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Literatenfunk

Günters außerordentliche Bescheidenheit

Günters außerordentliche Bescheidenheit

Jan Kuhlbrodt
Autor und Philosoph

*1966 in Karl-Marx-Stadt
Studium in Leipzig und Frankfurt am Main
Redakteur bei EDIT und Ostraghege
freier Autor
letzte Veröffentlichungen: Kaiseralbum (Verlagshaus Berlin), Das Modell (Edition Nautilus), Die Rückkehr der Tiere (Verlagshaus Berlin)

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Jan KuhlbrodtSonntag, 25.04.2021

Im Verlag parasitenpresse wurde ein russisches Jahr ausgerufen. Das heißt, dass dort sowohl Arbeiten russischer Autoren in deutscher Übersetzung erscheinen als auch Werke deutschsprachiger Autoren und Autorinnen in russischer Sprache. Zum Auftakt erschienen das „Handwörterbuch der russischen Seele“ von Alexander Estis und die russische Version von Thomas Podhostniks großartigem Text „Unter Steinen“, der vor Kurzem schon auf Deutsch erschienen war. 

Gerade frisch in dieser Reihe erschienen ist: Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen. Der Autor Lew Naumow wurde 1982 in Leningrad geboren.

Die titelgebende Geschichte erzählt von Günter, einem Philosophen, der vielleicht ein Werk hinterlassen hätte, wenn es einen Namen dazu gäbe, aber nicht einmal die Authentizität des Vornamens Günter ist gesichert, so bleiben in den Bibliotheken nur die Werke und Namen der anderen Philosophen, deren Rekonstruktion sich Günter letztlich Zeit seines philosophischen Lebens gewidmet hat. Von Heraklit bis Sartre verdanken diese Denker letztlich allesamt ihre Existenz dem unermüdlichen Bemühen eines nicht benannten Unbekannten, dem provisorisch der Name Günter zugeordnet wurde und wird.

Günter ist letztlich die Bedingung der Möglichkeit Hegels und Heideggers, deren Ruhm vom seinem Nichtruhm, dem des Unbekannten, begründet ist. Zumindest könnte so die Auslegung dieser Ebene der Erzählung lauten.

Aber eine Erzählung ist vor allem auch Sprache. Der Dresdner Fachübersetzer Dirk Bretschneider hat Lew Naumows Erzählungen ins Deutsche gebracht, und man merkt seiner Übersetzung an, dass er in der Tradition der russischen Kurzgeschichte hervorragend bewandert ist. Und was ist das für eine Tradition!! Puschkin, Leskow und so weiter. Tschechow. Man könnte einen nicht endenwollenden Schwanz großer Namen an dem schwarzen Hündchen befestigen. Im 20. Jahrhundert differenziert sich das ganze noch aus.

Die heimliche Welthauptstadt der Kurzgeschichte ist meiner Ansicht nach ohnehin St. Petersburg. Jene Stadt, die unter wechselndem Namen immer wieder große literarische Bewegungen hervorgebracht und um die Gattung der Kurzgeschichte besondere Verdienste erworben hat. Allein die Oberiuten um Charms oder die Serapionsbrüder um Michail Sostschenko, die sich nach einem Werk E. T. A. Hoffmanns benannten, sind Legion.

Und wie die Autoren der genannten Gruppen, fordert auch Naumow den paradoxen Grund unserer Alltagserfahrung zutage und die Ambivalenz der gesellschaftlichen und historischen Konstitution. Zum Beispiel, wenn in einer Erzählung die Menschheit die Entwicklung auf einem Planeten beobachtet, in dessen Bevölkerung sie sich in einer ihrer frühen zivilisatorischen Stufen zu erkennen glaubt. Sie wollen dabei die Versäumnisse und Fehlentwicklungen ihrer eigenen Gesellschaft am fremden Objekt zu untersuchen. Die Observatoren aber verlieren in der Beobachtung die Geduld und versuchen, die Geschicke der beobachteten Zivilisation in bestimmte Bahnen zu lenken, und aus den Forschern werden Kolonialisten und letztlich mit Stasi- (oder KGB-) Methoden arbeitende Geheimdienstler.

Überhaupt geht es in verschiedener Hinsicht um Manipulationen, die letztlich sowohl den Manipulierten als auch den Manipulator schädigen. Wenn zum Beispiel ein vom Helden bewunderter alter Regisseur in dessen vielversprechendem Stück übernimmt, und die Inszenierung auf diese Weise die merkwürdigsten Blüten treibt.

Eine Geschichte aber ist im Band, die so etwas wie eine märchenhafte Hoffnung birgt, auch wenn sie mit dem Verschwinden eines Kalligraphen endet. Zuvor hat er nämlich am und mit dem Gipfel seiner Kunst einer Naturkatastrophe Einhalt geboten. 

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