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Literatenfunk

Fleishman steckt in Schwierigkeiten

Andreas Merkel

Sachbuchautor über Romane in Berlin. Letzte Veröffentlichung: "Mein Leben als Tennisroman" (Blumenbar). Kolumne "Bad Reading" im Freitag (das meinungsmedium).

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Andreas MerkelSonntag, 26.04.2020

Anfang des Jahres, als 2020 noch so verheißungsvoll wie ein grauer, kalter Januarmontag vor uns lag, traf ich mich in der Redaktion des „Freitag“ mit Johanna Adorján, um mit ihr die erste Folge eines neuen Literatur-Podcasts aufzunehmen. Der (oder das) Podcast sollte in der Tradition der Kolumne "Bad Reading" stehen und "Das Schweigen des Rainald Goetz" heißen. Das wäre dann der Running Gag jeder Folge gewesen, dass man am Ende den Gast fragt, warum Rainald Goetz schweigt. Denn es sollte immer einen Star-Gast geben, der mit mir gemeinsam über ein Buch reden würde.

In der ersten Folge hatte sich dazu netterweise Johanna Adorján bereit erklärt, und wir unterhielten uns über Taffy Brodesser-Akners "Fleishman Is In Trouble". Das passte deswegen so gut, weil "ich", wie Alexander Kekulé sagen würde, hier ja schon im letzten Jahr darauf hingewiesen hatte, was für ein toller Roman das ist, den Johanna auch auf ihrem Instagram-Literatur-Kanal vorgestellt hatte und der jetzt endlich auf Deutsch erschienen ist ("Fleishman steckt in Schwierigkeiten", dtv, Übersetzung von Britta Mümmler).

Außerdem sind beide - Johanna Adorján und Taffy Brodesser-Akner - ebenso brillante Gesellschaftsreporterinnen wie superreflektierte Romanautorinnen, die immer wieder Celebrities portraitieren. Und beide haben ihre subtile, sehr genaue und gemeine Beobachtungsgabe in ihren aktuellen Büchern dem Thema "Männer" gewidmet (s. Foto).

Dies aber eben nicht Schema F stur "aus weiblicher Perspektive", sondern wesentlich spannender und intelligenter im Blickwechsel der sich und einander ständig umkreisenden Geschlechter auf der Suche nach den großen Gefühlen, Missverständnissen, Täuschungen und Ehekrisen.

So erwacht der titelgebende Toby Fleishman, erfolgreicher Hepathologe und Familienvater in New York City, eines Morgens inmitten einer Scheidung und mit einem Smartphone voller Sex. Das ganze wird erzählt aus der Perspektive seiner Jugendfreundin, die eine Art Alter Ego Brodesser-Akners herself ist: heute Familienmutter, früher Society-Reporterin. An einer Stelle vergleicht sie ihr Schreiben mit dem des Star-Reporters "Archer Sylvan", den man sofort als Gay Talese erkennt, worüber ich ganz aus dem Häuschen war (und Johanna nicht ganz so).

An einer Stelle stellt die Ich-Erzählerin dazu folgende zentrale Überlegungen an:

Als ich beruflich zu schreiben begann, wollte ich wie Archer schreiben: auf diese Art, die seine Wut nur langsam, aber voller Anspannung und Schönheit ventilierte, bis sein diffus waberndes Mitgefühl, durchs Prisma der Wut gejagt, einen allgemeinen Ekel vor dem Zustand der Welt kreierte, der als die einzig gültige Schlussfolgerung erschien, die ein kluger, denkender Mensch ziehen konnte. Ich empfand auch Ekel. Ich war auch wütend. Aber ich landete nie bei der Wut – meine Artikel endeten nie damit –, und das machte, glaube ich, letztlich mein Scheitern aus. Mein Mitgefühl gebar nur noch mehr Mitgefühl, was erst einmal gut klingt, ja, aber von einer inneren Feigheit herrührte. Ich fürchtete mich zu sehr davor, mit Wut zu enden, davor, Ekel vor meinen Protagonisten zu empfinden, die natürlich reale Menschen waren, mir ihre Zeit und ihr Vertrauen geschenkt hatten und außerdem meine Handynummer kannten. Mir war ziemlich egal, ob sie mich hassten; ich würde sie sowieso nie wiedersehen. Aber ich hatte Angst davor, in der Wut stecken zu bleiben, allem Ärger Luft zu machen und keine Lösung anbieten zu können. Ich wollte nicht zu hasserfüllt sein, und so begann ich schließlich, mich selbst dafür zu hassen, dass ich mir zu viele Gedanken machte. Was nicht heißen soll, dass ich eine schlechte Autorin war. Ich war gut, und beliebt, und die Leute sagten, ich hätte Mitgefühl, und es sei schön, auch einmal etwas Freundliches zu lesen. Nur ich wusste, dass mein Mitgefühl eigentlich ein Zeichen dafür war, dass es mir an Mut und Tapferkeit fehlte.

Natürlich weiß Brodesser-Akner sehr genau, dass gerade in diesem "Scheitern" an den Vorgaben einer (männlichen?) Fame-Persona die Qualität ihres (weiblichen?) Schreibens besteht. In etwa so, wie sie im unten verlinkten Begleit-Video super American über ihre Gefühlswelt beim Schreiben eines Gwyneth Paltrow-Portraits erzählen kann.

Und "Das Schweigen des Rainald Goetz" wurde übrigens bereits in der Postproduktion der ersten Folge gleich wieder eingestellt. Aus budget- und personaltechnischen Gründen. Folge 2 wäre mit Clemens Meyer über "Nochmal Deutschboden" gewesen, aber die kann man sich ja selber denken.

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