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Literatenfunk

Ingolds Endnoten

Ingolds Endnoten

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtDienstag, 28.04.2020


Endnoten sind Anmerkungen, die im Fließtext angekündigt, sich am Ende des Textes, zuweilen auch erst am Ende des Buches finden. Im Gegensatz zu Fußnoten verlangen sie vom Leser ein beständiges Hin-und Herblättern. Man springt im Text, im Buch. Endnoten verlangsamen den Lektürefluss, wenn sie ihn nicht sogar vollständig aus der Metapher des Flusses herausreißen, die Lektüre in eine Art beständiges Hüpfen verwandeln und den Text segmentieren.

„Endnoten“ heißt aber auch ein Buch von Felix Philipp Ingold, das 2019 im Ritter Verlag erschienen ist. Der Untertitel des Buches lautet: „Versprengte Lebens- und Lesespäne“. Es ist ein dickes Buch von über fünfhundert Seiten und enthält Aufzeichnungen zu Lebensmomenten und Lektüren, Begegnungen und Ereignissen, gelesenen und aufgelesenen. Textlich Episodenhaftes wechselt mit Mikroessay und Essay.

Eine längere Passage, die anhand Musils Mann ohne Eigenschaften die Möglichkeit essayistischer Prosa zwischen wissenschaftlicher Präzision und Fiktion auslotet, mag auch für dieses Buch selber gelten. Und dieses Buch ist ein Dokument eines Denkens, das wie es scheint, in keinem Moment Ruhe findet, das; wenn es aufblickt mit der Kopfhaltung den Reflexionsmodus wechselt von Text auf Welt oder eben umgekehrt.

Durschossen sind die Kapitel des Buches von Fotografien, die scheinbar Beiläufiges festhalten und gleichzeitig für die strukturierenden Momente des Blickes geradestehen. Der Blick entbirgt die Geometrie der Umwelt.

Als Ingoldleser, der ich seit nunmehr dreißig Jahren bin, seine Texte empfingen mich im Westen, nahmen mich als slawophilen Leser, der ich schon im Osten war, in Empfang. Allerdings wusste ich im Osten noch nichts von meiner Slawophilie, denn sie war politisch überformt und was mich reizte waren Weltentwürfe russisch-sowjetischer Utopie und die Rettungsversuche Gorbatschows, die Versuche also, der Stagnation zu entkommen, in die das Land geraten war.

Was ich damals nicht wahrhaben wollte, war, dass diese Stagnation in der Sowjetunion kein Innehalten war, auch keine vorübergehende Krankheit, sondern das Ende eines Projektes, dessen Pervertierung schon vor Stalins Machtübernahme in den zwanziger Jahren begann. Genau mit der Vorstellung der Emanzipation wuchs die Verhärtung erpresserischer Machtstrukturen und Gorbatschows Perestroika war die Abwicklung, nicht der Umbau.

In einem Zustand politischer und altersmäßiger Verwirrung, in einem Zustand, der einen ergreift, wenn man ein Land verlässt, das zugleich mit dem Verlassenwerden stirbt, dessen Landschaft sich im Rückblick mit Ruinen füllt, traf ich auf Texte Ingolds, die sich dem zuwandten was am Russischen denn wirklich lebhaft interessant sein sollten, und sie halfen mir meine Lieben zu retten, indem sie mir die Dichtung und die Kunst aus einem Nebel politischer und ideologischer Verschleierung zu klären halfen, soweit etwas zu klären, aufzuklären war. Einiges begegnet mir in diesem Buch wieder, aber es erweitert den Blick weit darüber hinaus, aber in einem Eintrag, der mit dem Datum 2018-07-14 überschrieben ist, kommt Ingold selbst darauf zurück, und mit einer grimmig desillusionierten Haltung konstatiert er:

„Die Wende war als Möglichkeit vorgegeben, vollzogen wurde sie nicht. Statt dessen verfestigten sich einerseits die Beharrungskräfte des politischen Systems, und der kollektivistischen Volkstradition, andererseits übernahm Russland, statt sich seiner selbst zu vergewissern, weitgehend kritiklos und bemerkenswert rasch, was aus dem Fundus des einstigen ideologischen Gegners zu bekommen war, vorab die immateriellen Güter der Unterhaltungsindustrie und der sozialen Medien.“

Dieser Gedanke könnte ein Fazit und ein Abschluss sein, ist es aber bei weitem nicht, denn einerseits erweist sich der Fundus der Überlieferung als unerschöpflich allein in der Hinsicht, dass sich seine Texte als niemals ganz erklärt erweisen, und andererseits kann es vorkommen, dass einem bei einem Spaziergang ein Schmetterling in den Mund fliegt.

"Aber plötzlich, nach einer wegwerfenden Kopfbewegung, hatte ich das Tier im Mund – unversehens eine Beute, obwohl doch ich der Gejagte war."

Und auch die Russlandsache gewinnt in der Geschichte seinen episodenhaften Charakter. Im Leseleben und Lebensleben tritt sie zur Seite, macht Reflektionen Platz über Autoren wie etwa Hans Blumenberg oder Vilém Flusser.

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