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Literatenfunk

Komplexe Idyllen: Ein scheues Bedürfnis nach Trost.

Quelle: Cover von: Variatonen in Prosa, von Michael Donhauser

Monika Rinck
Autorin
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piqer: Monika Rinck
Dienstag, 01.03.2016

Komplexe Idyllen: Ein scheues Bedürfnis nach Trost.

Auf ungeheure Traurigkeit folgt ein scheues Bedürfnis nach Trost. Die Sehnsucht, einige Tage in einem Idyll unterzukommen. Doch mit der steigenden Sehnsucht nach dem Idyll wächst auch das Bewusstsein für die Fragwürdigkeit des Wunsches. Die Intensität des Wunsches steht in keinem Verhältnis zu seiner Legitimität. So groß die Sehnsucht auch sein mag, sie bedeutet nicht, dass sie berechtigt ist. Tröstliche Dichtung muss sich gegen den Kitschverdacht wehren, was ihr nicht immer gelingt. Ich will aber diesmal, dass es gelingt. Denn es kann ja nicht sein, dass der Schrecken vor Einzelheiten beinah birst und dabei bestens funktioniert, der Trost aber leer und angegriffen herumsteht und immerzu gegen den Vorwurf seiner Verlogenheit oder Unzeitlichkeit angehen muss. Als beförderte er nur die falsche Versöhnung, die lindert, indem sie Abstand nimmt von der Realität. Das muss auch anders gehen.

Den „Variationen in Prosa“ von Michael Donhauser, die 2013 erschienen sind, ist ein Zitat von Leonardo da Vinci vorangestellt: „Es wird etwas sichtbar werden,/ und der, der es zu verhüllen glaubt,/ wird von ihm umhüllt werden.“ Warum ist schon dieses Motto tröstlich? Vielleicht aufgrund der Diffusion von Zeigen und Verbergen. Weil es mich entfernt an den Umgang mit heftigen Affekten erinnert und in dieser Unklarheit des Umhüllenden und des Enthüllenden dem Gedanken hilft, die Trauer auf lebendige Weise beinhalten zu können. Der Moment kurz vor – und der Moment kurz nach der Contenance, enthüllt, umhüllt.

Die erste Hälfte des Buches besteht aus 68 Variationen, darauf folgen 20 Variationen, die eigens unter dem Titel „Variationen im März“ zusammengefasst sind. So wie die Worte stehen, sehe ich die Wahrnehmungen sich ablösen, die Vorstellungen aufeinander folgen. Das Abstrakte und das Konkrete ist innig, doch nicht zu eng zusammengeknüpft. Sie halten sich gegenseitig in der Schwebe. In den Variationen, die ungefähr zu gleichen Teilen artifiziell wie natürlich sind, bewegt sich die Semantik und Asemantik des Idylls. Wie meine ich das? Es ist vielleicht nur ein Experiment, ein regelgeleitetes Fortschreiten idyllischer Zustände und Inhalte, die wie Tänzer, eher für sich selbst, als für die unbewegten Zuschauer am Rand des Tanzbodens, die hier die Leser wären, vorbeigleiten: Laub, Duft, Licht, Dolden, Schatten, Vögel, Weichen, Wicke, Rost, Holunder, Wut, Ruf, Zweige, Blüten, Äste, Bäume, Reif, Zweifel, Dornen, Traum, und immer wieder Laub, „da schattig mischte sich ins milde Licht ein kühler Hauch von innigem Verzagen“.

Jede einzelne Varitation besteht nur aus einem, syntaktisch vertracktem Satz. Ich lese die nächste Variation. Keine davon hat mehr als hundert Worte, aber ich habe nicht alle gezählt. „Die Straßen waren sanft, da sich zu verdunkeln begann oder unumwunden zu enthüllen schien, was bleich wie Blüten sich zeigte und säumte den Park, wo Platanen leise raschelnd welke Blätter trugen, im Streulicht, dass nächtlich war und wund wie lächelnd diese Stille oder innig der Wunsch, eher diesem Verkommen anzugehören und Blumen zu treiben, späte als Sühne, denn zu suchen arm an Entbehren eine Gewissheit, als wäre daselbst nur Ruhe, fern allem Ahnen und Lassen als Trost.“

Oft beginnt eine neue syntaktische Fügung mit der Konjunktion „dass“, wo ich vielleicht das Relativpronomen „das“ vermutet hätte. Die nähere Bestimmung des Vorangegangenen wird so zu einer Umbestimmung des Ganzen, rückwirkend von Anfang an. Und das Wörtchen „da“ bewegt sich an vielen Stellen zu gleichen Teilen als Einleitung eines kausalen Nebensatzes, es kann aber auch ein Relativ-Adverb sein, eigensinnigerweise ohne dass das Substantiv näher benannt wird. So vereinigt sich der Grund, mit der Dauer, mit dem Augenblickshaften, mit dem Augenblick – und wird wieder zum Grund.

Nein, die Variationen werden von eigenen Entscheidungen geführt. Um zu zeigen, wie das funktioniert, müsste ich viele davon zitieren, mindestens aber drei. Denn dies zu erklären, scheint mir wie eine Beschwerung der leichten, sich wandelnden Bewegungen der Texte. „Variierend, das heißt auch schillernd oder in sich von sich abweichend und abweichend so von allem Eigenen wie Anderen, denn was weicht, ist nicht oder entweicht der Fassbarkeit als Dieses oder Fremdes und bleibt in sich außer sich, da es zu sich nicht findet außer in der Bewegung, der wechselnden wie von Blättern, als wären Blätter es, die blieben, selbst sinkend, und alles Variieren so ein Verlieren, doch zögernd zwischen einem Noch und einem Nicht und einem Dann und einem Schon, dass hörte, was da hört, als ein Schimmern in Silben ein Sagen ohnegleichen.“ So steht es als Selbstbeschreibung auf der Umschlagklappe.

Diese Sprache begünstigt eine gewisse Durchlässigkeit, die doppeldeutig ist. Sie legt etwas frei, und geht dennoch weiter, als ermöglichte sie die Tränen und ließe sie in diesem (einem anderen, aber gleichzeitigen Moment) wieder versiegen. Eine Ermöglichung, die eine Verhinderung, oder sagen wir besser: Linderung ist. Als brächte der Trost den Schmerz erst wieder hervor, und mit ihm die Mittel hindurchzugehen. Das soll mich nicht gegen den Trost einnehmen. Es ist eine Schönheit in diesen Variationen, die die unterdrückte Traurigkeit freilegt, aber durch das variierende Fortschreiten dieser im Abstrakten herumschwebenden sehr konkreten Szenen kann es weiter gehen; ich muss nicht das Buch aus der Hand legen. Ich lese eine andere Variation.

„Bitter sei und so blieb, war einsam die Nacht in dem Zimmer, wo vergessen ein Strauß nur von Tulpen zu feiern schien das Welken, sich windend an den Stielen, als suchte Halt, so nahe dem Fallen, Blüte um Blüte und aufwärts weit sich öffnend entgegen der Neige, dass wir ahnten, wie sorglos einst und vergeblich uns anvertraut war jede Sage vom Reichtum und der Demut, von dem Sinken der Blätter oder wie beschenkt nur ohnegleichen sich fände, was hingegeben dem Taumel schaute die Fülle als Not.“

Sie stehen im Blocksatz. Die letzte Zeile ist oft nicht mehr ganz gefüllt. Über dem Buch vergeht das Jahr, umblätternd wird es merklich kühler, Seite für Seite. Zuweilen begegnet man einem Wir, und es scheint mir ein Wir zu sein, das einen Verlust miteinschließt, ein Wir, das zu einer Hälfte aus Verlorenheit besteht, zur anderen Hälfte aus Beistand. Es ist ein seltenes Subjekt in diesen ortlosen Beschreibungen. Denn oft besteht das Subjekt, auf das sich alle anschließenden Beschreibungen beziehen, in einer unablässig sich verändernden Lage, einem Geschehen, von dem sich nicht genau sagen lässt, ob es aktiv ist oder passiv, wohin es sich bewegt, ob es ein Ziel hat oder sich einfach verläuft. Eine Erscheinung ohne Erscheinung, aufgefächert in ein Werden, ein Verlieren und erneutes Aufkommen. So kann ich einer metonymischen Bewegung zusehen, wie sie lose Vergleich an Vergleich reiht, grammatisch leicht diffundiert, aber merke dabei: Es ist ja immerzu etwas da, immerzu ändern sich hierin die Präsenzen, und manchmal endet die Reihe bei dem Gezweig, bei der Not, beim Lied, oder bei meiner eigenen Frage: Was sind das nur für Akteure, die da duften?, und es folgt noch vor dem letzten Ende die Antwort: Es sind die, die das können, nämlich zu duften, zu gleiten, zu beugen, zu glänzen, zu lispeln, „was streifte flüchtig uns und flüsternd sank, als wären Wellen es, die rauschten leise auf der Wendeltreppe als ein Kleid“. Mehr muss ich nicht wissen. Dann Quittenduft, mitten im Winter? Ja, ich sage: ja.

Michael Donhauser: VARIATIONEN IN PROSA. Berlin, Matthes & Seitz, 2013.

8,3
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Kommentare 1
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor mehr als einem Jahr

    Mit den Variationen selbst kann ich nicht viel anfangen, aber die Beschreibung von Monika Rinck ist wunderschön.