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Literatenfunk

Andreas Merkel
"Die Problematik des Ich angesichts der Erfindung und Abschaffung des Anderen"

Romankritiker und Keeper in Berlin. Aktuell: "Fanfibel 1.FC Köln" (culturcon). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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piqer: Andreas Merkel
Dienstag, 31.10.2017

Human - die Gedichtinterpretation

Ausgerechnet die hochkulturellen Lowlifer von der FAZ gönnen ihren Leserinnen im Online-Bereich eine super Anthologie mit Gedichtinterpretationen zu Pop-Songs. Natürlich wird das aktuell weltweit tonangebende Genre des sogenannten Post R'n'B (mit maßgeblichen Autoren wie Frank Ocean, Kendrick Lamar, Travis Scott oder Kanye West) komplett nicht beachtet. Und auch die sonstige Song-Auswahl ist ein bisschen vorhersehbar (Beatles, "A Day In A Life") bis verschnarcht - gestern wurde zum Beispiel mit "Everlasting Everything" der langweiligste Songs von Wilco besprochen.

Aber hin und wieder hauen sie halt auch mal einen raus. Mit Fiona Apples "Container" und vor allem "Human" von den Killers haben sie sicherlich zwei der besten Gedichte der letzten beiden Jahrzehnte in ihre Pop-Anthologie aufgenommen.

"Container" kennen die meisten vermutlich aus dem Vorspann der Serie "The Affair". Zu Bildern von Atlantikwellen vor Montauk singt Fiona Apple vom Todesschrei in einen Canyon und von der Beerdigung eines Mannes, den das lyrische Ich niemals kannte, dessen verwitwete Braut danach deinen Vater traf - und dann machten sie dich! Unklar bleibt, wer das sterbende Ich, das angesprochene Du und die Elterngeneration sein soll, aber vielleicht gilt für sie alle am Ende: I’ve only one thing to do and that’s/ Be the wave that I am and then/ Sink back into the ocean. (Kai Sina kann das noch besser erklären, auch wenn es des Tom Waits-Querverweises am Ende nicht bedurft hätte.)

Noch toller ist allerdings "Human" von der "amerikanischen Krawallband" The Killers, mit den unvergesslichen Eröffnungszeilen: I did my best to notice/ When the call came down the line/ Up to the platform of surrender/ I was brought, but I was kind/ And sometimes I get nervous/ When I see an open door...

Was wie ein harmloser Disco-Weltraum-Song beginnt, wird von Rose-Maria Gropp wunderbar weniger auf den Punkt, als vielmehr in einen ebenso akademischen wie enigmatischen Kontext gebracht - hat ein popsüchtiger Mormone aus Las Vegas wie Brandon Flowers tatsächlich Rilkes "Duineser Elegien" gelesen? Was hat es mit der nietzscheanischen Entscheidung zwischen Mensch oder Tänzer auf sich: Are we human or are we dancer?

Natürlich Dancer. In echt nur ohne Plural. 

Human - die Gedichtinterpretation
8,9
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