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Literatenfunk

Lektüre auf Zugfahrten – Hinter der Blechwand
Anne Hahn
Autorin und Subkulturforscherin
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piqer: Anne Hahn
Freitag, 19.05.2017

Lektüre auf Zugfahrten – Hinter der Blechwand

Ich bin in der glücklichen Lage, den gesamten Monat Mai in Brünn, Brno oder Brien, wie noch vor einem Jahrhundert die Einwohner jedweden Zungenschlages ihre Stadt nannten, verbringen zu dürfen. Sieben Stunden Zugfahrt verbinden Berlin und Brünn. Im ungarischen Speisewagen lässt sich eine solche Reise sehr angenehm verbringen, sächsische, böhmische und mährische Landschaften fliegen an einem vorbei, die Tischbekanntschaften wechseln und von Stunde zu Stunde dräut die Frage, wann der richtige Zeitpunkt wäre, sich das erste Bier zu ordern. Viel wichtiger war allerdings die Auswahl der Lektüre für einen solchen Tag: Wird ein Buch reichen, sollte sofort mit einem Reiseführer Mährens begonnen werden oder würde vielleicht gar keine Zeit zum Lesen bleiben, angesichts der Reiseeindrücke- und Gefährten?

Noch in Berlin Südkreuz zückte ich Andrzej Stasiuks Roman „Hinter der Blechwand“ und war bald verzaubert. Er beginnt mit den Sätzen:

„Im Herbst sieht man, daß die Stadt stirbt. Diejenigen, die fliehen wollten, sind schon lange geflohen.“

Die Stadt ist eine polnische Kleinstadt nahe der Slowakei, hinter dem Berg liegt die Grenze. Der lange namenlos bleibende Ich-Erzähler streunt durch die Stadt, sitzt am Fluss, schaut auf die beleuchtete Tankstelle hinüber, wo sich abends die Glatzen sammeln, trinkt Bier und raucht. Denkt über seinen Kumpan Wladek nach, mit dem er in den angrenzenden Ländern Klamotten verkauft. En Gros an Bord des altersschwachen Lieferwagens genommen, mit dem die beiden Osteuropa durchtingeln. In mehreren Zeitebenen verknüpft Stasiuk diese Touren mit der Heimkehr des Erzählers in die Kleinstadt, den Besuchen der greisen Vermieterin seines Häuschens (welches geheimnisvoll verschlossene Zimmer birgt) und seiner Vergangenheit. Stasiuks Sprache ist plastisch und brutal, wir riechen den Schweiß, den Tabak und das Bier, die Schnäpse, die sich Wladek als permanenter Beifahrer zuführt und hören seinen Erinnerungs-Monologen zu.

Als wie ein orientalisches Märchen rechts am Zugfenster das Gebäude der ehemaligen Zigarettenfabrik Yenidze auftaucht und linker Hand das Elbpanorama Dresdens vorbei wischt, wandert der Ich-Erzähler gerade wieder durch seine Stadt.

„Es war Mittag, aber man hatte den Eindruck von Dämmerung. Über den Dächern hing ein ewiger November. Ich ging über das bebaute Gebiet hinaus. Unterhalb einer kleinen Böschung erstreckte sich ein sumpfiger Platz. Dort hielten sich die Wanderverkäufer auf. Einmal im Jahr schlug der Zirkus Transsilvania sein Zelt auf, und zweimal im Jahr ein slowakischer Jahrmarkt. Die Leute sagen, so sei es immer gewesen. Seit sie denken konnten. Immer haben auf diesem Stückchen Niemandsland Fremde ihr Lager aufgeschlagen. Im Frühherbst kamen bessarabische Lastwagen, mit Wassermelonen beladen. Dort hatten sie archaische Federwaagen, die sie an den einzigen Baum am Platz hingen. Sie verkauften ein bißchen und fuhren weiter, nach Westen und nach Norden. Ich erinnere mich an die Ukrainer, die mit Alteisen, Werkzeug, Schmirgelpapier und Plastikpistolen handelten. Auch Spiritus verkauften sie. Sie brachten ihn in Kanistern, verdünnten ihn mit Wasser aus dem Fluss und füllten ihn in Flaschen ab. Dieser Flußschnaps war billiger als der billigste Wein. Eines Tages wurde einer von ihnen erschossen.“

Die beiden starten zur nächsten Tour, schrauben sich über den Gipfel, passieren einen österreichischen Friedhof, die ehemalige Grenzstation, erwerben bei den „dunkelhäutigen Brüdern“ billigen Treibstoff (aus Transistoren erzgebirgischer Bergwerke vor auf sie schießenden Polizisten erbeutet) und durchqueren öde Dörfer und Landschaften der „slowakischen Monokulturen“, bisweilen an rostenden sowjetischen Raketenwerfern, Panzern und Geschützen vorbei, im Grün versunken. Während sich mein Zug am Königsstein entlang durch die sächsische Schweiz windet, erzählt Wladek von seltsamen Geschäften Anfang der Neunziger, wo ein pfiffiger Prager mit Tierpornos, makedonischen Schildkröten und senegalesischen Affen gehandelt haben soll. Zwischen Aussig und Prag setzt sich ein indischer Geschäftsmann an meinen Tisch und erläutert mir bei Gulaschsuppe und ungarischem Bier (wozu er mich einlädt), enorm humorvoll seine internationalen Beziehungen. Ich winke in Prag noch lange seinem Lachen hinterher. Ab jetzt wird ungarisch geplaudert um mich herum, die Kellner wirken erschöpft. Pawel, als welcher der Ich-Erzähler Stasiuks sich zu erkennen gibt, berichtet immer Schrecklicheres von den Verkaufsfahrten. Ein von Wildschweinen zerfetzter Vietnamese ist zu ertragen, mafiöse Menschenschmuggler, die sich Wladeks bemächtigen, da er sich in die schöne Kartenverkäuferin eines Wanderrummels verliebt hat und sie aus demselben auszulösen trachtet. Auch wenn die alte Vermieterin Pawels ab und an Ruhe in die Romanhandlung bringt, einfach nur bei ihm sitzt, Tee schlürft und über verloren gegangene Schlüssel zu den Zimmern des Häuschen sinniert - es wird ungemütlich bei Stasiuk. Der Zug fährt in Richtung polnische Grenze, sagt mir ein Blick auf mein Handy. Und irgendwo in Osteuropa quält sich die Schrottkarre über die Berge.

„Es genügte, die Grenze zu überschreiten, das, was von der Grenze noch übrig war, und alles hatte sich verändert. Das heißt, so anders war es gar nicht, denn hier wie dort nahm das Leben ähnliche Formen an... Die einen flohen auf die andere Halbkugel, auf die andere Seite des Ozeans, und wir kletterten mit einem alten Lieferwagen den Rücken der Wasserscheide hinauf, und schon flossen alle Bäche und Flüsse ins schwarze Meer.“

Etliche Touren, Storys und Saufgelage später spitzt sich die prekäre Situation unserer fliegenden Händler dramatisch zu. Klamotten laufen nicht mehr, der Markt ist von Billigware aus Asien überschwemmt. Die anstehende Befreiung Evas und die Geldnot der Helden fordern Tribut und Handlung. In den Schluchten der mährischen Karsts beschließe ich, mir das Ende des Roman aufzuheben, belasse die dünstende Flüchtlingsschar hinter der Blechwand des Lieferwagens und bestelle noch ein Bier. In Brno ist der Platz vor dem Hauptbahnhof abgesperrt, Neonazis haben die 1. Mai-Demonstration gestört, und während ich mein Einmonatsgepäck in die Straßenbahn hieve, schießt irgendwo in der Stadt ein Fotograf das Foto der sechzehnjährigen Lucie Myslíková in Pfadfinderuniform, die sich einem Neonazi entgegenstellt. Seifenblasen wabern durch das Bild.

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Kommentare 2
  1. Anne Hahn
    Anne Hahn · vor 6 Monaten

    danke - das freut mich sehr, und jetzt werde ich mehr von ihm lesen! durch den Balkan, glaube ich...

  2. Andreas Schabert
    Andreas Schabert · vor 6 Monaten

    Tolle Idee, deine Eindrücke von deiner Reise durch den Osten mit denen von Stasiuk zu verknüpfen. Stasiuk ist ein großartiger Reiseschriftsteller, seine Bücher über die Reisen durch den Balkan (oder sagt man "über den Balkan?), durch Osteuropa, oder auch durch den Osten Sibiriens und der Mongolei, sind Poesie und Abenteuer in einem.