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Lehrjahre der Männlichkeit I - Lockdown

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelSamstag, 31.10.2020

Mittwoch ahnten wir es bereits: die Fallzahlen, die große Kanzlerin-Länderchefs-Runde. Und die sogenannte Autorennationalmannschaft absolvierte ihr vorerst letztes Training: Rekordbeteiligung, Stimmung vorweihnachtlich gut. Nach dem Fußball saßen wir auf Abstand vorm Vereinsheim neben dem herbstlich verlassenen Platz. Es gab Bier und Jägermeister, auf der roten Beatbox lief Chinese Democracy von Guns'n'Roses. Wir verabschiedeten uns auf ungewisse Zeit und, fand der Lektor, "als würden wir in den Krieg ziehen".

Donnerstag war es dann offiziell: Lockdown im November. Trotz (oder wegen) Hangover ging es mir fast noch besser als gestern. Als Coach der Mannschaft würde ich die nächsten Wochen wieder mit dem Verfassen von Indoor-Hausaufgaben verbringen. Ich beschloß, den Schwerpunkt diesmal weniger auf sportliche und mehr auf schreiberische Akzente zu setzen. Ein Literaturclub für den Lockdown, wöchentliches Lesepensum, Fachdiskussionen im Forum. Super Idee, bloß welches Buch? Ich stellte dem Team drei zur Auswahl:

1. Michael Angeles Schirrmacher-Aufbau-Biographie, (als Background für die große Holger-Friedich-Döpfner-Debatte, die bei uns um Osangs SPIEGEL-Portrait entbrannt war).

2. Elisabeth Edls spektakuläre Hanser-Neuübersetzung von Flauberts Éducation Sentimentale als Lehrjahre der Männlichkeit (mein persönlicher Favorit, allein schon wegen des Titels: genial!).

Und 3. Walker Percys Kinogeher (in Suhrkamps Handke-Übersetzung: für mich deswegen ein Buch der Stunde, weil der Held, immer wenn etwas Furchtbares passiert, auch spürt, dass der Katastrophe etwas Gutes innewohnt...). Ich schickte die Literaturclub-Rundmail ab.

Obwohl es im Team große Widerstände gegen Flaubert gab (Leute waren zuletzt unter generellen Respekts-Bekundungen frustriert bei Madame Bovary ausgestiegen), war ich mir sicher, dass die Lehrjahre gewinnen. Um den Vorschlag zu pushen, hatte ich extra noch mal zehn Seiten lang laut reingelesen und die beiden fantastischen Übersetzerinnen-Artikel aus der Donnerstags-SZ über Elisabeth Edl (s. Hauptlink unten) und ihre Vorgängerin Maria Dessauer in die Mail kopiert.

In bester Stimmung absolvierte ich abends die große Radrunde raus aus der Stadt, in die Darkness on the edge of town (Bruce Springsteen), um mich im Fokus der Radlampe zwischen Lindenberg und Ahrensfelde auf den Weg vor mir zu konzentrieren und endlich wieder Heimweh nach meinem Leben in Berlin zu bekommen: die Stadt leuchtete zwischen Nieselregen und Mondschein anheimelnd in der Ferne.

Freitag, gestern, dann der Backlash. Die alte Angst vom Beginn der Pandemie, dass der Lockdown den Lebensgewohnheiten des Autors zu sehr entsprach und dass sich alle (eingebildeten) Stärken in (reale) Schwächen verwandeln - gut allein sein können, mit niemandem reden müssen, zuhause essen. Wenn es mir jetzt so gut wie gestern ging, würde ich mich zu weit von den Menschen entfernen.

Außerdem hatte ich meine Literaturclub-Mail wahrscheinlich zu streng formuliert, mich in der Kabinentür geirrt, die anderen mit mir verwechselt. Ich hatte sie auf Flaubert auch noch mit einem Verweis auf den Film Seven (David Fincher, 1995) einzuschwören versucht. Weltliteratur sei eben, wenn Brad Pitt entnervt die Königs-Erläuterungen zu Dantes Inferno, die Morgan Freeman ihm zur Lösung des Falls zum Lesen aufgegeben hatte, auf den Autositz wirft und "Dante, du italienische Schwuchtel" schreit: No pain, no gain.

Noch hatte also keiner geantwortet, was mich zusätzlich verunsicherte. Ein Mail-Postfach so leer wie der ganze Tag. Nachts rauchte ich noch eine letzte Fensterzigarette. Irgendwo die Straße runter tobte eine wilde Corona-Party, an der Hauswand gegenüber die ewigen Graffiti "ZWANG" (mit Anarcho-A) und "Jesus" (mit Herzchen). Danach begann ich meine Lektüre.

Sie las in einem schmalen Buch mit grauem Einband. Ihre Mundwinkel zogen sich manchmal nach oben, und ein freudiges Aufleuchten erhellte ihr Gesicht. Er beneidete den Menschen, der sich das alles ausgedacht hatte, womit sie beschäftigt schien. Je länger er sie ansah, desto tiefere Abgründe spürte er zwischen ihr und sich selbst. Er dachte, dass er schon bald von ihr fortgehen musste, unwiderruflich, ohne ihr ein Wort entlockt zu haben, ohne bei ihr auch nur eine Erinnerung zu hinterlassen!

Das Abenteuer beginnt erstmal allein. Und to be continued.


Lehrjahre der Männlichkeit I - Lockdown

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Kommentare 1
  1. Frank Willmann
    Frank Willmann · vor 11 Monaten

    Wie kann man bei Madame Bovary einfach so aussteigen? Das ist doch kein Thomas Mann! Flaubert, Stendhal, Proust - das sind unsere Leseaufgaben für die kommenden Jahre.

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