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Literatenfunk

Kinderbücher: Ketchup für die Königin
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Donnerstag, 13.10.2016

Kinderbücher: Ketchup für die Königin

Über illustrierte Kinderbücher müßte man einmal ein Erwachsenenbuch schreiben. Erstaunlich, wie selten Kinderbücher sind, die gut altern, deren Botschaft man noch richtig findet, deren Sprache nicht inzwischen altbacken klingt, deren lustige oder absurde Reime nicht total gestelzt wirken. Es gibt wenig zeitlose Klassiker, was verwunderlich ist, denn (zumindest kleine) Kinder ändern sich ja viel weniger als Erwachsene, warum sollten Vierjährige vor 100 Jahren einen anderen Geschmack gehabt haben als heute? Was sich nie ändern wird, ist, wie tief sich uns gerade Kinderbücher einprägen. Ich erlebe manchmal fast schon mit Schrecken, wie lebhaft ich mich an Illustrationen in Büchern erinnere, wenn ich sie wiedersehe. Deshalb scheint es mir umso wichtiger, gerade bei Büchern für dieses Alter auf Qualität zu achten. Das ist schwer, weil es zwar wundervolle neue Kinderbücher gibt, aber in gewöhnlichen Buchhandlungen findet man sie kaum zwischen den Bergen von kommerziellem Schrott. (Das nächste Grauen ist die noch beklagenswertere Kindermusik und dann folgen schon die heutigen Schulbuchillustrationen.) Auf Kinderflohmärkten frage ich mich immer, warum jemals jemand auch nur einen dieser Gegenstände, die als Spielzeug dienen sollen, oder eines dieser öde geschriebenen und schlampig illustrierten Kinderbücher gekauft hat. Ich muß natürlich eingestehen, daß ich als Kind Illustratoren scheußlich fand, die mir heute großartig vorkommen, und umgekehrt. Glücklich bin ich, wenn sich mein Geschmack und der meiner Kinder treffen, das ist bei "Ketchup für die Königin" von der israelischen Comic-Autorin Rutu Modan der Fall. Von dieser Künstlerin gibt es mehrere erzählende Comics, die sich mit den Wunden der Vergangenheit befassen, sie hat eine Weile für die New York Times eine Comic-Kolumne gezeichnet, die man immer noch findet (http://modan.blogs.nytimes.com/), und in der sie wundervoll humorvoll und bitter die Abgründe ihrer Familie schildert. Das ist exzellent geschrieben und in einem Stil gezeichnet, der einen sofort an Hergé erinnert, auch wenn sie im Interview (http://www.tcj.com/rutu-modan/) sagt, daß sie das nicht nachvollziehen kann. Ich habe als Kind Hergé wegen der klaren Farben und der übersichtlichen Bilder geliebt. Es gab zwar eine Unmenge von Gegenständen zu entdecken, aber sie waren alle deutlich zu erkennen und jeder war interessant, es herrschte irgendwie Ordnung, anders als in unserer Wohnung, die völlig überladen und staubig war. In "Ketchup für die Königin" geht es um Tischmanieren, die kleine Nina wird von ihren Eltern beim Essen ständig ermahnt und schließlich heißt es: was machst du, wenn dich die englische Königin in den Buckingham Palast einlädt? (Bei uns lautete die Drohung: euer Onkel durfte nicht Diplomat werden, weil er beim Probeessen versagt hat). Sofort landet ein Flugzeug im Garten und Nina kommt zum großen Diner in den Buckingham Palast, wo sie aber lieber Nudeln mit Ketchup essen möchte, und zwar mit den Fingern, weil sie nicht weiß, welches Besteckteil sie dafür nehmen soll, und weil es mehr Spaß macht. Die Herzöge und Grafen probieren das dann auch aus, Gelegenheit für ein wundervolles Wimmelbild, einem Panoptikum schlechter Tischmanieren. Die Geschichte versucht nicht hintenrum, Kindern eine Moral zu vermitteln, eher werden die Erwachsenen angehalten, sich locker zu machen, wenn es um die Sauerei am Tisch geht. Auf der Seite für die amerikanische Version des Buchs kann man Fotos von seinen bekleckerten Kindern einschicken und dafür ein Buch bekommen. (http://toon-books.com/mayamakesamess/messy-eater-contestants/) Liebe Großeltern: Warum sollte jemand, der mit drei Jahren mit offenem Mund gekaut hat, später nicht mehr in der Lage sein zu lernen, beim Essen den Mund zu schließen? Das ist so unsinnig, als befürchtete man, Kinder, die mit dem Bobby Car unterwegs waren, würden später die Fahrschule nicht schaffen, weil sie ihr Leben lang versuchen, das Auto mit den Füßen vorwärtszubewegen. Für jemanden, der sich als Kind mehr nach dem auch in Ostberlin schwer aufzutreibenden Ketchup gesehnt hat als nach Vanilleeis, und der diesen Ketchup, wenn es ihn einmal gab, wie die Autorin, gerne heimlich aus der Flasche trank, trifft dieses Buch ins Schwarze.

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