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LITERATEN IM KRIEG

Quelle: ICH

SABINE SCHOLL
Autorin
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piqer: SABINE SCHOLL
Mittwoch, 29.04.2020

LITERATEN IM KRIEG

Der amerikanische Held des Romans "Propaganda" mit dem Allerweltsnamen John Glück ist ein Sympathieträger, der Weltgeschehen überblickt und in Weltereignisse verwickelt wird. Ein angehender Schriftsteller, der in den Vierziger Jahren im Creative-Writing-Kurs die später bekanntesten amerikanischen Autoren trifft und dessen Aufgabe es vorerst ist, eine Reportage über Hemingway zu schreiben. Dieser Weltberühmte kämpft, umgeben von einem Schwarm von Resistance-Gefährten, gegen Nazis. Glück befreundet sich mit ihm, nimmt an dessen High Life im Pariser Ritz teil, um dann in eine Waldschlacht zu ziehen, in der er einen altruistischen deutschen Militärarzt kennenlernt, über den er eine Erzählung schreibt. Schließlich, 30 Jahre danach, ist John Glück es, der Parallelen zwischen der Unmenschlichkeit der Nazi-Deutschen damals und der amerikanischen Strategie im Vietnam-Krieg zieht, deshalb die Pentagon-Papers an die Presse leakt und aufgrund seiner früheren Verbindungen in der Propaganda-Abteilung dennoch freigesprochen wird und endlich nach Deutschland auswandert, dem Land seiner Vorfahren. Denn zusätzlich stammt er aus der Gemeinschaft der Pennsylvanien-Deutschen. Klingt übertrieben? Konstruiert? Fantasiert?

Der historische Hintergrund der Schlacht im Hürtigenwald ist verbürgt. Ob darin tatsächlich Irokesen kämpften, die den Deutschen ihre Skalps absäbelten, um sie dann am Gürtel zu tragen, eher fraglich. Dass afroamerikanische Kämpfer im Befreiungskrieg zwar ihr Leben geben durften, aber aufgrund der Rassentrennung nicht auf Siegerfotos auftauchen sollten, stimmt ebenso. Sogar den – beide Kriegsparteien – operierenden und versorgenden deutschen Arzt gab es.

Das Unvorstellbare liegt nicht in den historischen Fakten, die Steffen Kopetzky recherchiert hat, sondern in seinem Helden, dem alles zugeschrieben wird, was der Autor uns über jene Zeit erzählen will. Überraschend mutet vor allem der Standpunkt an, von dem aus Glück berichtet. Aufgrund seiner Herkunft, ist er hin- und hergerissen zwischen den zu besiegenden Nazi-Deutschen und dem Mindset amerikanischer Befreiungskämpfer. Er steht dazwischen, ist daher für die Aufgabe der Propaganda gut geeignet. Eigentlich soll er den Deutschen amerikanische Vernunft beibringen, sie wieder zu Demokraten erziehen. Doch schwankt seine Haltung zwischen Bewunderung für die deutsche Wehrkraft und Abscheu vor deren Opfern, zwischen Patriotismus für die USA und komplizierter Argumentation für Fehlentscheidungen der amerikanischen Regierung. Das könnte daran liegen, dass es ein deutscher Autor ist, also Kopetzky, der einen Amerikaner sprechen lässt und vorgibt, dies wäre die Sicht von Amerikanern auf die Deutschen. Da steht dann streckenweise hemmungslose Bewunderung für Hemingway, den John Glück natürlich voll und ganz versteht, was so eigentlich nur im Nachhinein möglich ist, neben einer Abhandlung über den deutschen Karl-May-Wahn. Dann wieder werden – obwohl ja angeblich ein Amerikaner spricht – die politischen Ereignisse zwischen dem Ende des 2. Weltkriegs bis herauf zum Vietnamkrieg in den USA referiert, eine Geschichtsstunde, die vor allem uninformierten deutschen Lesern dient, denn Amerikaner wüssten darüber ohnehin Bescheid. Auffällig ist auch, dass Kopetzky sich bemüht, Lesern die am Krieg teilnehmenden amerikanischen Minderheiten der African und Native Americans näherzubringen, doch auf die Darstellung von Soldaten jüdischer Herkunft im Einsatz gegen das Nazi-Regime verzichtet.

Vielleicht sind diese Ungereimtheiten durch die Konstruktion des Romans erklärbar, denn über die Geschehnisse erfahren wir aus den Aufzeichnungen jenes allwissenden Erzählers, John Glück, und wenn Kopetzky den deutschen Lesern die Geschichte der Rassentrennung in den USA erklären will, legt er diese dem Amerikaner Glück in den Mund, der sie dann so erzählt, wie ein Deutscher sie wahrnimmt. Um die Autorschaft des Helden zu bestätigen, finden sich im Roman zahlreiche Überlegungen zum Schreiben, wie zum Umgang mit der Wahrheit und werden die Namen bekannter Schriftsteller erwähnt, oft nur in einem Satz, wie z. B. Handke, Updike, Kleist. Salinger. Bukowski und Hemingway hingegen erhalten ausführliche Interpretationen ihrer Arbeiten. Den Kriegsverherrlicher Ernst Jünger hat der Held natürlich persönlich getroffen. Auch eine Anspielung auf Herman Melvilles Moby Dick kann Kopetzky sich nicht versagen.

Vieles also zwar ungereimt, aber meist flüssig und witzig erzählt, ein Feelgood-Roman, obwohl er Kriege zum Thema hat. Und wie gesagt, man mag den jungen Helden. Folgt ihm gern, wenn auch die Verbindung zum Vietnam-Krieg allzu willkürlich und dünn wirkt. Der fünfzigjährige Veteran Glück, der gegen die USA kämpft und diesen Feldzug vor Gericht gewinnt, kommt einem nicht wirklich nahe. „Propaganda“ ist ein eher unklares Buch für diejenigen, die sich tatsächlich mit der Geschichte des 2. Weltkriegs auseinandergesetzt haben. Ein willkommenes jedoch für diejenigen, die es satt haben, dass die Deutschen im Krieg immer nur die Bösen sind. 

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