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Literatenfunk

Liebe bis in den Tod
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt

Liebe bis in den Tod

Das wahrhaftigste, berührendste, traurigste und erschütterndste Buch über die Liebe ist „Brief an D.“ von André Gorz. Der französische Sozialphilosoph wurde 1923 als Sohn eines österreichischen Juden in Wien geboren. Dem Holocaust entkam er, weil er ein Internat in der Schweiz besuchte. Dort, in Lausanne, lernte er auch seine spätere Frau Doreen Keir kennen, die er in seinem ersten autobiografischen Buch „Der Verräter“ von 1958 Kay nennt und in seinem zweiten „Brief an D.“ aus dem Jahr 2006 Dorine.

Gorz zeichnet in diesem Brief die Geschichte ihrer beiden Leben nach, von ihrer ersten Begegnung bis kurz vor ihrem Ende. Er beschreibt, wie sie gemeinsam ausgehen, über Politik und Literatur sprechen und miteinander schlafen, in einfachen und doch unerhörten Worten: „Der Perlmuttglanz Deiner Brust erhellte Dein Gesicht.“ Beide sind Entwurzelte, die ihre Heimat verloren haben, geografisch, kulturell, ideologisch, alles muss nach dem Zweiten Weltkrieg neu geordnet werden.

Sie ziehen nach Paris, Gorz wird Redakteur der von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“ und später stellvertretender Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Le Nouvel Observateur“. Bei allem, was er macht, begleitet D. ihn, unterstützt ihn. Bald bilden sie eine Arbeitsgemeinschaft. Alle Lebensbereiche werden in ihrer Beziehung miteinander verschmolzen. Sie geben sich ganz und gar einander hin. Sie legen alles, was sie haben, zusammen. Sie ergänzen und inspirieren einander. Irgendwann haben sie sich den Ruf erworben, unzertrennlich zu sein, „wie besessen aufeinander bedacht“, heißt es einmal. Aber in dem, was Gorz schreibt, schimmert kein Zwang durch; es ist eine selbstgewählte, produktive Symbiose. Das verwirklichte Ideal der romantischen und der bürgerlichen Liebe.

In „Der Verräter“ schwört er ihr, „sich niemals von Dir trennen zu lassen“. Der „Brief an D.“ ist die Vollendung dieses Schwurs. Der Text beginnt mit den Worten: „Bald wirst du zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt …“ Und wie eine Coda nimmt er diesen Gedankengang am Schluss wieder auf: „Nachts sehe ich manchmal die Gestalt eines Mannes, der auf einer leeren Straße in einer öden Landschaft hinter einem Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Und Du bist es, die der Leichenwagen wegbringt. … Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen.“ Am 22. September 2007 wählten beide den Freitod. Man fand sie Seite an Seite liegend.

Jeder, der dieses Buch liest und sich – aus welchen Gründen auch immer – von der Liebe seines Lebens lossagt, muss sein Dasein als mangelhaft und gebrochen empfinden, als eine Wunde, die niemals heilen wird. 

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Kommentare 2
  1. Annika Reich
    Annika Reich · vor 11 Monaten

    Ja.

  2. Saša Stanišić
    Saša Stanišić · vor 11 Monaten

    Kann mich Jan voll anschließen. Das ist ein im besten Sinne des Wortes berührendes Buch, das auch im Lieben des Lesers als Tätigkeit unwillkürlich wühlt, ohne jeglichen Zwang, Liebe als Format zu präsentieren. Die Klarheit im Ausdruck, im Satzbau, die einfache Präsentation der noch so aufgeladenen Gedanken ist zudem stilistisch meisterlich geführt, eine großartige, traurige, beglückende Lektüre.

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