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Literatenfunk

Laufen 1: The Jericho Mile
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Mittwoch, 27.06.2018

Laufen 1: The Jericho Mile

Aus dem Jahr 1979, also mitten aus der Zeit, als Joggen als Massensport weltweit populär wurde, stammt "The Jericho Mile", ein Fernsehfilm (mit Kinoqualität) von Michael Mann. (Hier eine englische Version mit französischen Untertiteln. Es gibt aber auch eine deutsch synchronisierte Version, bei der die Sprecher sich um eine abenteuerlich unglaubwürdige "Gangster"-Diktion bemühen, ein Verrat an Peter Strauss' schneidig-kehliger Stimme und am coolen Ebonics-Sound der schwarzen Insassen.) Der Film lief damals jahrelang in DDR-Kinos, ich habe, wenn ich als Jugendlicher 100 Mal das Kinoprogramm in der Zeitung studierte, nie Lust bekommen, ihn zu sehen, aber der Titel hat sich mir eingeprägt. Laufen als Lebensinhalt interessierte mich noch nicht, es gab damals bei uns keine "Jogger" in den Straßen, man lief höchstens im Wald ("Cross" und "Orientierungslauf") oder betrieb "Dauerlauf" im Stadion (wir allerdings immer ums Schulgebäude), oder, noch schlimmer, man tat auf "Trimm-dich-Pfaden" etwas für seine Gesundheit, um die Krankenkassen zu entlasten. Wie anders sah das in amerikanischen Filmen aus, vor allem, wenn sie in New York spielten, da gab es eigentlich immer einen Dialog beim Joggen im Central Park, wobei die Akteure Sweatshirts trugen, die mir schon für den Alltag zu schade gewesen wären. In Amerika joggte sogar der Präsident. War Jimmy Carter der erste, der damit begonnen hat? Die Tradition ist jedenfalls nie abgerissen: Bill ClintonGeorge W. Bush, Barack Obama und, zumindest ein paar Schritte, Donald Trump.

Schade, daß ich "The Jericho Mile" damals nicht gesehen habe, vielleicht hätte der Film mich inspiriert, früher mit dem Laufen zu beginnen, dann hätte ich weniger Angst vor den 3000-Meter-Leistungskontrollen haben müssen, eine Strecke, die uns damals mörderisch vorkam, und die man heute zur Erwärmung läuft. Larry Murphy, Namensvetter eines meiner literarischen Lieblingshelden, kommt aus der weißen Unterschicht und hat seinen Vater erschossen, weil dieser sich an Murphys Stiefschwester vergangen hat. Dafür sitzt er lebenslänglich in Folsom Prison, wo der Film auch gedreht wurde (die Statisten wirken ziemlich echt): "This picture was filmed among the convict population and within the walls of Folsom State Penitentiary." Die meiste Zeit sitzt Murphy aber gar nicht, sondern er läuft, denn er trainiert täglich auf dem Gefängnishof, wo, wie man das aus Gefängnisfilmen kennt, viel Sport getrieben wird: Hanteln stemmen, Baseball, Basketball, Boxen und … Schach. Alles Sportarten, die einem Respekt verschaffen, bzw. den Körper für den Überlebenskampf fit machen, laufen tun hier nur Murphy und sein schwarzer Freund Stiles aus der Nachbarzelle, der einzige, mit dem er überhaupt Kontakt pflegt, denn er zieht, wie viele Läufer, die Einsamkeit vor. Stiles träumt von einem außerplanmäßigen Besuch seiner Frau und läßt sich, um den zu organisieren, auf einen Deal mit "Dr.D" ein, einem der Bosse im Gefängnis, noch dazu einem Weißen, was Ärger zu bringen droht. Murphy stellt ihn zur Rede und Stiles wirft Murphy vor, daß er keine menschlichen Bedürfnisse habe und ein Lauf-Junkie sei:

"You don't need nobody. You run until you can't walk, then you zone out like a glue sniffer that you can't talk and then maybe you're tired enough to get some sleep until the next day when you got to go through the whole thing again ... You got to be the luckiest man alive."

Murphy ist aber eigentlich der unluckiest man alive, weil er sich schuldig fühlt, und auch der Meinung ist, daß er zu recht einsitzt, sich aber sicher ist, daß er trotzdem wieder so handeln würde. Er ist ein Opfer des Milieus, in das er geboren wurde, ohne die nötige emotionale Abgestumpftheit zu besitzen, mit der er darin klarkommen könnte.

Im Gefängnis herrscht strikte Apartheid, man muß sich an seine "Rasse" halten, wenn man überleben will, Überschneidungen gibt es nicht. Die Weißen sind Nazis, die Schwarzen afro-Fundamentalisten, die dritte Gruppe bilden die "Indios". Zwischen diesen Gruppen besteht ein Machtgleichgewicht, Fragen, die Gruppeninteressen betreffen, gelten als "political" und werden verhandelt, wenn es dagegen um "pocket" geht, gibt es keinen Waffenstillstand. Murphy hält sich aus allem raus, er spricht mit niemandem, er geht nicht arbeiten, sieht nicht fern, kauft nichts, empfängt keine Besuche, sitzt beim Essen immer alleine. Er läuft nur täglich, solange der Hofgang dauert, 80-90 Meilen die Woche, wie er schätzt, dabei um 10 Uhr und um 15:30 Uhr jeweils eine "schnelle Meile". Das Laufen schenkt ihm für Momente so etwas wie Freiheit. Nachts zieht er die Wasserleitung seines Zellen-Waschbeckens aus der Wand und benutzt sie als Klimmzugstange (Krafttraining, viele Läufer vernachlässigen das.)

Als der Gefängnisleitung zu Ohren kommt, wie besessen Murphy läuft, mißt man seine Zeit und stellt fest, daß er die Meile unter 4 Minuten schafft und damit ein Kandidat für das amerikanische Olympiateam sein müßte. Der Anstaltspsychologe interessiert sich für ihn:

"All you seem to do around here is run, why is that? Does ist make you feel good?"
"Yeah."

Eine andere Begründung gibt es nicht, er will niemandem etwas beweisen und nichts erreichen, er will nur laufen und seine Ruhe haben.

Der Anstaltsleiter hat den Ehrgeiz, Murphy an einem Ausscheidungslauf für die Olympischen Spiele in Moskau teilnehmen zu lassen. Zunächst tritt Murphy im Gefängnis gegen ein paar Athleten der Sacramento-University an. Es kommt zu einer klassischen Konfrontation zwischen verwöhnten Athleten, die bestens ausgerüstet sind (Murphy wirft einen Blick auf ihre neuen Adidas-Schuhe, er selbst hat nur Basketballschuhe) und wahrem Läufer, dessen größter Antrieb seine Dämonen sind. Er registriert ihren ungläubigen Blick, als er ihnen die Strecke erklärt: viermal um die Mülltonnen sind eine Meile. Natürlich können die Halbprofis mit der Willenskraft und der Leidensfähigkeit eines Gefängnisinsassen nicht mithalten, der, um die Härte des Lebens zu ertragen, härter zu sich ist als das Leben. Der Mythos des "Straßenfußballers", gewachsen auf Beton.

Der beeindruckte Trainer der Athleten fragt Murphy anschließend:

"What do you train?"
"I don't. I just run."

(Der Mythos eines auf Leidenschaft, Improvisation und Natürlichkeit basierenden Trainings wird natürlich in keiner Filmszene so plakativ gefeiert, wie in der Trainingssequenz aus Rocky IV, wo wir sehen, wie sich Rocky - der hier der eigentliche Russe ist und sich sogar einen Bart wachsen läßt -, mit Holzhacken, Steinestapeln, Schlitten ziehen und Joggen im tiefen Schnee auf den Kampf vorbereitet, während der Körper seines russischen Kontrahent Ivan Drago mit Elektroden versehen und über Monitore kontrolliert wird, weil er nach streng wissenschaftlichen Methoden mithilfe von Trainingsmaschinen zu einem Kampfroboter hochgezüchtet wird, dem aber natürlich am Ende die Leidenschaft fehlen muß, Rocky zu besiegen, ein einziges - damals schon ziemlich romantisch wirkendes -, Aufbegehren des Menschen gegen die Maschine, bei dem die Amerikaner seltsamerweise den Part der Natur einnehmen und die Russen den der seelenlosen Präzision.

Vielleicht hat diese Stilisierung der Russen, die in technischer Hinsicht alles andere als für Präzision stehen dürften, zu seelenlosen Robotern, ganz im Widerspruch zum üblichen Stereotyp, das in ihnen Rohlinge sehen will, die unter Alkoholeinfluß zu Gefühlsmenschen werden, mit Ernst Lubitschs "Ninotschka" von 1939 begonnen, einer Art Pygmalion-Geschichte, in der ein französischer Lebemann Greta Garbo als gehirngewaschener russischer Agentin Gefühle einhaucht.)

Vom Style her, Schnurrbart, halblange Haare, und von der Art, wie er läuft, kein Taktieren, immer angreifen und alles geben, erinnert Murphy an Steve Prefontaine, den legendären Mittelstreckler, der 1972 in München den Finnen Lasse Virén herausgefordert hat und, weil er Gold gewinnen wollte und in der letzten Runde entsprechend aggressiv attackiert hat, am Ende nur Vierter geworden ist, obwohl Bronze drin gewesen wäre.

Prefontaine, der damals sehr populär war, starb 1975 bei einem Autounfall, "before the limits of his greatness could be defined", wie es hier formuliert wird.

Die Olympiakommission setzt eine Befragung an, um zu klären, ob Murphy für die Sponsoren präsentabel ist (sie seien leider nicht "government funded"), er soll seine Tat bereuen. Das tut er nicht, er würde sie wieder begehen. Damit ist er raus und wird nicht zur Olympiade fahren können (die er, wie wir wissen, wegen des Boykotts der USA natürlich so oder so verpaßt hätte). Wahrscheinlich hatte man sowieso nie vor, ihn zu nehmen. Als später über Lautsprecher die Zeit des Kandidaten, der das Rennen gemacht hat, durchgegeben wird, nimmt sich Murphy die Stoppuhr und versucht unter den Blicken der Gefangenen und zu einer Instrumental-Version von Sympathy for the Devil, die Zeit zu schlagen, was ihm auch gelingt. Er wirft die Uhr gegen die Gefängnismauer, das Training ist vorbei, jetzt wird wieder gelaufen.

Es geht ihm natürlich gar nicht um Bestzeiten, es geht darum zu schweben ("floating".) Einer der Gründe, warum Joggen damals so populär wurde, war ja das Versprechen auf eine seelische Wandlung, wer joggt, wird ein anderer Mensch und hat auch in allen anderen Bereichen Erfolg. 1977 war "The Complete Book of Running" erschienen, ein Buch, das maßgeblich zum Laufboom in Amerika und damit auch in der Welt beigetragen hat. Der Autor Jim Fixx beschrieb darin, wie er mit 36 Jahren zu laufen begonnen hat und dadurch fast 30 kg abgenommen und sich das Rauchen abgewöhnt hat. (Er starb schon mit 52 Jahren beim Laufen an einem Herzinfarkt, allerdings litt er wohl an einer genetischen Disposition.) Murphy ist ein extremes Beispiel für dieses Glücksversprechen: Wenn man läuft, braucht man die Welt nicht mehr, man braucht auch keinen Wald oder Strand, ein Gefängnishof reicht. Er wäre aber kein so interessanter Held, wenn er wirklich die gewünschte Erlösung erreichen würde, das ist für ihn nicht möglich, die Schuld ist ja real, die Umwelt feindlich, das Leid, das sich die Menschen zufügen unerträglich. Indem er zum Schmerzensmann wird, flößt er den Gefangenen so viel Respekt ein, daß vor dem entscheidenden Lauf einer nach dem anderen im Essensaal an seinen Tisch tritt, und ihm etwas von seiner Ration hinstellt ("Fruit is good for you, man, eat plenty of fruit!") Eine in diesem Milieu bis dahin undenkbare Geste von Solidarität.

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Kommentare 2
  1. Fabian Goldmann
    Fabian Goldmann · vor 5 Monaten

    Na toll, jetzt weiß ich nicht, jetzt hab ich Lust auf Film gucken und laufen gehen und Zeit für keines von beiden. Schöner Text.

  2. Andreas Schabert
    Andreas Schabert · vor 3 Monaten

    Auch hier vielen Dank für diesen tollen Tipp. Super Film, grandios das Knackie Milieu.