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Literatenfunk

INSANE
Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Montag, 06.11.2017

INSANE

Tut mir wahnsinnig leid, but we need to talk about the game for a moment, wie Peter Zilahy, der unvergessene "ungarische Andy Warhol" (eigener Klappentext), einst meinte, als er bei einem Writers' League-Event neben der wunderbaren Nina Kunzendorf auf der Bühne stand, die gerade erst wieder toll in dem Vierteiler "Das Verschwinden" zu sehen war (keine sagt so nervig "Hallooo", keine scheisst ihren Mann besser zusammen: "morgen früh bist du weg und wenn Manou stirbt, bring ich dich um") und die damals also wie gesagt neben Peter stand, bereit, die deutsche Version seiner magyarischen Poeme vorzutragen, was diesen aber nicht weiter kratzte, er musste jetzt erstmal eine halbe Stunde über irgendeine Ungerechtigkeit reden, die seinem Team tagsüber auf dem Platz passiert war.

Okay, welche Ungerechtigkeit war meinem Team gestern auf dem Platz passiert? Null drei gegen Hoffenheim, zwei Punkte und vier Tore nach elf Spieltagen, den Abstieg bereits Anfang November praktisch klargemacht (oder sie müssten quasi von jetzt an gewissermaßen jedes zweite Spiel gewinnen...) und ich hab in diesem Leben weiß Gott schon meine Erfahrungen mit fußballinduzierter Depression gemacht, aber was einem hier gerade als Fan passiert, übersteigt das Gesetz jeder Serie. So viel Scheitern, so viel maliziös-manische Zwischenhochs (3:1 im Pokal gegen Hertha, 5:2 in der Euroleague gegen BATE Baryssau...) kann man eigentlich nur noch persönlich nehmen. Denn "Fakt ist": je untauglicher sich das absolut nicht erstligareif verstärkte Team präsentiert, je kamikazehafter der Trainer spielen lässt (Stichwort: vorne Pressing, hinten offen), umso literarischer empfinde ich sie. Ich meine: von solchen Noten müsste sich ein Autor erstmal erholen ("... mittlerweile auch eine psychologische Kiste, wenn schon bei der Ballannahme das Raunen losgeht"). Und sie stimmen ja auch nicht: im Grunde spielt jeder der Spieler (gemessen an dem, was er eigentlich kann) am absoluten Limit und läuft - provoziert von der romanhaften Aussichtslosigkeit des Narrativs Bundesligaspiel - zu seiner relativen Höchstform auf. Kick it like Beckett: Fußball, das schwierigste Spiel.

Aber gestern half nicht mal mehr die Ziellosigkeit der ins Nirgendwohin vorangegangenen Überlegungen. Niedergeschlagen knipste ich in der novemberlichen Halb-sechs-Dunkelheit die Schreibtischlampe an und widmete mich dem motherfucking FAS-Feuilleton, das vom Frühstück übriggeblieben war. - Erklären Sie "niedergeschlagen": INSANE. Selbst die frohe Kunde, dass Goetz' Roman-Erstling jetzt mit einer englischen Edition den sicheren Weg in die "Weltliteratur" (J. Encke) finden würde, konnte mich nicht mehr aufheitern. Hatte ich "Irre" nicht sowieso immer schon für ein englisches Buch gehalten (Hey, U. K. Subs: Run run, this is confrontation street, run run, there ain't nothing here but heat, Sposta!)? Die Übersetzung von Adrian Nathan West geht jedenfalls super los:

I recognized nothing.Let loose from the madhouse, each day in the evening, I would walk to the tunnels of the U-Bahn, not bothering to look around. Had I even caught the scent of spring? Still rattled from the journey, I made my way to my room, and nothing was as it had been before...

In der Düsternis erinnerte ich mich an mein schönstes Erlebnis mit Rainald Goetz (außer, wenn ich ihn mittags bei REWE treffe): Das war seine fabelhaft verstörende Buch-Präsentation von "Johann Holtrop" im Presse-Büro von Suhrkamp gewesen, in der Pappelallee am 1. August 2012 bei 30°. Als man Dr. Postpischil nach dem Autor fragte, verwies diese nur schweigend in eine Ecke, wo etwas wie in einer Performance von David Lynch unter einer dicken schwarzen Decke kauerte. Und nach viertelstündlichem quälenden Warten aller in der Hitze der Büroenge schließlich erleichtert unter seiner Decke hervor- und emporgesprungen kam, als wäre das ganze ja überhaupt nicht seine Idee gewesen (leider nicht im Video). Wenn man die Nerven hat, kann man den Film bis zu Ende gucken und dort den Autor dieser Zeilen auf einem Stuhl neben Maxim Biller (stehend) tapfer klatschen sehen. Es war der Sommer nach dem fünften und bislang letzten Abstieg des FC.

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