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Kinderbücher 12: Metzger möcht' ich gerne sein
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Sonntag, 06.05.2018

Kinderbücher 12: Metzger möcht' ich gerne sein

Sind Kinderbücher Literatur? Warum altern sie dann viel schlechter als Literatur für Erwachsene, bei denen eine gewisse Patina ja ganz reizvoll sein kann? Liegt es daran, daß erwachsene Leser zu einer Anpassungsleistung in der Lage sind, bzw. sogar Vergnügen daran finden, inhaltlich und sprachlich gealterte Texte aus ihrem historischen Kontext zu verstehen und Vergleiche zur Gegenwart anzustellen? Vielleicht ändert sich unsere Vorstellung davon, was für Kinder gut ist, auch nur so schnell, daß die Kinderbücher nicht lange mithalten? Sollen Kinderbücher überhaupt die Werte der Erwachsenen vermitteln? Aber tun sie das nicht automatisch, schon durch die Qualität (oder Minderwertigkeit) der Illustrationen, durch die (oftmals einfältige) Sprache, die man den Kindern zutraut, durch die Bedeutung, die dem Lesen von Kinderbüchern allgemein beigemessen wird (im Widerspruch zur Bedeutung, die das Lesen für die meisten Erwachsenen hat) und durch die hochgradige Zensiertheit der Wirklichkeit, die in Kinderbüchern vorkommen darf?

Beim Spazieren habe ich aus einer Bücherkiste ein Kinderbuch von 1963 gezogen, erschienen im Boje-Verlag Stuttgart. Damals unterschied sich der Stil von Kinderbuchillustrationen aus West und Ost noch gar nicht so stark, bzw. war ähnlich altbacken. Die Illustrationen in "Michael der kleine Mann" wirken zwar einerseits zeitbehaftet-altmodisch, vor allem die Gesichter, aber der Bildaufbau ist im Vergleich zur Vielzahl platt-naturalistisch gestalteter Kinderbücher von heute erfreulich graphisch. Ich gebe dem Buch also eine Chance, vielleicht ist es ja ein vergessenes Juwel. Die Idee des Buchs ist simpel und wurde schon in vielen Kinderbüchern variiert, ein Junge stellt sich vor, wie es wäre, bestimmte Berufe auszuüben, dazu gibt es jeweils ein ganzseitiges Bild und ein Gedicht. Die Berufe sind inzwischen alle ausgestorben: Bäcker, Maurer, Schutzmann, Jäger ("Mit dem großen Schießgewehr/ jag' ich hinter Bären her"/ oder ich fahr' gar zum Nil/ schieße dort ein Krokodil."), Schneider und Bauer ("Brauche niemals lang zu schlafen,/ denn ich muß ja zu den Schafen,/ um zu sehn, ob über Nacht/ nicht der Wolf eins umgebracht.") Gleich als erstes kommt der Schornsteinfeger, mit dem sich im Deutschen so unbarmherzig aufdrängenden Reim: "Bin oft schwarz, grad wie ein Neger!/ Michael, der Schornsteinfeger!" Das N-Wort begegnet einem als Vielvorleser von Kinderbüchern öfter als vielleicht denken würde und selbst in Büchern aus der jüngeren Gegenwart. Sogar in Astrid Lindgrens 1992 bei Oetinger neu aufgelegtem "Lotta aus der Krachmacherstraße" gibt es ein Kapitel "Lotta ist ein Negersklave". Diese Problematik führt schnell zu erbitterten, angestrengt-emotional geführten Debatten. Hilft es, den Text zu ändern? Wird dadurch die Realität beschönigt und die Literatur verfälscht? Ist das Wort rassistisch, auch wenn es nicht so gemeint war? Würde der Autor es inzwischen nicht selbst streichen? Darf Othello von einem weißen Schauspieler gespielt werden, der schwarz angemalt ist? Müßten die Othello-Kekse, ein gar nicht mal so schlecht schmeckendes Ostprodukt, das erstaunlicherweise überlebt hat, nicht umbenannt werden? Beim N-Wort ist die Ideologie offensichtlich, aber wenn man sich seiner entledigt hat, ist man noch lange nicht aus dem Schneider ("Morgens spring' ich, schwupp-di-wisch/ schnell auf meinen Schneidertisch"), denn es bleiben genug andere Fragwürdigkeiten in Kinderbüchern, die versteckter auftreten, Genderstereotypen, Kriegsspiele, rigide Moral- und Verhaltensvorschriften, Hygieneerziehung (Bei "Vater und Sohn" von e.o. plauen legt der Vater den Sohn einmal "übers Knie", ich mußte erklären, was es damit auf sich hat). Je nach persönlichen Wertvorstellungen können noch andere Reizthemen dazukommen, z.B. Fleischkonsum. Das Gedicht über den Metzgerberuf aus "Michael der kleine Mann" ist ein antivegetarischer Kriegsgesang:

"Metzger möcht' ich gerne sein!

Ach, wie wär' das fein!

Stopf die Würste, große, kleine,

dicke, dünne, grobe, feine.

Morgens schon zum ersten Essen

werden sie dann aufgegessen.

Niemals gibt's mehr Marmelade,

denn es wär' ja jammerschade,

würd' das viele Fleisch gar schlecht.

Immer Wurst! Das wär' mir recht!

Abends Wiener, mittags Braten,

und dann Ripple, gut geraten!

Ja, ich esse, was ich kann!

Werde ein gewalt'ger Mann."

Abgesehen von der fragwürdigen, aber gerade bei Männern immer noch verbreiteten, ernährungsphysiologischen Annahme, daß man vom Essen von Fleisch "ein gewalt'ger Mann" werde, kriege ich, obwohl ich leider immer noch Fleischesser bin (immerhin Tendenz Flexitarier) bei der in diesem Text gepriesenen Ernährungsform das Würgen. (Hier und da allerdings auch aus stilistischen Gründen. Wenn man sich z.B. ansieht, wie angestrengt die Doppelung im bei allen Berufen wiederkehrenden Eröffnungsreim vermieden wird: "Ach, wie wär' das fein!" "Ja, das wäre fein!" "Ja, wie wär' das fein!" "Hei, wie wär' das fein!" "Wäre das nicht fein?" "Das wär' auch so fein!") Bei diesem Buch werde ich also aus verschiedenen Gründen in meiner Eigenschaft als oberster Zensurbehörde des Kulturkonsums meiner Kinder aktiv werden.

Ganz zufällig fand ich vor kurzem in einer anderen Kiste auf der Straße ein französisches Bilderbuch aus der Reihe "Collection Petits Pas" für 2-3jährige, das im Titel ("Les mots") Sartre zitiert. Auf dem Buchrücken heißt es: "Petits pas accompagne votre enfant dans la découverte de son univers quotidien". Weil ich bei der Entdeckung meines tägliches Universums auch einmal begleitet werden wollte, und weil ich mir ausrechnete, beim gemeinsamen Angucken des Buchs heimlich mein Französisch auffrischen zu können, habe ich das Buch mitgenommen und tatsächlich etwas gelernt (die "Rutsche" heißt auf Französisch "Toboggan", das Wort stammt aus der Sprache der nordamerikanischen Mi'kmaq-Indianer, bezeichnete einen Schlitten und ist über semantische Verschiebungen von einer Bezeichnung für bestimmte Fahrgeschäfte zum Begriff für Rutsche geworden). Die Wörter sind nach Themen angeordnet "Le terrain de jeu" oder "La maison et le jardin". Bei "à table" haben sich die Vorbesitzer des Buchs die Mühe gemacht, die Bildunterschrift zu einem Glas Milch mit einem sorgfältig bedruckten Papierstreifen zu überkleben, so daß dort nicht mehr "le verre de lait" steht sondern "Rice milk". Über einem Butterstück steht jetzt "Margarine", bei der Pizza "Veggi Pizza". Bei den Eiern ist sogar das ganze Bild mit einem Ausschnitt aus einer Zeitschrift überklebt worden, der "Avocado", "Nuts" und "Banana" zeigt. Und "Les saucisses" sind jetzt "Les saucisses soja". Die Eltern, die das Buch zum Mitnehmen auf die Straße gestellt haben, sind sicher vegan, vielleicht wollen sie ihre Kinder auch vegan aufwachsen lassen und Propaganda für tierische Produkte gehört für sie nicht in ein Bilderbuch. Ist das unentspannt oder konsequent? Hat man als Erwachsener das Recht (oder sogar die Pflicht), die Bücher seiner Kinder zu zensieren? Und tut man das nicht schon durch die Auswahl, die man im Laden trifft? Oder soll man sich nicht einmischen, weil Kontrolle sowieso nicht funktioniert? Sollen Kinderbücher vielleicht gerade Werte vermitteln, die gar nicht unbedingt die der Eltern sind? Ich gehe natürlich davon aus, daß meine Werte die richtigen sind und daß gute Kinderbücher in den Kinderzimmern weniger aufgeklärter Eltern Propaganda dafür machen sollten. Aber ich weiß natürlich, daß das Hybris ist und daß es gut ist, daß meine Kinder der Welt, die ich ihnen zusammenzensiere, irgendwann entkommen und sich selbst ein Bild machen werden. Aus dem korrigierten Kinderbuch der Veganer spricht ein großes Leid, daß die Welt nicht so ist, wie wir Eltern sie uns für unsere Kinder wünschen.

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