Kanäle
Jetzt personalisiertes
Audiomagazin abonnieren
Log-in registrieren
piqd verwendet Cookies und andere Analysewerkzeuge um den Dienst bereitzustellen und um dein Website-Erlebnis zu verbessern.

handverlesenswert

Kluge Köpfe filtern für dich relevante Beiträge aus dem Netz.
Entdecke handverlesene Artikel, Videos und Audios zu deinen Themen.

Du befindest dich im Kanal:

Literatenfunk

Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu
Jochen Schmidt
Zum piqer-Profil
piqer: Jochen Schmidt
Sonntag, 03.06.2018

Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu

Mein Lehrer im Erasmus-Französischkurs liebte es, seine landeskundlichen Schwärmereien in einer metonymischen Verkürzung gipfeln zu lassen: "Paris, c'est la France", oder: "De Gaulle, c'est la France". Er hätte auch sagen können: "Depardieu, c'est la France", denn von den Weltstars, die das französische Kino immer hervorgebracht hat, ist Gérard Depardieu nach ca. 240 Filmen ohne Zweifel einer der Größten. Das, was die Welt unter "französisch" versteht, verkörpert dieser Mann so perfekt, als müsse er die Globalisierung im Alleingang aufhalten: Er liebt gutes Essen und man sieht es ihm auch an (in Restaurants geht er direkt in die Küche durch, um die Töpfe zu inspizieren), er besitzt Weingüter und versteht etwas von der Winzerei, er fährt Motorroller und hält sich dabei nicht an die Verkehrsregeln, er war in seiner Jugend kleinkriminell, er hält Amerika für steril, sammelt Kunst und liebt Frauen (hier sieht man ihn bei Letterman in seiner Funktion als inoffizieller Weltbotschafter des Savoir-vivre). Paradoxerweise ist Frankreich Depardieu inzwischen zu eng, er verkörpert es lieber auf rastlosen Reisen durch die Welt und hat infolge einer Steueraffäre sogar das Angebot Putins angenommen, russischer Staatsbürger zu werden. 2014 hatte ARTE die Idee, Depardieu für einen Dokumentarfilm auf den Spuren von Alexandre Dumas durch den Kaukasus reisen zu lassen. Dumas, der von ganz ähnlicher Statur wie der 140-Kilogramm-Mann Depardieu war, hat 1858 eine Reise in diese Region unternommen und ein Buch darüber geschrieben ("Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus"). Weil Dumas von einem Maler begleitet worden ist, hat ARTE Depardieu auch einen Künstler zur Seite gestellt, den neben ihm zwergenhaft wirkenden Comicautor Mathieu Sapin. Damit hatte man ein klassisches Komödienpaar gecastet. Depardieu, der wahrscheinlich als einer der wenigen Menschen Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker in einem ist, spielt sich selbst und seinen unstillbaren Appetit auf Intensität, Echtheit und "Leben", bzw. einfach auf gutes Essen, und, da er sich schnell langweilt, kitzelt er auf steilen Serpentinenstrecken schon mal den Fahrer, damit der mehr Gas gibt. Zurück in Paris mußte Sapin ein paar Tage auf dem Sofa verbringen, mit Waschlappen auf der Stirn, Wärmflasche auf dem Bauch und sechs Kilogramm Übergewicht, aber er hatte ein Sujet gefunden. Sapin, der seinen Zivildienst im Musée de la Bande Dessinée in Angoulême abgeleistet hat (so etwas geht in Frankreich!) ist mit einigen der großartigsten französischen Comicautoren seiner Generation befreundet: Christophe Blain, Lewis Trondheim, Riad Sattouf, mit Joan Sfar teilt er sich sogar ein Atelier. (In der Comic-Community geht es freundschaftlicher zu als im neidvergifteten Literaturbetrieb, man liest sogar gegenseitig seine Bücher.) Er hatte sich für den ARTE-Auftrag mit mehreren Reportagebänden qualifiziert, in denen er als interessierter Nerd in für ihn exotische Milieus eingetaucht ist und sie radikal subjektiv und mit Sinn für Humor beschrieben hat. Nach drei Bänden über die Dreharbeiten zu Joan Sfars Gainsbourg-Film hat er ein halbes Jahr im Redaktionsgebäude der "Libération" verbracht und ein Comic-Tagebuch darüber veröffentlicht, das sich wie ein Abgesang auf die heroische Epoche des Printjournalismus liest (in diese Zeit fielen u.a. der arabische Frühling, Fukushima, Bin Ladens Tod und die Strauss-Kahn-Sexaffäre). Er hat für einen Comic die Wahlkampagne von François Hollande begleitet und durfte über ein Jahr im Elysée-Palast aus und ein gehen, um auch darüber einen Comic zu veröffentlichen. Anders als in der Literatur gilt im Comic die autobiographische Methode nicht als minderwertig, im Gegenteil. Sapin sagt, daß ihn Lewis Trondheim dazu ermutigt hat, seine Person nicht länger auszuklammern, wie er es in seinen ersten Alben über einen absurden Superhelden noch getan hat. Ganz gegen die Regeln des Journalismus ist er mit seiner eigenen Perspektive immer anwesend, er ist ja als Comicfigur Teil des Geschehens und kann z. B. Äußerungen anderer in Denkblasen kommentieren. (Man darf nicht vergessen, daß auch alle anderen realen Personen bei ihm Comicfiguren sind, also künstlerische Interpretationen der Realität.) Comicautoren blasen sich nicht auf, sie machen sich eher klein, das macht sie so sympathisch. Dadurch, daß Sapin die eigene Unfähigkeit, Ahnungslosigkeit oder Überforderung in tendenziell wichtigtuerischen Milieus (Film, Journalismus, Politik) ständig thematisiert, erleichtert er dem Leser die Identifikation und sperrige Themen erscheinen plötzlich interessant. (Man wünscht sich, daß auch im Kanzleramt ein Comicautor seiner Qualität einmal Mäuschen spielen dürfte). Mit jedem Buch hat Sapin seiner Methode mehr vertraut und seinen Strich verfeinert. Inzwischen dokumentiert er während der Recherchen heimlich oder offen mit der Kamera und fertigt ständig Skizzen an (am Ende von "Gérard" sind einige Seiten aus seinen Skizzenbüchern abgedruckt, die zeigen, wie weit der Weg von der Skizze zur Stilisierung der Figuren im Comic noch ist.) Sapins Perspektive und seine Idiosynkrasien fördern Material zutage, das man in journalistischen Reportagen vermißt, z. B. wenn er im Elysée-Palast vom Koch erfährt, daß das Lieblingsessen des Präsidenten nicht bekannt gegeben wird, sonst würde er auf Staatsbesuchen immer dasselbe Gericht serviert bekommen. Oder wenn er feststellt, daß man wie ein Kriegsreporter rüberkommt, wenn man den Rucksack nur über einer Schulter trägt. Oder wenn er in Cannes die Korrespondenten von Libération fragt, ob das Gerücht stimme, daß eine schlechte Kritik in Libé gut für die Zuschauerzahlen sei? (Nein, erfährt er, die Wahrheit sei eher, daß weder eine gute, noch eine schlechte Kritik etwas bewirkten: "Wir arbeiten für die Nachwelt, haha!") Nach zwei Reportagebänden über den französischen Präsidenten konnte eigentlich nur noch Depardieu kommen. Das Cover von "Gérard" zeigt die beiden im Beisitzer-Motorrad durch eine Bohrturm-Landschaft bei Baku fahren. Es soll, laut Sapin, an das Tim-und-Struppi-Cover von "Im Reiche des Schwarzen Goldes" erinnern. Schließlich hat Depardieu Sapin von Anfang an "Tintin" genannt, weil er sich das besser merken konnte. Fünf Jahre lang hat Sapin Depardieu auf Reisen begleitet und dabei ständig Skizzen angefertigt, selbst in der Sauna eines russischen Geschäftsmanns und Depardieu-Verehrers, wo beide mit Birkenzweigen gepeitscht werden. Zunächst hatte Sapin natürlich eine Mischung aus Scheu vor dem Star, Neugier, und ideologischen Bedenken, schließlich ist Depardieu seit einigen Jahren durch eine eher zweifelhafte politische Sturheit aufgefallen, seine Freundschaft zu Putin läßt er sich, wie sein deutscher Namensvetter, nicht ausreden (er, der auch Präsidenten duzt, nimmt für sich in Anspruch, sein Gegenüber mit durchdringendem Blick auf Charakterschwächen zu scannen, dann schließt er ihn entweder ins Herz oder macht sich aggressiv über ihn lustig. Möglich, daß er sich von den Mächtigen geschmeichelt fühlt, im Buch wirkt es nicht so.) Schneller als gedacht, findet Sapin sich mit der Kinolegende unter der Gemeinschaftsdusche eines Hotels in Baku wieder (dessen Handtücher Depardieu, wie er ihm anvertraut, gerne klaut). Der charismatische Schwadroneur, der ständig zwischen dem nachdenklichen, cholerischen, philosophischen und schweinischen Register wechselt, wird ihm zusehends sympathisch, auch weil er alles andere als eitel ist. Depardieu ist ein vielbeschäftigter Schauspieler, dessen Haus in Paris eine Ansammlung von scheußlichen Kunstobjekten enthält, die er sammelt, und die einem afrikanischen Despoten aus den 70er Jahren zur Ehre gereicht hätten (hier sieht man Sapin und Depardieu in diesem Ambiente im Gespräch). Dort sitzt Depardieu am liebsten mit freiem Oberkörper und in Boxershorts am Marmortisch und telefoniert. (Allerdings nicht mehr, wie er erzählt, täglich eine Stunde mit seinem Analytiker, denn der sei nach 30 Jahren Therapie gestorben.) Man ahnt sofort, daß hier eigentlich ein Mensch sehr einsam ist, obwohl er ständig von Leuten umgeben und auf Reisen ist, und vor allem im postsowjetischen Raum überall erkannt und zu Selfies überredet wird. So, wie er sich als Schauspieler sieht, nämlich gar nicht schauspielernd, frei von Lüge und sich restlos ausliefernd, gibt er sich auch dem Spiel mit seinem Dokumentaristen hin, indem er sein Verhalten kein bißchen retuschiert. Er rülpst, kratzt sich am Hintern, grummelt ununterbrochen und will genau so auch dargestellt werden. Depardieu kommt tatsächlich von der Straße, er behauptet, drei seiner Geschwister selbst zur Welt gebracht zu haben, inklusive Erstversorgung der Mutter bei einer Gebärmutterabsenkung. Er war Strichjunge, Krimineller ("Schlägereien waren mein Ding. Ich mochte das Gefühl, was einzustecken und dann selbst auszuteilen ..."), er saß oft im Gefängnis und säße dort vielleicht noch immer, wenn er nicht irgendwie zum Theater und zum Film gekommen wäre, um eine endlose Reihe von Hauptrollen zu spielen, für die nur er das Format hatte (hier in einer berühmten Szene in "Les valseuses", sehr lustig auch auf Deutsch): Danton, Olmo Dalcò, Jean de Florette, Rodin, Cyrano de Bergerac, Uranus, Columbus, Porthos, Obelix. Weil er sich inzwischen so oft geschäftlich in Rußland aufhält, ist das Buch auch eine Milieustudie des eigenartig barocken Lebensstils der dortigen Neureichen. Depardieu wird von Geschäftsleuten, Galeristen, Filmbossen hofiert und eingeladen, und er läßt kaum ein Buffet ungeplündert stehen. Was erst einmal abschreckend klingt, erweist sich als komische, berührende, intelligente Studie einer Künstlerexistenz von globaler Ausstrahlung, das Porträt eines Mannes, der sich längst nicht so leicht vereinnahmen läßt, wie es den Anschein haben könnte, und der wie ein Löwe darum kämpft, authentisch zu bleiben. Bei Filmaufnahmen zu "Le Divan de Staline" unter der Regie von Fanny Ardant, bricht es, als er zu lange in einer kalten Badewanne sitzen muß, mal wieder (durchaus selbstkritisch) aus ihm heraus: "Le cinéma, c'est un métier qui rend con, je te le dis!!"

9,4
16 Stimmen
relevant?

Möchtest du kommentieren? Dann werde jetzt Mitglied!

Bleib immer informiert! Hier gibt's den Kanal Literatenfunk als Newsletter.

Abonnieren

Deine Hörempfehlungen
direkt aufs Handy!

Einfach die Hörempfehlungen unserer Kuratoren als Feed in deinem Podcatcher abonnieren. Fertig ist das Ohrenglück!

Öffne deinen Podcast Feed in AntennaPod:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Downcast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Instacast:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Apple Podcasts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in iTunes:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Podgrasp:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Bitte kopiere die URL und füge sie in deine
Podcast- oder RSS-APP ein.

Wenn du fertig bist,
kannst du das Fenster schließen.

Link wurde in die Zwischenablage kopiert.

Öffne deinen Podcast Feed in gpodder.net:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.

Öffne deinen Podcast Feed in Pocket Casts:

Wenn alles geklappt hat,
kannst du das Fenster schließen.