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Literatenfunk

Laufen 9: Laufen im Stadion: Die ewige Wiederkunft des Gleichen - Teil 1
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 08.11.2018

Laufen 9: Laufen im Stadion: Die ewige Wiederkunft des Gleichen - Teil 1

"Krumm ist der Pfad der Ewigkeit."

(Friedrich Nietzsche: "Also sprach Zarathustra")

Bisher hatte ich meine neue Stirnlampe nur benutzt, um beim späten ins-Bett-gehen Frau und Kinder nicht zu wecken, die Lampe verfügte zu diesem Zweck über ein zusätzliches rotes Licht (das es auch erlaubt, sich beim Laufen im Dunkeln mit einer Karte zu orientieren, weil sich die Pupillen nicht zusammenziehen und die Augen beim Lesen nicht anpassen müssen.) Mit der Stirnlampe konnte ich sogar noch ein wenig lesen im Bett, was viel besser geht als mit meiner zwischen die Zähne geklemmten Fahrradlampe. Bei der Anschaffung der Stirnlampe im Outdoor-Geschäft scheute ich keine Kosten, die Lampe war schließlich für mein Lauftraining gedacht, anders als im Beruf kann man bei seinem Hobby in Sachen Ausrüstung keine Kompromisse machen. (Die Gefahr bestand natürlich, daß ich auch anderen praktischen Gadgets nicht würde widerstehen können, es gab wind- und wasserfeste "Sturm-Zündhölzer" mit extra langem Zündkopf, den ovalen Edelrid-Wurfbeutel, mit dem ich bei Flußüberquerungen meine Wertgegenstände vorausschicken konnte und Coghlans Bärenglocke, falls ich einmal in den Wäldern Kanadas laufen sollte.)

Nach der Umstellung auf die Winterzeit bin ich nun zum ersten Mal im Dunkeln mit Stirnlampe gelaufen, wie ein Speleologe, und freue mich über dieses technische Hilfsmittel, für das ich nicht einmal auf Weihnachten warten mußte. Mit der stärksten der drei Helligkeitsstufen leuchtet die Lampe ungefähr 80 Meter weit, es fühlte sich an, als hätte ich einen Motorradscheinwerfer auf dem Kopf, ja, als sei ich ein Motorrad. Ich kann jetzt also im Sommer mit dem Laufen warten, bis es dunkel ist und die Luft sich abgekühlt hat, und im Winter muß ich nicht mehr den ganzen Tag nervös auf die Uhr sehen, weil die Zeit zum Laufen knapp wird (außerdem konnte ich mit der Lampe endlich unter Betten, Sofa und Regalen nach lange verschollenen Puzzleteilen suchen.)

Beim ersten Lauf mit der Lampe über Feld- und Hohlwege nieselte es, die Tropfen rasten als helle Lichtflecken auf mich zu, als stände ich unter Beschuß. Manchmal lag ein totes Wildschwein am Wegrand oder ein Wolf lauerte, aber das waren nur optische Täuschungen. Ein Schwarm schnatternder Wildgänse kreiste in kraftsparender V-Formation über der Flußlandschaft, Nachzügler schlossen sich ihnen an, bei der Ausdauerleistung, die ihnen auf ihrem langen Weg nach Afrika bevorstand, ging es um mehr als etwas Gesundheitssport. Die Felder waren inzwischen abgeerntet, man sieht zwar fast nie einen Bauern, aber die Arbeit in der Landwirtschaft wird irgendwie trotzdem erledigt (vielleicht von den Frauen der Bauern?) Ich dachte an die Mühen, die mir die Strecke im Sommer an heißen Tagen bereitet hatte. Aber Hitze liegt mir immer noch mehr als Kälte. Würde ich den Winter diesmal durchhalten, ohne wieder fünf bis sieben Kilo zuzunehmen? Noch mußte ich den Halsmuff nicht über Mund und Nase ziehen, aber wenn die Kälte das erfordert, atme ich beim Laufen lieber verbrauchte Luft und von meinem Körper angewärmte Dünste ein, als mir die Atemwege zu verkühlen. (Ich benutze einen Halsmuff, den ich in einer vietnamesischen Änderungsschneiderei durch ein Dreiecks-Halstuch habe verlängern lassen. Ich verstehe nicht, was sich die Evolution dabei gedacht hat, uns so ein empfindliches Körperteil wie unseren Hals zu bescheren.) Mit Neid blicke ich auf Sokrates, von dessen robuster Konstitution es in Platons "Symposium" heißt:

"Im Ertragen der Witterung aber, die Winter sind aber dort furchtbar, trieb er es bewundernswürdig weit, auch sonst immer besonders aber einmal, als der Frost so heftig war als man sich nur denken kann, und die Andern entweder gar nicht hinausgingen, oder wer es etwa tat wunderwieviel Anzug und Schuhe unterband und die Füße einhüllte in Filz und Pelz, da ging dieser hinaus in eben solcher Kleidung wie er sie immer zu tragen pflegt, und ging unbeschuht weit leichter über das Eis hin als die anderen in Schuhen."

Seit dem Frühjahr hatte ich ein paar Kilo abgenommen, mein Maßstab ist mein Ledergürtel, den ich seit ungefähr 25 Jahren benutze, allerdings hat er sich stellenweise so in die Länge gezogen, daß ich mich wahrscheinlich selbst betrüge. (Als er mir einmal gerissen ist, habe ich ihn von einem Russisch sprechenden, armenischen Schuster reparieren lassen.) Meine Form war inzwischen besser als noch im Sommer, ich würde natürlich nie behaupten, daß sie "gut" ist, Läufer fühlen sich immer außer Form. Wieviele Wochen blieben mir wohl bis zur großen Herbst-Bronchitis, die alles wieder zunichte machen würde?

Ich hatte mir einen regenerativen Genußlauf vorgenommen, seltsamerweise muß ich mir das ja vornehmen. Eine Gelegenheit, auf die Technik zu achten. Der Natural Runner Dr.Mark Cucuzzella behauptet, man müsse an seiner Technik arbeiten, die Leistung komme dann von selbst. Das ist ein interessanter Paradigmenwechsel, denn schon vor dem Ersten Weltkrieg, in der Lauf-Urzeit, als es noch kein systematisches Training gab, hat man mehr Wert auf einen schönen Laufstil gelegt als auf Trainingsreize. Allerdings hatte man auch seltsame Vorstellungen vom Stil. Damals hielten viele Athleten der Weltelite beim Laufen die Arme nach unten gestreckt, dicht am Körper. (Heute erscheint es unvorstellbar, daß sogar so etwas selbstverständliches wie der Tiefstart erst erfunden werden mußte, das Verdienst gebührt den Amerikanern.)

Die Stadionsaison geht jetzt langsam zu Ende, für Tempoläufe ist es zu kalt, und im Stadion laufe ich eigentlich nur, wenn ich die Zeit messen und die genaue Streckenlänge wissen will (ich werde einen Teufel tun, beim Laufen in der Natur ein Smartphone mit GPS mitzuführen.) Manche Jahre bin ich nicht mehr viel im Stadion gelaufen und habe nur beim Spazieren durch den Zaun die anderen beobachtet und ein bißchen Neid empfunden, ich vermißte den Geruch der Tartanbahn und das scheinprofessionelle, latent wissenschaftliche Gefühl beim Rundenlaufen. Dieses Jahr hat mich der Ehrgeiz wieder gepackt, ich habe ein paar Monate lang meine 10-Km-Zeit gedrückt und mich jedes Mal, wenn es gelang, ein paar Tage gefreut. Ich habe allerdings auch immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich auf Zeit laufe, weil es der Idee des Genußlaufens widerspricht und nach übertriebenem Altersehrgeiz aussieht. Ich möchte nicht in den Verdacht kommen, mich selbst optimieren zu wollen. Außerdem vermute ich, daß es nicht gut für meine Knochen ist und wahrscheinlich nicht viel zu meiner Gesundheit beiträgt, jedenfalls nehme ich davon nicht ab. Seit vielen Jahren liegt am Rand der Bahn ein Gedenk-Gesteck für irgendeinen Läufer, der sich hier einmal übernommen hat, und ich weiß ja nicht, ob ich einen unentdeckten Herzfehler habe. Aber, wenn ich eine gute Zeit gelaufen bin, gibt mir das mindestens für einen Tag die Gewißheit, keine Erkältung auszubrüten. Leider verbessere ich meine persönlichen Bestleistungen nicht mehr, aber zum Glück gibt es ja Jahresbestleistungen, die werde ich immer schaffen, ich muß dafür nur wenigstens einmal im Jahr die Strecke laufen. (Wenn man keine Rekorde mehr schafft, kann man immer noch den Ehrgeiz haben, durch Ausdauertraining seinen Ruhepuls zu senken, meiner ist nach all den Jahren immer noch bei 70, obwohl Spitzenläufer auf unter 40 kommen, das ärgert mich.)

Im Kreis zu laufen ist vielen zu langweilig, sie wollen sich nicht freiwillig in ein Hamsterrad sperren. (Manche empfinden allerdings jede Laufstrecke als langgebogenen Kreis.) Immer wieder höre ich jemanden sagen, er brauche einen Gegner oder einen Ball, um sich zum Laufen motivieren zu können. Und allein im Kreis zu laufen scheint der Gipfel der Sinnlosigkeit. Es widerspricht der Idee des Laufens, immer wieder am Ausgangspunkt vorbeizukommen, so kann man keine Botschaften übermitteln oder Tiere jagen, man wird nie der erste sein, der sich das Aas sichert und man kann vor niemandem weglaufen (vor allem, wenn derjenige die Abkürzung durch die Mitte nimmt.) Ich schätze es aber, meine Leistung genau kontrollieren zu können. Man läuft irgendwann auf die Sekunde genau dieselben Rundenzeiten. (Wenn ich ungewollt schneller werde, dann meistens aus Angst, das Tempo nicht zu halten.) Der Vorteil ist außerdem, daß man sich um die Strecke keine Gedanken machen muß, es gibt keine Kreuzungen, keine Berge, keine Sackgassen, keine Autos, keine Hunde (in Cluj bin ich deshalb immer im Stadion gelaufen, um 7 Uhr morgens, um der Hitze zu entgehen. In den kleineren Straßen des Viertels löste man eine Kettenreaktion kläffender Hofhunde aus, die sich in verzweifelter Wut von innen gegen die Blechzäune warfen.) Im Stadion kann man sich nicht verlaufen, und wenn es einem doch passiert, dann muß man nur weiterlaufen und findet wieder zurück, wie eine elektrische Eisenbahn. Manchmal ist es so heiß, daß ich mich bei jeder Runde auf die Stellen freue, wo die Pappeln etwas Schatten werfen. Meine beste Zeit über 20 Km bin ich mit Liebeskummer bei einem heftigen Sommergewitter gelaufen. Jetzt im Herbst liegt Laub auf der Bahn, Krähen baden in den Pfützen, die sich in den Wurfkreisen der Kugelstoßanlagen gebildet haben. Im Winter liegt sogar manchmal Schnee, was die Koordination trainiert. Im Sommer wird man von den schlecht eingestellten Sprinklern naßgespritzt, die mit ihrem Strahl ein Stück der Laufbahn abdecken, wenn man Glück hat, kommt man trocken durch, manchmal kriegt man aber die volle Ladung von vorne ab. Bei Wind hat man auf einer Geraden Rückenwind und auf der anderen Gegenwind, was sich auf die 200-Meter-Zwischenzeiten auswirkt. (Natürlich gucke ich nach jeder halben Runde auf die Uhr, aber immerhin noch nicht alle 100 Meter. Bei Eliud Kipchoges Versuch, einen Marathon unter Idealbedingungen unter zwei Stunden zu laufen, folgte er einer von einem Begleitfahrzeug aus auf den Boden gelaserten roten Linie.)

Ich laufe immer auf der Innenbahn, da eine Runde dort genau 400 Meter lang ist (die genauen 400 Meter ergeben sich, wenn man auf der Innenbahn einen Abstand von 30 cm zur Linie hält.) Ich muß dann immer an die Knobelaufgabe aus der Mathe-AG denken, ob eine Maus unter einem Seil durchpaßt, das um den Äquator gelegt wurde, wenn man das Seil um einen Meter verlängert. Einmal riet mir ein Sportlehrer, der die Zwischenzeiten seiner Schüler kontrollierte, in der Kurve noch näher an der Linie zu bleiben, um keine überflüssigen Meter zu laufen. Das war das einzige Mal, daß ich beim Laufen gecoacht worden bin!

Daß eine Runde 400 Meter mißt, war natürlich nicht immer so, bei Rennen in der Halle, die auch Paavo Nurmi in Amerika bestritt, waren die Runden viel kürzer, was Kurvenspezialisten bevorteilte. Bei den Griechen war ein Stadion eine Strecke von 600 Fuß, was natürlich kein einheitliches Maß war, weshalb die Stadionrunden verschieden lang ausfielen. Das war aber kein Problem, denn es ging ja um den Kampf Mann gegen Mann und nicht um abstrakte Rekordzeiten wie bei uns. Es wäre sogar sinnlos gewesen, sich mit einem Vorsprung auf der Schlußgeraden noch unnötig anzustrengen. Herakles, der die olympischen Spiele begründet haben soll (er war auch der erste Paradoxonike, also ein "Sieger gegen jede Wahrscheinlichkeit", weil er am selben Tag im Ringen und im Pankration gewonnen hat), soll auch das Stadion in Olympia errichtet und die Länge der Bahn abgemessen haben. Plutarch führt in einem Fragment aus, daß Pythagoras aus der Länge dieser Stadionrunde die Fußlänge von Herakles berechnet und daraus seine Größe abgeleitet habe. (Pythagoras' Bedeutung erklärt sich sicher aus anspruchsvolleren Aufgaben.)

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Kommentare 2
  1. Ralph Diermann
    Ralph Diermann · vor 5 Tagen

    Danke

  2. Andreas Merkel
    Andreas Merkel · vor 2 Tagen

    Bitte sag mir, dass Du jetzt nicht auch mit so'ner Bergarbeiter-Lampe auf dem Kopf rumläufst. Light-pollution is a serious issue! Der Indian Runner läuft im Dunkeln und orientiert sich an den Geräuschen des Waldes.