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Literatenfunk

Kein Roman? Nein besser!
Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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piqer: Jan Kuhlbrodt
Donnerstag, 30.07.2020

Kein Roman? Nein besser!

„Das Werk ist kein Roman, weil ein Roman begrifflich eine Handlung verlangt. Im „Totenhaus“ passiert nichts, alles ist tot.“; heißt es in einem Lexikoneintrag zu diesem Text von Fjodor Dostojewski. 

Nun liegt das Werk, das kein Roman ist, in einer neuen Übersetzung von Barbara Conrad im Carl Hanser Verlag vor. Es ist die vierte Übersetzung, die ich gelesen habe, und sie hat die mir bislang liebste von Alexander Eliasberg aus dem Jahre 1923 auf den zweiten Platz verdrängt. 

Es war aber auch ein wenig wie bei Lorenz' Experiment mit den Gänsen. Eliasberg war die erste Übersetzung, die ich gelesen habe, und hat meinen Geschmack damals grundlegend geprägt. Es muss also eine gewisse Kraft von der neuen ausgehen, wenn es ihr gelungen ist, diese meine Prägung zu überschreiben. 

Ich glaube, der Dreh- und Angelpunkt für das Gelingen liegt in der Beschreibung einer Theaterszenerie am Ende des ersten Teiles, die für mich auch eine zentrale des ganzen Textes ist. 

Ich bin mir nicht sicher, ob Passagen, die in einem Theater spielen, so provisorisch es auch eingerichtet sein mag, eine besondere Form in der russischen Literatur sind, aber ich finde sie hier am eindringlichsten beschrieben, ob bei Tolstoi, ob in einer Kurzgeschichte des sowjetischen Satirikerers Michail Sostschenko, der die Szenerie aus der Sicht eines Schauspielers beschreibt, dem auf offener Bühne die Brieftasche gestohlen wird, derweil das Publikum sein realistisches Spiel bejubelt.

In Dostojewskis Buch verschwimmen im Theater die Unterschiede zwischen den Häftlingen, oder anders gesagt im Publikum einer Aufführung ebnen sie sich vorübergehend ein. Ach man möchte die gesamte Passage zitieren, so großartig ist sie, stellvertretend sei dies angeführt.

„Neben mir stand Alej in der Gruppe seiner Brüder und der anderen Tscherkessen. Sie alle waren dem Theater leidenschaftlich zugetan und besuchten es dann jeden Abend. Muslims, Tataren und so weiter sind alle, wie mir aufgefallen ist, leidenschaftliche Liebhaber von Theateraufführungen jeder Art.“

Bei Dostojewski, und besonders eindringlich in der Übersetzung von Conrad, wird also beschrieben, wie die Häftlinge des Lagers, in dem der Protagonist und Ich-Erzähler, der in weiten Teilen die Züge des Autors trägt, eingesperrt ist, eine Theateraufführung organisieren und Improvisieren. Die Instrumente sind zu großen Teilen selbstgebaut, den Bass ersetzt ein Tambourin. Die Häftlinge verwandeln sich in Schauspieler, und es sind beileibe keine leichten Verbrechen, derer sie sich schuldig gemacht haben. Im Text vorher erfährt der Leser von brutalsten Morden. Der Erzähler selbst, der vom Autor mit dem Namen Gorjantschikow ausgestattet wurde, ist in das Lager eingefahren, weil er seine Frau getötet hat. Das natürlich unterscheidet ihn von Dostojewski, der aus politischen Gründen einsaß. Und Dostojewski baut so auch eine Distanz auf, um den Eindruck zu vermeiden, er schildere selbst erlebte Realität. Vielleicht kann man sagen, dass die zaristische Zensur so etwas wie Literarizität erzwungen hat. Das knappe Nachwort zum Buch legt das nahe.

Die Theaterszene in der Mitte ist nur ein Aufatmen. Sie beschreibt eine Utopie, einen Möglichkeitsraum, einen fiktiven Ausweg aus den letztlich barbarischen gesellschaftlichen Verhältnissen, die Menschen zu Mördern werden lassen, wo sie sich anderen Orts und unter anderen Umständen in lustige Musikanten verwandeln.

Und diese Situation ist im tristen Lageralltag eben die Ausnahme. Sonst betrachten sich die Insassen mit Misstrauen, soziale und kulturelle Unterschiede werden ausgespielt und ausgestellt, der Alltag ist trist und unerträglich.

Die Sprache in Conrads Übersetzung sei sehr nah an der originalen Dostojewskis, heißt es. Diese Beobachtung habe ich auch schon im Zusammenhang mit Swetlana Geiers Neuübersetzungen von zum Beispiel „Verbrechen und Strafe“ gelesen, was bis dahin als „Schuld und Sühne“ firmierte. Auch Conrad macht aus dem eingeführten "Totenhaus" eben ein "totes Haus", was dem Original näherkommt. Auf jeden Fall bleibt für mich festzustellen, dass wenn diese Behauptung sprachlicher Nähe zutrifft, ich begeistert bin von der Modernität der Sprache Dostojewskis.

Diese Aufzeichnungen seien kein Roman, lese ich immer wieder. Aber, Leute, auch wenn es ein Nichtroman ist, was ist es trotzdem für ein großartiges Werk!

9,1
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Kommentare 2
  1. Yvonne Franke
    Yvonne Franke · vor 14 Tagen

    Toll! Ich freue mich immer, wenn Übersetzer*Innen ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen. Auch, wenn ich bisher nur ein paar niedliche (und ein paar blutige) Fernsehdokumentationen übersetzt habe, fühle ich mich verbunden. Und, du meine Güte: eine Dostojewski Übersetzung!

    1. Jan Kuhlbrodt
      Jan Kuhlbrodt · vor 14 Tagen

      ohne Übersetzerinnen und Übersetzer wäre die Welt ein für uns noch kleinerer Ausschnitt.

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