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Literatenfunk

Ich nehme an einem Speeddating teil und lerne die Zukunft kennen
Jan Brandt
Schriftsteller

Geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), veröffentlichte 2011 den Roman "Gegen die Welt" und 2015 den Reisebericht "Tod in Turin". 2016 erscheint "Stadt ohne Engel – Wahre Geschichten aus Los Angeles".

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piqer: Jan Brandt
Freitag, 29.04.2016

Ich nehme an einem Speeddating teil und lerne die Zukunft kennen

Es kommt ja nicht oft vor, dass man jemandem begegnet, der kurz darauf berühmt wird. Gerade, wenn die Zeit dazwischen extrem kurz ist. Im Sommer 2014 war ich beim Prosanova-Literaturfestival eingeladen, das alle drei Jahre an wechselnden Orten in Hildesheim stattfindet, initiiert von der Zeitschrift Bella Triste. In einer leerstehenden Hauptschule gab es Lesungen, aber auch viele experimentelle Veranstaltungen: Frühstücksgespräche, Performances, Live-Hörspiele, Vorträge mit Kommentarfunktion und ein Speeddating, bei dem Leser und Schriftsteller einander näher kommen sollten. Ich hatte mich dazu bereit erklärt mitzumachen und mir vorgenommen, möglichst viele Fragen zu stellen, um selbst möglichst wenig reden zu müssen.

Am Abend zuvor hatte es eine Party in der Turnhalle gegeben und am nächsten Tag saßen wir uns an Tischen, die aus zusammengeklebten Büchern bestanden, gegenüber. Zehn Autoren, zehn Leser, fünf Minuten Gespräch. Dann ertönte ein Gong, und alle Leser rutschten einen Platz weiter. Sie trug einen schwarzen Hut, einen beigen Trenchcoat, Bluse und Jeans. „Hi“, sagte sie, „Ronja“ und reichte mir ihre Hand über den Tisch hinweg. „Ich glaube, es ist ganz schön schwierig, verkatert ins Speeddating zu gehen. Ich stand noch lange hinter der Bar. Vom Unterhaltungswert ganz gut, aber es tut der Wahrnehmung nicht gut und ich verschenk auch so gern Sachen, hinter der Bar werde ich Kommunistin. Da dürfen dann alle mal.“

„Hast du das zum ersten Mal gemacht?“, fragte ich.

Und sie sagte: „Ja, aber sonst hab ich jeden Job schon gemacht. Ich hab einen Single-Ratgeber lektoriert, hab da so Sachen reingeschrieben wie ‚Seid ihr sicher, ob es Mr. Right ist oder Mr. Right Now?’ Ich habe armen Kindern die Hausaufgaben durchgesehen. Ich hab gemodelt, ich hab o2-Flyer verteilt, und ich wurde mal dafür bezahlt mit Badstuber auf eine Party zu gehen und ein weißes Kleid zu tragen.“ Sie erzählte, dass sie literarisches Schreiben hier in Hildesheim studiere und ihren Master machen wolle und fragte mich, woher man wisse, wann der Text fertig sei.

„Das ist mehr so ein Gefühl“, sagte ich und fragte sie schnell, ob sie an einem Roman arbeite.

Und sie sagte: „Ich finde Romane zu schwierig. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll. Ich glaube, ich habe einfach nicht den Biss, ich schaff’s nicht. Oder ich bin noch nicht so weit. Das ist die Hoffnung.“

Und dann schlug jemand einen Gong und sagte: „So, meine Lieben, jetzt rückt alle eins weiter.“

Nach Ronja kamen Inken, Benedikt, Nora, Hannah, Manuela, Jacqueline, Matthias und Immo (der zwei Frauen im Arm hatte). Aber an das, worüber wir geredet haben, kann ich mich viel weniger genau erinnern, womöglich weil der erste Eindruck der stärkste war.

Sieben Monate später war Ronja Stadtgespräch in Berlin, Ronja von Rönne, die Rönne, wie von da an alle sagten. Es hieß, sie habe ihr Studium in Hildesheim abgebrochen, auf zwei Partys um Silvester herum einer Lektorin des Aufbau-Verlages und einer Redakteurin der Welt am Sonntag so lange gesagt, wie schön sie beide seien, bis sie zwei Verträge in der Tasche hatte, einen für ein Buch und einen für eine Redakteursstelle.

Mitte Februar 2015 traf ich sie auf einer Geburtstagsparty in der Kreuzberger Kneipe Mysliwska wieder. Wir saßen in einer größeren Gruppe zusammen, ich unterhielt mich mit jemandem über Drogenerfahrungen, und Ronja beugte sich zu uns und sagte: „Nimm bloß kein LSD, damit hätte ich mich mal fast umgebracht, ohne Scheiß jetzt.“ Dann drehte sich weg und sprach mit anderen weiter, als wäre nichts gewesen.

Mit Artikeln wie „Ich, ich, ich – eine Bloggerin interviewt sich selbst“, „Weg mit den Schriftstellern“ und „Warum ihr alle psychisch gestört seid“ festigte Ronja in wenigen Wochen ihren Ruf als Krawalljournalistin und löste mit „Warum mich Feminismus anekelt“ einen Shit-Storm aus. Kurz darauf nahm sie mit dem Text „Welt am Sonntag“ am Bachmann-Wettbewerb teil und trat in einem Video der österreichischen Band Wanda auf.

Und im Frühjahr 2016, nicht einmal zwei Jahre nachdem sie zu mir gesagt hatte, dass sie nicht genug Biss habe, um einen Roman zu schreiben, erschien ihr Debütroman Wir kommen. Er handelt von einer Frau, die vom Land in die Stadt zieht, sich auf eine Viererbeziehung einlässt, eine alte Freundin verliert, Panikattacken bekommt und bei einem Therapeuten landet, der ihr rät, alles, was sie erlebt hat, aufzuschreiben, so detailliert wie möglich. Der Text, der dabei entsteht, erzählt von dieser komplexen Beziehung, von einer verwahrlosten Wohlstandsjugend und ihrer eigenen Isolation. Es stehen viele superschlaue Sätze darin, die sich prima für Kalender eignen, Sätze wie diese: „Unglück ist etwas für Leute mit Talent, die darüber Bücher und Songs schreiben können, von denen dich dann Leute ohne Talent, wie ich, verstanden fühlen. Ohne Talent unglücklich zu sein, ist sinnlos.“ Die Orte sind konturlos, die Figuren flach, ihre Geschichte dreht sich um sich selbst. Aber all das ist Absicht. Es ist, als bediene sich Ronja von Rönne der Requisiten von Romanen, um zu zeigen, wie man, ohne viel zu erzählen zu haben, einen Roman schreibt. Ein Metatext. Eine Versuchsanordnung. Ein Erzählexperiment. „Ich vertrieb mir die Zeit damit, Dinge mit Symbolik und Metaphorik zu beladen“, heißt es einmal. Und ein andermal: „…ständig war alles Kulisse in diesem seltsamen Stück, das jeden, einschließlich der Darsteller, langweilte und trotzdem nicht enden wollte.“ An keiner Stelle hat man das Gefühl von Dringlichkeit: dass dieses Debüt lange in ihr gereift wäre und unbedingt hätte erscheinen müssen. Vielmehr erweckt es den Eindruck, sich durch den Stoff durchgebissen zu haben und etwas fertigzustellen, das es bis jetzt noch nicht gegeben hat: den Anti-Roman-Roman. Als habe sie ihren ehemaligen Kommilitonen beweisen wollen, zu was so ein hyperreflexives Studium des Kreativen Schreibens führt.

Beim Prosanova-Festival kam sie nach dem Speeddating noch einmal zu mir zurück und sagte: „Autoren sind alle so verrückt und humorlos. Die trauen sich nicht, etwas Falsches zu sagen.“ Jetzt hat sie die Seiten gewechselt. Jetzt sitzt sie auf der anderen Seite des Büchertisches. Jetzt ist sie eine von uns. Aber im Gegensatz zu den meisten von uns traut sie sich, Fehler zu machen.

Ronja von Rönne: Wir kommen. Aufbau 2016.

5,7
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Kommentare 1
  1. Leopold Ploner
    Leopold Ploner · vor mehr als einem Jahr

    Meta-Text, Anti-Roman, mag ja alles sein. Ich finde nur als Leser diese Ansammlung von Kalendersprüchen ausgesprochen zäh.