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Literatenfunk

Kosmischer und irdischer Trost – Etel Adnan
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Samstag, 19.09.2020

Kosmischer und irdischer Trost – Etel Adnan

Etel Adnan kam am 24. Februar 1925 auf die Welt.

„Ich bin in Beirut geboren. Im Libanon, weil meine Eltern am Ende des Ersten Weltkrieges die Türkei verließen, um sich dort niederzulassen; die Stadt liegt unweit von Damaskus, der Geburtsstadt meines Vaters. Die Welt, in die ich geboren wurde, war vollkommen verschieden von der, die meine Eltern gekannt hatten. Die Alliierten hatten den mittleren Osten besetzt und aufgeteilt, die Franzosen hatten sich eine Region gesichert, die sie in Syrien und den Libanon unterteilt hatten.“

Das schreibt Adnan in einem autobiografischen Text, der im Buch, um das es hier geht, enthalten ist, und der „Schreiben in einer fremden Sprache“ heißt. Adnan lebt heute, nachdem sie lange in Kalifornien im Schatten der Berge wohnte, heute in Paris. Im Grunde hat sie große Teile der nördlichen Hemisphäre durchwohnt und durchlebt. 

In ihrem Schreiben lagert sich historische Erfahrung auf eine hoch individualisierte Art. Sie verfügt über einen Sensor für untergründige kulturelle und politische Entwicklungen der letzten 100 Jahre, einer Zeit also, der es an Auf- und Umbrüchen, aber auch an Niedergängen nicht mangelte. Eine Zeit auch, die von Okkupationen, Staatsgründungen und Grenzverschiebungen geprägt war, und die so wenig zur Ruhe kommt, wie ihre Protagonisten: die Wandernden, die Vertriebenen, jene, die sich zwischen den Sprachen bewegen, zwischen den Kulturen und zwischen den Nationen, und denen das Menschsein erscheint als das, was es immer schon war: eine Melange, in der Identitäten sich immer neu herausbilden, um bald darauf sich von den Rändern her aufzulösen. Das Fremde ist das Eigentliche. Das Nationale geht vorüber.

Adnan durchwandert eben das Fremde mit fremden Gefährten. Sie trifft Dostojewski im nahen Osten und überall fast findet sie Spuren Majakowskis. Vertraute anderer Sprachen. Auch Rilke zum Beispiel oder Theaterleute wie Einar Schleef.

Die nimmermüde Hanna Mittelstädt, die Nautilus mitgründete und leitete, und die Übersetzerin Klaudia Ruschkowski haben in eben jenem Verlag Nautilus unter dem Titel „Sturm ohne Wind“ einen voluminösen Band herausgebracht, der das Werk der Schriftstellerin, Philosophin und bildenden Künstlerin Etel Adnan in vielen, vielleicht allen seinen Facetten beschreibt. Es enthält Gedichte, Prosa, Essays, Gespräche und die einzelnen Kapitel sind durch Zeichnungen, durch Tuschzeichnungen, die zugleich auch etwas Asiatisches in die Textwelt ragen lassen, voneinander abgesetzt. Neben in verschiedenen Büchern bereits publizierten Texten ist der Band mit jeder Menge neu Übersetztem angereichert.

Vielleicht wird es die eine oder den anderen verwundern, wenn ich sage, dass das Werk Adnans philosophische Texte enthält, aber wenn sie sich selbst auch nicht als solche bezeichnen, gibt es gerade in den längeren Poemen Momente, die sich durchaus auf den philosophischen Horizont des oder der Lesenden auswirken, ihn also nicht nur bildhaft, sondern auch begrifflich öffnen, ohne aber in trockene Theoretisiererei abzufallen. So bleiben diese Texte immer einer Körperlichkeit verbunden. Sinnlich muss man sie nennen, im gründenden Sinne des Wortes, den Sinnen verbunden, dem Fühlen, Riechen und Schmecken. Eben der Wahrnehmung der Umgebung. Zum Beispiel auch der Trockenheit Kaliforniens, die sich im Augenblick aufgrund des Versagens der Menschen zu infernalischen Bränden gesteigert hat.

„Beschreiben ist ein Vorgang, der Bilder mit Ideen konfrontiert, die versuchen, ihnen Ordnung zu geben. Aber wenn Feuer beginnen, große Teile Kaliforniens zu verschlingen, stumpfen wir ab.“

In einigen Texten, wie zum Beispiel einem Langen Gedicht über Juri Gagarin geht Adnan über die irdische Perspektive hinaus, führt eine kosmische ins Feld, die zugleich Bedrohung als aus Zuflucht sein kann, weil sich in ihr sowohl menschliches Vermögen, als auch das nur Ahnbare, das Unbekannte bündeln. Adnan beschreibt Ungerechtigkeit und Zerstörung, wie zum Beispiel eine Zerstörung Beiruts in vergangenen Kriegen, die an das kürzlich geschehene Unglück gemahnt, als eine Explosion große Teile der Stadt zerstörte. Sie beschreibt das aber vor einem Hintergrund, eine Möglichkeit, sich reproduzierender Schönheit und Fülle. Hoffnung, die auch durch das letzte Jahrhundert hindurch bis heute standhält.

Mit diesen Worten ist nur ein Moment, vielleicht das im Augenblick Naheliegendste des Werkes angetippt. Der Band bietet vielerlei mehr Routen zu einer Entdeckungsreise in den Adnanschen Kosmos hinein. 

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Kommentare 3
  1. Jan Kuhlbrodt
    1. Yvonne Franke
      Yvonne Franke · vor einem Monat

      Sie spricht da von Landschaften, die einem nicht nur physische, sondern auch emotionale Orientierung geben. Wunderbar! Schon bei dem Gedanken fühlt man sich angekommen.

    2. Marion Meyerolbersleben
      Marion Meyerolbersleben · vor einem Monat

      thank you!

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