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Literatenfunk

Ilias 1
Jochen Schmidt
Schriftsteller und Übersetzer
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piqer: Jochen Schmidt
Samstag, 28.03.2020

Ilias 1

In einem schneereichen (war es das überhaupt?) Wintersemester besuchte ich ein Seminar über Georg Lukács' "Theorie des Romans", einerseits weil mir das Buch als einer der schönsten philosophischen Texte empfohlen worden war (und weil es zudem von einem Autor stammte, der zu Ostzeiten als im Stalinismus in Ungnade Gefallener in bestimmten Kreisen gelesen wurde), andererseits weil mir kein Roman einfallen wollte und ich mich der Sache theoretisch nähern wollte, vielleicht war es ja gar nicht mein Versagen, sondern es war in unserer Zeit aus philosophisch-ästhetischen Gründen nicht mehr möglich, Romane zu schreiben? Der Dozent hatte zwar versucht, das Seminar gar nicht erst zustande kommen zu lassen, indem er ein paar Wochen lang Entschuldigungs-Post-its an die Tür hängte, es wurden auch immer weniger Studenten, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatten, aber 2-3 blieben doch, darunter auch ich. Das ganze Semester reichte mir nicht, um Lukács' Text zu verstehen, den ich mir erst mühsam besorgen mußte, was damals deutlich schwerer war als heute. Daß er großartig war und es sich gelohnt hätte, erschloß sich mir immerhin, in meiner Ausgabe ist fast die Hälfte aller Sätze mit Bleistift unterstrichen, aber ich hatte die vielen Texte, auf die der Autor sich bezog, nicht gelesen. Die "Ilias", "Krieg und Frieden", Dostojewski, "Don Quichotte", Balzac, Dante, "Oblomow", Flauberts "Éducation sentimentale" (was für ein quälender Brocken!), von Hegel, Kant oder Kierkegaard ganz zu schweigen. Seitdem arbeite ich immer noch diesen speziellen Kanon ab, um mich dann irgendwann noch einmal an Lukács zu wagen und den Text nicht nur zu bewundern, sondern auch zu verstehen. Eine zentrale These war, soviel hatte ich mitbekommen, daß es in der Moderne kein Epos mehr geben kann, und daß seinen Platz der Roman eingenommen hat, was mit der Seele des Helden zu tun hat, die "entweder schmäler oder breiter ist als die Außenwelt", breiter im Epos, schmäler im Roman.

Wenn man die Ilias lesen will, muß man sich zunächst für eine Ausgabe und eine Übersetzung entscheiden, es sei denn, man möchte sie gleich mehrmals lesen. Vor ein paar Wochen bin ich zufällig auf ein Heftchen der Pirckheimer-Gesellschaft zu einer Ausstellung der Berliner Staatsbibliothek über den großen Illustrator Werner Klemke gestoßen, und habe erfahren, daß er nicht nur viele klassische Kinderbücher illustriert hat ("Hirsch Heinrich", "Mauz und Hoppel", "Ferdinand der Stier", "Das Wolkenschaf", "Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm"), sondern auch über 800 literarische Werke, denn er war ein großer Leser und seine Bibliothek umfaßte 20000 Bände (er war "Ehrenleser" der Staatsbibliothek und hatte als solcher freien Zugang zu den Büchermagazinen, das wäre doch noch ein Lebensziel!). Zudem hat er oft als Buchkünstler die ganze Herstellung übernommen, also Papierauswahl, Lettern, Satzanordnung, Buchschmuck, Schutzumschlag. Die Arbeit begann für ihn schon mit der wichtigen Entscheidung für das Format: "Schon das Festlegen der Höhe und Breite der Buchseite ist eine Aufgabe für einen bildenden Künstler und eine sehr verantwortungsvolle dazu", wobei es ihm darum ging, "keine bibliophilen Ausgaben für wenige" herzustellen, "sondern Massenauflagen mit hohem technischen Stand des Illustrators, Buchgestalters und des Druckers, ästhetisch dem Buch entsprechend." In "Kurze Betrachtung über illustrierte Bücher", einer siebenteiligen Serie, die er 1966/67 für die "Sibylle" schrieb, sagt er: "Schönheit ist kein Luxus – Schönheit ist lebensnotwendig." (Eine Aussage, die immer wahrer wird, je weniger wir danach leben.) Das erste von Klemke illustrierte Buch, das ich offiziell lesen mußte, war denn auch ein Bestseller, meine Schulfibel (genau wie die ersten Russischbücher, deren Illustrationen wir allerdings oft aus Langeweile ergänzt haben.) Da ich aus der erwähnten Publikation erfahren habe, daß es eine 1972 im Aufbau-Verlag erschienene, von Werner Klemke illustrierte Ilias-Ausgabe gibt, habe ich mich für diese Übersetzung entschieden. Sie stammt von Gerhard Scheibner, einem Alt-Philologen, der später auch die Odyssee übertragen hat und 1994 gestorben ist. Seine Ilias ist eine Prosa-Übersetzung, was mir persönlich lieber ist als deutsche Hexameter, und fast zeitgleich mit der eines seiner Lehrer Wolfgang Schadewaldt erschienen. Als 2017 die letzte große Ilias-Übersetzung, diesmal in Hexametern, erschien, wurde in vielen Rezensionen auf Schadewaldts Übersetzung Bezug genommen, Scheibner aber, soweit ich es überblicke, nie erwähnt. (Die Odyssee ist übrigens noch nie von einer Frau ins Deutsche übersetzt worden, was mit Bildungsgerechtigkeit zu tun hat und nicht ohne Konsequenzen für die Interpretation des Textes ist, wie hier ausgeführt wird.)

Auf die Herstellung der zweibändigen Ausgabe, die antiquarisch billig zu haben ist (die neue kostet 99 Euro, für mindestens zehn Jahre Arbeit natürlich immer noch viel zu wenig) wurde große Sorgfalt verwandt. "Das Papier lieferte der VEB Druck- und Spezialpapiere Nossen", "die buchbinderische Verarbeitung übernahm das Karl-Marx-Werk Pößneck", das Buch ist in der "Korpus Baskerville" gesetzt. Die beiden Bände enthalten 137 oft doppelseitige Illustrationen von Werner Klemke, die in einem ganz anderen, viel skizzenhafteren Stil gearbeitet sind, als man ihn aus seinen Kinderbüchern kennt. Er war ein sehr facettenreicher Illustrator, der als unstudierter Autodidakt verschiedenste Techniken beherrscht hat, insbesondere natürlich den Holzschnitt. Für die Ilias zeichnet er mit Ölkreide. Die Griechen und Trojer sehen bei ihm kreatürlich aus, oft sind sie halbnackt oder nackt, mit ausgemergelten Gesichtern, gebeugt und vom Alter gezeichnet, im Tod ein Bild des Elends abgebend. Auch die Götter sehen sehr menschlich aus, Zeus sitzt mit dickem Bauch und schlaffen Altmännerbrüsten nackt und mißmutig auf seinem Sessel. Ich denke, man merkt den Zeichnungen an, daß Klemke den Krieg noch als Soldat erlebt hat, die vielen Gewaltszenen zeigen das Leid, das sich Menschen zufügen, das Elende und Einsame des Sterbens.

Eines vorweg, eine Enttäuschung bei der Ilias-Lektüre war für mich, daß ich vergebens auf das Trojanische Pferd gewartet habe, von dem in diesem Epos keine Rede ist. Die Handlung bricht sogar noch vor der Einnahme der Stadt ab. Trotzdem hat mich die Vorfreude auf das Pferd und damit auch auf ein bißchen Abwechslung vom öden Gemetzel bei der Stange gehalten. Das Epos wird als Beginn der europäischen Literatur gefeiert, und es hat natürlich viele Elemente, die für den, der sich auskennt, vollkommen neu und bewundernswert sind, die man aber als moderner Leser selbstverständlich findet und von einem Buch erwartet. Daß die Handlung Spannung bekommt, weil eben nicht chronologisch erzählt wird, sondern das zentrale Motiv der Zorn des Achilleus ist, der den bis heute durch Hollywoodfilme ("High Noon") geisternden Typus des zögernden Helden verkörpert. (So, wie man die Technik des Spin-offs von damals kennt: Orestie, Aineas, Philoktet. Eines der skurrilsten Spin offs ist vielleicht Pierre de Ronsards unvollendeter Versuch einer "Franciade", in der er Astyanax, den Sohn von Hektor, überleben und unter dem neuen Namen "Francus" Frankreich gründen läßt. Wobei seine Dichtung gleichzeitig der Grundstein einer neuen, klassischen, französischen Literatur sein sollte.)

Neu und bemerkenswert ist auch, wie Homer Vergleiche nutzt, um Weltwissen in den Text zu schmuggeln, manchmal hat man fast schon das Gefühl, daß er lieber von etwas anderem erzählen würde als vom Krieg. Oft stammen sie aus dem Bereich der Meteorologie, oder er bezieht sich auf das Meer und die vielen Arten, wie Wellen aussehen können, aber oft auch auf die Landwirtschaft:

"Und wie die vielen Völker von wimmelnden Fliegen, die im Viehstall immer im Frühjahr herumschwärmen, wenn die Milch in die Kannen fließt: so viele langhaargeschmückte Achaier stellten sich in der Ebene gegen die Troer, begierig, sie zu zerschmettern."

Manchmal wird aus dem Vergleich eine ganze Abschweifung:

"Da stürzte er zu Boden in den Staub wie eine Schwarzpappel, die in der Niederung einer großen Sumpfwiese glatt gewachsen ist und nur an ihrer obersten Spitze Äste trägt und die ein Wagenbauer mit blankem Eisen abhaut, um daraus den Radkranz für einen herrlichen Wagen zu biegen, und sie liegt nun verdorrend am Flußufer."

Das selten benutzte Verb "worfeln" lädt zu Nachforschungen ein (eine Technik, mit Hilfe des Winds die Spreu vom Getreide zu trennen):

"Aber die Argeier hielten dichtgedrängt stand und ließen sich nicht schrecken. Wie der Wind, wenn die Männer Getreide worfeln, die Spreu über die heiligen Tennen hinträgt – und dann die blonde Demeter im Treiben der Winde Körner und Spreu trennt, daß die Spreuhaufen wachsen, von unten an weiß -: so wurden jetzt die Achaier von obenher weiß durch den Staub, den die Hufe der Rosse mitten durch ihre Reihen bis zum ehernen Himmel stampften, als die Wagen der Achaier wieder hinter die Linien zurückkamen, denn die Lenker hatten gewendet."

Manche Vergleiche sind auch ziemlich schräg:

"Wie wenn Feigenlab die weiße Milch beschleunigt gerinnen läßt, die eben noch flüssig war, und sie rasch beim Rühren erstarrt: so rasch heilte Paiëon den stürmischen Ares."

In der Summe bekommt man den Eindruck, daß dieses Epos das gesamte Weltwissen seiner Zeit festhält (was einem heutigen Romanautor sicher übelgenommen würde). Die Freude an der Realität, die daraus spricht, die Neugier auf das menschliche Dasein, berühren durchaus:

"Sofort schwärmten die Myrmidonen aus wie die Wespen am Wege, die die Knaben zu necken und fortwährend zu reizen gewöhnt sind, weil sie an der Straße ihr Nest haben. Die törichten Knaben! Denn sie bereiten damit vielen ein gemeinsames Unglück. Wenn dann irgendein Wandrer vorbeikommt und sie ungewollt aufstört, fliegt eine jede mutigen Herzens hervor und schützt ihre Brut."

Neu und bewegend ist sicher auch der Schluß des Epos, der endlich einmal nicht vom Kampf handelt, sondern von einer menschlichen Geste, wenn Priamos das Risiko auf sich nimmt, von Achilleus oder einem anderen Griechen erschlagen zu werden, als er alleine zu dessen Zelt geht, um für ein unermeßliches Lösegeld um die Leiche seines Sohnes Hektor zu bitten. Achilleus gewährt ihm das, auch wenn er nicht will, daß Priamos die Leiche schon vor dem gemeinsamen Abendessen sieht, weil seine Tränen ihn dann reizen könnten, ihn doch zu töten (Impulskontrolle ist nicht die Stärke dieses äußerst unsympathischen Helden.) Andererseits ist mir der greise Priamos nicht weniger unsympathisch, der ganze 50 Söhne hat (19 von derselben Frau, die anderen "gebaren mir Weiber im Hause") und, bevor er seinen Bittgang antritt, noch die Zeit findet, seine überlebenden Söhne als Feiglinge zu beschimpfen, nur die, die etwas taugten, sind bereits gefallen:

"Ihr schlechten Kinder und ehrlosen Kopfhänger! [..] übriggeblieben sind nur all diese Feiglinge, Betrüger und Tänzer, Helden im Reigenstampfen und Räuber der Lämmchen und Böckchen im eigenen Lande!".
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Kommentare 1
  1. Dominique Lenné
    Dominique Lenné · vor 2 Monaten

    Wow da hat man man richtig was zu lesen bekommen. Habe vor Zeiten die Odyssee in Prosatext gelesen und dort kam mir eine Sache sehr modern vor: die genüssliche Beschreibung, wie etwa des Odysseus Pfeil in den Hals des Freiers sticht, so dass diesem das Blut aus dem Mund kommt - das ist amerikanische Zeitlupen-Detailaufnahme, wie der Soldat von der Gewehrkugel durchschlagen wird. Es gibt nicht Neues...

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