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Literatenfunk

Igort: Berichte aus Japan 2
Jochen Schmidt
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piqer: Jochen Schmidt
Freitag, 15.03.2019

Igort: Berichte aus Japan 2

Wo will ich eigentlich noch hin im Leben? Patagonien? Neuseeland? Wladiwostok? Eigentlich ja überallhin, aber ein bißchen mehr nach Japan, darauf bereite ich mich seit Jahren vor. Ich fühle mich dabei wie die japanischen Rangaku-Wissenschaftler, "Hollandkundler", Spezialisten, die in der Zeit der Isolation Wissen über den Westen zusammentrugen, ohne ihn je bereist zu haben. Erfahren habe ich davon durch die Lektüre von Inoues "Der Sturm".

Tüchtig angeheizt wurde meine Japan-Sehnsucht noch einmal durch "Berichte aus Japan - Eine Reise ins Reich der Zeichen" des italienischen Comic-Autors Igort, der ein Jahrzehnt lang in Japan gelebt und für japanische Manga-Verlage gearbeitet hat. Der Band hat jetzt eine Fortsetzung bekommen: "Berichte aus Japan - Ein Zeichner auf Wanderschaft". Er ist das Ergebnis einer Wiederbegegnung mit Japan, das Land und seine Hauptstadt haben sich in der Zwischenzeit verändert, viele Gebäude sind verschwunden, es fällt Igort schwer, sich mit der Vergänglichkeit abzufinden, oder ihre Schönheit zu feiern, wie Japaner es tun. Er nimmt sich vor, ohne konkretes Ziel im Land unterwegs zu sein, er will herumwandern, wie der große Haiku-Autor Basho: "Er hatte über Jahre gelernt, den Augenblick vollkommen auszukosten und in Poesie zu übertragen." Und dann so zu schreiben:

"Wie kühl die Melone
schlammbespritzt
im Morgentau"

Weisheit und Gelassenheit durch Poesie. Wabi, die Freude am Einfachen und Unscheinbaren, Sabi, die Wertschätzung der Unvollkommenheit. Unsere westliche Hochkultur hat kein vergleichbares Konzept der Schönheit entwickelt. Es taucht in einer Schrumpfform manchmal auf, wenn bei "Bares für Rares" für Patina geworben wird. Die Mehrheit zieht makellose, glänzende Flächen vor und Holz wird in Klarlack ertränkt. In Japan gibt es dagegen die Kintsugi-Technikeine Reparaturtechnik für Keramik, bei der die Bruchstellen durch Goldstaub sichtbar gemacht werden, weil zu existieren Blessuren bringt, deren Schönheit man würdigen kann, statt sie zu verstecken. Unsere allgemeine Baumarkt-Ästhetik weiß davon nichts.

Igort geht nachts über den größten Friedhof Japans, er besucht eine Gegend mit Holzhäusern, in deren Dachgeschossen Großfamilien jahrhundertelang Seidenraupen gezüchtet haben, in Izumo sieht er sich traditionelle Papierherstellung an. Das besonders dünne und haltbare Washi-Papier wurde für kaiserliche Erlasse verwendet und hat später dazu beigetragen, den Buddhismus zu verbreiten:

"Anfangs waren die Gebote auf Holztafeln geschrieben. Man brauchte große Wagen, um sie zu transportieren. Als sie auf Izumo-Papier geschrieben wurden, konnte ein einzelner Mann sie tragen, und so hat sich die buddhistische Lehre in Windeseile in ganz Japan verbreitet."

Er verehrt den Zen-Buddhisten Dogen Zenji, der bei alltäglichen Verrichtungen meditierte:

"Übt euch in ruhiger Distanz. Übt euren Geist darin, das Gemüse als das zu sehen, was es ist. Ein Gericht ist nicht unbedingt wertvoller, weil ihr es mit erlesenen Zutaten zubereitet. Denn auch das Berühren und Auswählen eines einfachen Gemüses kann ein Weg zur Erleuchtung sein."

Er besucht die beiden Felsen in Ise, die durch ein Reisstroh-Tau verbunden sind, das mehrmals im Jahr erneuert werden muß.

Er fährt zum ersten Mal nach Hiroshima.

Hin und wieder zeichnet er sich allein beim Wandern durch eine Stadt oder eine Landschaft. Das Comic-Medium eignet sich sehr gut, um Spaziergänge festzuhalten, etwas, wovon ich als Autor immer träume, weil es so mühsam ist, seine materielle Umwelt zu beschreiben (oder solche Beschreibungen zu lesen.)

Es gibt aber auch das andere, moderne Japan, das die seltsamsten seelischen Deformationen und postreligiösen Kulte hervorbringt. Das Phänomen der "Otaku", Fans, die sich obsessiv mit Manga, Anime und Videospielen beschäftigen und kaum noch vor die Tür gehen. "Hikikomori", Eremiten der Megacity, neue Einsiedler, die sich völlig aus der Gesellschaft zurückgezogen haben, teilweise leben sie noch bei ihren Eltern und sind ihnen peinlich. Sie sind Opfer des allgemeinen Produktivitätszwangs, Menschen, die oft an der Schwelle von der Oberschule zur Uni an den gesellschaftlichen Ansprüchen scheitern. Igort hat die bedingungslose Aufopferung für die Firma in seiner Zeit als Manga-Autor erlebt. In den Räumen des Verlags lagen immer Kartons rum. Nach ein paar Monaten fragte er, wozu die Kartons seien.

"Du kommst doch jetzt schon so lange hierher. Hast du es immer noch nicht durchschaut?"
"Nein."
"Darin schlafen die Redakteure."

Er freut sich in einem Restaurant über Plakate aus den 50ern, die ihn an die Moga-Mobo-Bewegung (Modern Girls Modern Boys) aus den 10er und 20er Jahren erinnern. Er gönnt sich einen Ausflug in ein Mandarake-Kaufhaus, mehrere Etagen mit Manga und altem und neuem Spielzeug. Das lärmende, bunte, moderne Japan mit seinen Phantasiewelten und das alte Japan, dessen Geheimnis in der Stille verborgen liegt, der Widerspruch zerreißt ihn nach wie vor.

Am Schluß gibt es ein paar Seiten über das Wind-Telefon in Otsuchi, eine Stadt, die 2011 durch einen Tsunami fast vollständig zerstört wurde. In der gläsernen Telefonzelle kann man von einem nicht angeschlossenen Wählscheiben-Apparat aus mit seinen Angehörigen sprechen, die der Katastrophe zum Opfer gefallen sind, was in den drei Jahren nach der Katastrophe ca. 10000 Menschen getan haben.

Japan, ich muß nach Japan!

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Kommentare 1
  1. Heinke H.
    Heinke H. · Erstellt vor 2 Monaten ·

    Ich will mit!