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Literatenfunk

Lob der Kahlheit

Quelle: Larry David "Curb Your Enthusiasm"

Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Montag, 06.02.2017

Lob der Kahlheit

Ich bin gespannt, welches ihrer beiden größten Probleme die Menschheit zuerst lösen wird: durch die Kernfusion unendlich viel Energie zur Verfügung zu haben, oder ein Wundermittel gegen androgenetische Alopezie zu erfinden, die Veranlagung zum Haarausfall, die zu 95% Männer trifft. Bis es soweit ist, kann man sich mit "Lob der Kahlheit" trösten, einer Schrift von Synesios von Kyrene, die 2007 im Verlag Königshausen & Neumann wieder herausgegeben worden ist. Synesios war ein sympathischer Intellektueller, der zwischen 365 und 370 geboren wurde und in der Kyrenaika lebte, der Region um das heutige Bengasi in Libyen. Seine Heimat war zu dieser Zeit noch eine griechischsprachige Enklave, und sein Bildungshorizont reicht natürlich zurück bis zu Homer, wobei auch die für die Griechen übliche Bewunderung der geheimnisvollen Ägypter nicht zu kurz kommt. Synesios wäre glücklich gewesen, sein Leben kontemplativ auf seinem Landgut zu verbringen, mit Jagen, Landwirtschaft und Philosophieren, aber seine Mitbürger baten ihn, für ihre Region diplomatische und militärische Dienste zu übernehmen und später wurde er auch noch zum Bischof ernannt, was er nur zögernd akzeptiert hat. Auch weil er zu klug und philosophisch gebildet war, um nicht Probleme mit einigen christlichen Glaubenssätzen zu haben und mit dem asketischen Mönchsideal sowieso. Zeitweise mußte er als Botschafter nach Konstantinopel, und schließlich fiel er im von ihm angeführten Kampf gegen kriegerische Wüstennomaden. So mußte er wenigstens nicht mehr erleben, wie seine Lehrerin, die Mathematikerin und Philosophin Hypatía, die erste und einzige Frau, die die staatliche alexandrinische Platonikerschule leitete, von christlichen Fanatikern umgebracht wurde. Umso heiterer, verspielter und tröstlicher strahlt "Lob der Kahlheit", ein Text, der, wie das Nachwort erläutert, zum rhetorischen Genre der Adoxographie gezählt wird, also eine Verteidigungsrede auf etwas eigentlich Lästiges oder Unwichtiges ist, wie Flöhe oder Wanzen. Solche Übungen, in denen der Redner seine Bildung auffahren und sein Geschick beweisen konnte, dienten der intellektuellen Unterhaltung. Synesios, auf dessen Kopf "der Krieg schon in der Jugend gewütet und ganze Büschel geplündert hat", wählt als Sujet für seine Lobrede die Kahlheit, und er findet sehr überzeugende Argumente, warum sie so hoch einzuschätzen sei. Mein neuzeitlicher Lieblingsphilosoph Larry David, der Miterfinder von "Seinfeld", hat in seiner ebenfalls nicht genug zu preisenden Sitcom "Curb your enthusiasm" das Thema Kahlheit ja auch immer wieder aufgebracht. Besonders in der Folge, in der er einen Chefkoch für sein Restaurant sucht und auf einen Mann hereinfällt, der für das Vorstellungsgespräch heimlich sein Toupet abgenommen hat. Als der Schwindel auffliegt, bekommt der Mann die Stelle natürlich nicht! Wie kann man einen kahlen Kopf, den sichtbaren Beweis intellektueller Überlegenheit, verstecken? (Vielleicht hätten Hillarys Wahlkampfmanager Synesios lesen sollen?) Synesios argumentiert, daß gerade die Lebewesen mit wenig Verstand, also die Tiere, am ganzen Körper mit Haaren bedeckt seien. Das besonders haarreiche Schaf ist sogar am einfältigsten von allen. Schlimm, wenn einem Mann in den Ohren Haare wachsen, und er taub wird. "Es ist auch schon beobachtet worden, daß auf dem Augenlid eine zweite Reihe Haare gewachsen ist." Das sind alles Rückschritte in Richtung tierischer Unvernunft! "Das Augenlicht ist von allen Sinnen der göttlichste, aber zugleich auch der kahlste." Wie der Mensch sich durch Intelligenz und weniger Behaarung vom Tier unterscheidet, so unterscheidet sich der Kahle vom Behaarten durch noch mehr Intelligenz. "Deshalb scheint die Glatze auch das Ziel der natürlichen Entwicklung zu sein, wiewohl es nicht alle erreichen." Man kann mit Sicherheit annehmen, daß Gott kahl ist. Wofür auch die Kugelform des kahlen Kopfes spricht. "Den vergleichsweise schlichten Seelen macht es nichts aus, sich auch in einem behaarten Kopf einzunisten, der endlos weit entfernt ist von der vollkommenen Gestalt der Kugel. Die urteilsfähigen Seelen aber haben sich alle einen würdigen Sitz ausgesucht, die einen in Form eines Gestirns, die anderen in der Form eines kahlen Kopfes." Neben philologischen Befunden aus Ilias, Odyssee und der zugänglichen antiken Literatur von Platon über die Stoiker bis zu den Neuplatonikern und neben komplizierten kosmologischen Überlegungen gibt es zahlreiche praktische Gründe, die für die Kahlheit sprechen. Behaarte müssen z.B. beim Schlafen auf dem Boden ein Stück Holz unter den Kopf legen, damit die Haare sauber bleiben. Ein anderes Beispiel findet sich bei Herodot, der von einer Schlacht zwischen Persern und Ägyptern berichtet, nach der das Schlachtfeld voller Toter war, man konnte sie nicht bestatten, es war gerade noch möglich, sie auseinanderzusortieren. Die Perserschädel hätte man mit einem Steinchen durchlöchert werden können, während den Ägyptern auch Felsbrocken nichts anhaben konnten. Der Grund dafür liegt für Synesios darin, daß die Perser Filzhüte tragen, während die Ägypter ihren Kopf stets der Sonne aussetzen, von Wind und Sonne werde der Knochen gehärtet und sozusagen zu Eisen. Der Helm sei ja nur ein Abbild der Glatze.

Die Übersetzung dieser Ausgabe, die von Werner Golder stammt und durch neuere Begriffe, wie "Kollege", "clever", "skurril", "Voyeur", eine angenehme Frische hat, ist mit vielen Anmerkungen und einem schönen Nachwort versehen. Außerdem wird der griechische Text mitgeliefert, aus einer römischen Edition von 1944, mit den originalen lateinischen Anmerkungen, falls jemand noch nicht genug philologische Schwellenangst empfindet. Aber es paßt zu diesem Text, der ein Spiel mit Bildung ist. Man muß sich klarmachen, daß Synesios bemüht war, reines attisches Griechisch zu schreiben, also eine Sprachform, die er nur aus teilweise 800 Jahre alten Texten seiner Vorbilder kennen konnte. Aber er konnte davon ausgehen, daß seine Leser die literarischen Anspielungen verstanden. Wenn man heute alle von ihm angeführten Quellen studieren wollte, bräuchte man mehr als ein Grundstudium (das Graecum nicht mitgerechnet). Wie schön, daß dieses Buch einem eine Stippvisite in eine untergegangene Bildungstradition ermöglicht, nach der man sich für seine Restbehaarung schämt.

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