schaffung eines geistigen Klimas gewesen sei. Die zögerliche Revision Heideggers, seiner eigenen theoretischen Positionen, müsste einen positiven Bezug auf diesen Theoretiker zumindest zum Problem erheben.

Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Philosophie Heideggers führte auch Adorno. Ein Punkt, der Lukács auch bei theoretischen Differenzen mit ihm verbindet. Die massiven Versuche, Adorno in die Nähe Heideggers zu rücken, lassen sich sicher darauf zurückführen, dass Adorno die herrschende Rationalität einer Kritik unterzog, die jenen, die sich in der Rationalität auf festem Boden wähnen, unverständlich bleiben muss.

Neben einer aktuell verstärkten Zuwendung, vor allem der Jüngeren, zu Adorno scheint mir eine Wiederentdeckung Lukács' durchaus angebracht. Gleichzeitig verstärken sich die Bemühungen der ungarischen Regierung, den jüdisch-ungarischen Philosophen aus dem kulturellen Gedächtnis des Landes zu streichen, was sicher neben seiner marxistischen Orientierung auch an einem wieder erstarkenden Antisemitismus liegt.

Es gibt also gute Gründe, ihn wieder zu lesen und dieses Buch bildet einen spannenden Einblick in Lukács' theoretische Entwicklung. 

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Kommentare 2
  1. Achim Engelberg
    Achim Engelberg · vor einem Monat

    Über komponierte Nebenarbeiten wird das Gesamtwerk von Georg Lukács wieder entdeckt.

    Das gilt auch für das zweite Buch, das nun erschien:
    https://www.theaterder...

    "Dieser Reader mit Texten zum Theater, der zu Lukács’ 50. Todestag erscheint und einen vorurteilsfreien Blick ermöglichen soll, macht schwer erhältliche Beiträge wieder zugänglich und erstveröffentlicht auch Fundstücke aus den Archiven. Eine Einleitung von Dietmar Dath bezeugt die ungebrochene Relevanz des Denkens von Lukács."

    1. Jan Kuhlbrodt
      Jan Kuhlbrodt · vor einem Monat

      dazu kann man auch daths referat verlinken: https://www.youtube.co...

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